Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics
„Wir sind kein Insiderclub“

Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics in einem anregenden Gespräch mit Bezirksblätter Burgenland-Chefredakteur Christian Uchann
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Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics über Kirchenaustritte, Flüchtlingspolitik, Klimaschutz und seine Leidenschaft.

Die Diözese feiert im Jahr 2020 ihr 60-jähriges Jubiläum. Was dürfen wir uns von diesem Jubiläum erwarten?
Wir wollen bei diesem Jubiläum vor allem drei Dinge in den Mittelpunkt stellen. Zum einen soll es eine Geburtstagsparty für unsere Diözesanfamilie sein. Dann soll es ein Fest des Dankes sein, weil so viele Leute hinter den Kulissen mit der Kirche und in der Kirche mitarbeiten. Und wir wollen eine Ermutigung aussprechen, dass Spiritualität und Glauben ein Lebensbegleiter sein sollen. Wir möchten Türen öffnen für Menschen, die katholisch getauft sind, aber sich vielleicht von der Kirche entfernt haben und enttäuscht sind. Wir wollen kein Insiderclub sein, sondern offen für alle.
Der Höhepunkt wird am 1. Juni im Schlosspark in Eisenstadt sein.

Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung der Diözese im Burgenland?
Niemand hat an dieses Burgenland nach dem Krieg geglaubt. Auch von Seiten der Kirche hat man nicht gedacht, dass dieser kleine Teil lebensfähig bleiben wird. Die Diözese hat keinen leichten Weg gehabt, aber einen kontinuierlichen und einen, der aufwärts gegangen ist. Jetzt liegt es an uns, den Elan und die Freude am Glauben zu wecken und weiterzugeben. Wir wollen keine Asche verwalten, sondern ein Licht weitergeben.

Für Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics „schmerzt“ jeder Kirchenaustritt.
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Wie entwickelt sich die Zahl der Kirchenaustritte im Burgenland?
Wir sehen in den letzten Jahrzehnten, dass sich immer mehr Menschen von der Kirche verabschieden. Man kann es so zusammenfassen: Jedes Jahr tritt ein burgenländisches Dorf aus der Kirche aus – also zwischen 1.200 und 1.300 Personen. Das schmerzt wirklich, weil es um jeden schade ist, der diesen Weg nicht mitgeht.
Meistens ist schon in der Beziehung vorher irgendwo eine Bruchstelle gewesen. Oder man hat die Institution negativ erfahren, oder man hat selber zum Glauben keinen Bezug mehr. Das ist für uns immer wieder eine Herausforderung. Wir müssen die Menschen begleiten, ihnen nachgehen – ihnen wirklich in der Person auch folgen. Und schauen, wie ihre Biographie ist, um sie dort abzuholen, wo sie stehen. Da sind wir in der Seelsorge alle gefordert, unser Möglichstes dazu beizutragen.

Wie groß ist im Burgenland das Problem des Priestermangels?
Wenn man das mit der Situation in Amazonien vergleicht, dann sind alle unsere Gemeinden überversorgt. Im Burgenland kommt auf 1.200 bis 1.300 Gläubige ein Priester.
Aber insgesamt gibt es viel weniger Priester. Ein Grund ist sicher auch in der niedrigen Natalität zu suchen. Die Familien haben heute ein bis zwei Kinder. Früher gab es Großfamilien mit fünf bis acht Kindern – und da waren immer ein bis zwei dabei, die sich für den geistlichen Beruf interessiert haben.
Ein zweiter Grund ist sicher auch, dass der „religiöse Grundwasserspiegel“ etwas gesunken ist. Und es ist sicher auch so, dass es nicht so ein attraktiver Beruf ist – ob seiner Lebensform, ob seiner anderen Herausforderungen.

Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics zeigt sich von der Flüchtlingspolitik der EU schwer enttäuscht.
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Sie haben sich immer wieder zur Flüchtlingssituation zu Wort gemeldet. Wie bewerten Sie die aktuelle Flüchtlingspolitik in Europa?
Als Europa-Bischof bin auch von der EU und von der gesamten Administration dort schwer enttäuscht, dass man noch immer nicht Maßnahmen gesetzt oder gefunden hat, um dieses gemeinsame Problem zu beheben. Momentan scheint es so, dass weniger bei uns anklopfen. Aber sie stehen trotzdem vor der Tür. Und ich möchte gar nicht daran denken, was uns aus Afrika erwartet, wenn die erst losziehen.

Was müsste getan werden?
Wenn wir wieder nur auf die nationalen Staaten setzen, dann haben wir das Hickhack und Maßnahmen, die von sehr human bis inhuman reichen. Hier wird mit Menschen gespielt.
Meine persönliche Meinung ist: Jeder, der bei uns anklopft, sollte die Möglichkeit bekommen, dass seine Situation geprüft wird. Und dass er dann auch aufgenommen wird, wenn er etwa in seinem Land unter schweren Menschenrechtsverhältnissen lebt. Wirtschaftsflüchtlinge oder Illegale müssen in die Länder zurückgebracht werden. Weil Europa kann auch nicht alles tragen.
Die Gefahr ist heute sehr groß, dass alle in einen Topf geworfen werden.

Derzeit ist der Kampf gegen den Klimawandel weltweit das vorrangige Thema. Von der Kirche hört man dazu eigentlich sehr wenig?
In der kirchlichen DNA ist es so, dass dies automatisch im Schöpfungsbericht enthalten ist – diese Schöpfungs- und Naturverbundenheit.
Papst Franziskus hat seiner Enzyklika ,Laudato si’ eindringlich auf die Bewahrung der Schöpfung hingewiesen. Und er hat sehr stark die Gesellschaft und die Politik ins Gebet genommen, dass hier Maßnahmen zu setzen sind.
Meine persönliche Meinung: Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist in manchen Punkten schon fünf nach zwölf. Und je länger wir zuwarten, umso unverantwortlicher leben wir auf Kosten der nächsten Generation. Wir können noch so manches auf Schiene bringen, damit die nächste Generation von den Ressourcen dieser Erde leben kann.

Der künftige Bischof von Gurk-Klagenfurt, Josef Marketz, spricht sich für eine Abschaffung des Zölibats aus. Wie ist Ihre Position dazu?

In der Kirche hat es diese Zölibats-Diskussion immer wieder gegeben. Es gibt auch in der lateinisch-katholischen Kirche zwei Zugänge. Es gibt den verheirateten Priester – vor allem in der griechisch-katholischen, und es gibt es auch den zölibatär lebenden Priester. Ich glaube, es wäre nicht korrekt, eines gegen das andere auszuspielen.
Es ist auch kein göttliches Gebot, sondern ein Kirchengesetz, das jederzeit geändert werden kann. Aber ich glaube, dass die Kirche damit sehr, sehr vorsichtig umgehen wird, weil es durch die Jahrhunderte auch eine reiche Erfahrung gibt.
Ich kann für mich persönlich sagen: Meine Verfügbarkeit in der Aufgabe wäre so nicht möglich, wenn ich selbst jetzt für eine Familie Verantwortung tragen müsste.
Priester und Bischöfe müssen aber auch darauf schauen, dass sie in einer Familie geborgen sind. Weil nur dann kriegen sie auch die Probleme mit. Das hängt aber von jedem einzelnen ab, ob er das zu seinen Lebzeiten auch wirklich aufbaut oder ob er nur in einem Glashaus lebt oder sich in seinem Pfarrhof einsperrt.

Ende Jänner finden im Burgenland Landtagswahlen statt. Wie sehen Sie den Wahlkampf?
Ich bin ein politischer, aber ich bin kein parteipolitischer Mensch. Ich bin sehr froh, dass es einen kurzen Wahlkampf gibt. Ich bin auch froh, dass keine großen Kämpfe geführt werden und dass es vielfältige Angebote gibt. Das ist die Lebendigkeit einer Demokratie.
Als Empfehlung würde ich gerne mitgeben, dass wir in den wesentlichen Themen einen Konsens finden müssen, denn nur das bringt das Land, die Gesellschaft voran – etwa in der Bildungspolitik. Man kann nicht nach jedem Regierungswechsel Dinge verändern. Das bringt das ganze System durcheinander.

Sie haben kürzlich gemeinsam mit Pfarrer Franz Brei eine „Goldene CD“ überreicht bekommen. Ist Singen eine Leidenschaft von Ihnen?
Eigentlich schon. Ich stamme aus einer kroatischen Familie und wir haben zuhause immer viel gesungen. Und ich war sehr früh im Knabenseminar in Mattersburg im Chor dabei. Da durfte ich oft auch solo singen. Und so ist die Leidenschaft gewachsen. Die Stimme ist nicht ganz unbrauchbar – hat man mir gesagt.

• Kommentar von Chefredakteur Christian Uchann

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