Fortsetzung: Vertrieben (33)

Die wahre Geschichte eines kleinen Mädchens

Autorin: U. Hillesheim ©

Jetzt heißt es bald: „Essen holen“! Alle stellen sich in einer langen Reihe auf, in der Hand ihre Tiegel und Töpfchen. Zum Frühstück gibt es auch hier eine trockene Brotschnitte und eine Schöpflöffel mit schwarzem Ersatzkaffee(natürlich ungesüßt). Zu Mittag teilt man uns wieder Brot mit Kaffee aus, am Abend einen Schöpfer voll Suppe. Wir erhalten nicht mehr Nahrung als in Hodulein, aber sie ist besser über den Tag verteilt. Von der Suppe essen Adelheid und ich immer zuerst das, was flüssig ist. Der sehr kleine Rest (meist nur ein gestrichener Esslöffel) an festen Bestandteilen (Kartoffel- und Möhrenstückchen, manchmal auch Nudeln) wird zum Schluss als Leckerbissen verzehrt.

Natürlich müssen wir uns auch waschen und das benutzte Geschirr unter der Pumpe ausspülen. Aber sonst haben wir keine Pflichten. Den ganzen Tag können wir Kinder spielen.

Mehr als 40 Menschen teilen sich eine Waschschüssel. Da muss man lange anstehen, ehe man dran kommt. Muttl legt auf unsere tägliche Wäsche, morgens und abends, sehr großen Wert. Vor allem abends müssen die Füße sauber gewaschen werden, denn wir laufen nur barfuß. Unsere Füße sind vollkommen abgehärtet und mit einer dicken Hornhaut versehen. Steine, Schutt, sogar Glassplitter machen uns nicht das Geringste aus.

Als einzige Wasserstelle für Wasch-, aber auch Trinkwasser, dient in unserem Lagerbereich eine im Freien stehende Handpumpe mit Schwengel. Dort – natürlich mit kaltem Wasser – waschen wir uns. Zähne haben wir niemals geputzt und der Zahnbelag, den man bald spürt, wird mir unangenehm. Vielleicht hatte Muttl vergessen, Zahnbürsten einzupacken.

Und Toiletten? Wo sind Toiletten? Wir suchen vergebens. Es gibt sie nicht hier. Es gibt einfach keine Toiletten im Lager für uns. Die Leute müssen ihre Notdurft irgendwo auf dem Lagergelände verrichten. Dort jedoch steht auch der Brunnen für unser Trinkwasser. Bald kommen Durchfälle auf, auch blutige Durchfälle. Wenn die Leute nachts schnell hinaus müssen, kann es vorkommen, dass sie die Nachtschüsseln umstoßen, die im schmalen Mittelgang stehen. Da fließt der Urin dann unter die Strohsäcke. Im Freien entsetzen sich viele über die Ratten, die offenbar massenhaft in den Schutthalden leben und die man in der Dunkelheit pfeifen hört.

Auch wir drei Kinder bekommen den Durchfall. Adelheid ist dermaßen geschwächt, dass sie mehrfach nachts draußen zusammenbricht. Doch das hat sie nur mir, nicht aber Muttl, erzählt. In den Männerunterkünften unseres Lagers wird ein deutscher Arzt ausfindig gemacht. Medikamente kann er nicht geben, aber er verordnet eine strenge Diät: Am ersten Tag darf man nur trinken, am zweiten Tag aber nichts trinken, nur essen (Nicht trinken bei Durchfall und heißem Hochsommerwetter! Heute denkt man anders darüber). Dieser glühende, glühende Durst! Ich habe ihn nicht vergessen bis heute.

Doch wir werden wieder gesund. Später, als ein Ofen gebaut war und gekocht werden konnte und wir Hilfe von außen erhielten, ist an die Durchfallerkrankten von der „Schleimliesel“ Haferschleim ausgeteilt worden. Dann werden Latrinen gebaut. Das sind unter freiem Himmel einfach Gräben mit einer Sitzstange oben am Rand. Ihr glaubt nicht, wie schnell man sich daran gewöhnt hat (jedenfalls wir Kinder), hier mit anderen zusammen zu „sitzen“.

Fortsetzung folgt

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