Regina Petrik im Interview
"Gute Stimmung bringt noch keine Zuwächse"

Regina Petrik würde die Gelegenheit einer Regierungsbeteiligung im Burgenland gerne wahrnehmen – vorausgesetzt es gebe ein "gescheites" Klimaschutzprogramm
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Die Grüne Spitzenkandidatin für die Landtagswahl am 26. Jänner 2020 über die Gründe für das momentane Hoch der Grünen, ihren persönlichen Klimaschutz und den Wunsch einer Regierungsbeteiligung im Burgenland

Sie sind dreifache Mutter. Würden Sie es verstehen, wenn Ihre Kinder nicht die Grünen wählen?
Ich weiß, dass meine Kinder bei der Nationalratswahl 2017 nicht die Grünen gewählt haben. Das macht ja die Debatten am Küchentisch nur spannender. 

Ihre Tochter Flora Petrik engagiert sich ebenfalls in der Politik. In welchem Punkt sind Sie unterschiedlicher Meinung?
Alle meine drei Kinder engagieren sich in der Politik. Ich glaube, wir haben sehr ähnliche Vorstellungen was das in Frage stellen von Herrschafts- und Machtverhältnissen betrifft. Meine Kinder sind in ihren Positionen meistens etwas extremer als ich und das ist aber auch die Aufgabe der Jugend. 

"Meine Kinder sind in ihren Positionen meistens etwas extremer als ich das bin und das ist aber auch die Aufgabe der Jugend."
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Die Grünen haben in allen jüngsten Wahlen in Österreich zulegen können. Warum?
Einerseits ist der Klima- und Umweltschutz, der ja immer schon das Grüne Kernthema war und wo wir mittlerweile sehr viel Erfahrung und Kompetenz haben, einfach zu einem allgemein und öffentlich diskutierten Thema geworden. Dinge, für die wir vor 30 Jahren noch belächelt und als Schwarzmaler abgestempelt wurden, haben sich jetzt in der Gesellschaft als wissenschaftliche Erkenntnisse gefestigt. Andererseits haben wir aus dem Ausscheiden aus dem Nationalrat im Jahr 2017 auch einiges gelernt. Manchmal ist es vielleicht ganz gut, am Boden zu liegen und sich neu zu orientieren. Dadurch sind einfach manche Sachen grundsätzlich in Frage gestellt worden, zum Beispiel wie wir uns aufstellen und wie wir kommunizieren. Daraus haben wir gelernt und ich denke, die ersten Früchte sehen wir jetzt davon.

Spüren Sie die gute Stimmung rund um die Grünen auch im Burgenland? Etwa anhand der Mitgliedszahlen?
Ja. Es kommen laufend Mitgliedsanträge und es ist ein auffallender Aufschwung von Leuten, die kommen und sagen, sie wollen jetzt mithelfen. Wir merken es aber auch draußen auf der Straße, wo wir jetzt wieder positiver angesprochen werden. Was die Koalitionsverhandlungen auf Bundesebene betrifft, war ich selber erstaunt, wie viele Menschen aus unterschiedlichen politischen Richtungen zu uns kommen und sagen, „schaut’s bitte unbedingt dass das was wird mit Türkis-Grün, weil es darf auf keinen Fall wieder Türkis-Blau werden und es muss endlich was im Klimaschutz weiter gehen, um die Klimaziele zu erreichen“. Also da gibt es einfach eine positive Erwartung an uns. Da traut man uns auch zu, dass wir das können und auch tun und das ist schon schön.

"Dinge, für die wir vor 30 Jahren noch belächelt und als Schwarzmaler abgestempelt wurden, haben sich jetzt in der Gesellschaft als wissenschaftliche Erkenntnisse gefestigt."
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Erwarten Sie auch im Burgenland einen Zuwachs an Wählerstimmen?
Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir Stimmen dazu gewinnen. Die Frage ist, wie viel. Ich hoffe wirklich sehr auf das dritte Mandat, vor allem weil wir dann mehr Gestaltungsspielraum haben. Da kann schon einiges drinnen sein und trotzdem ist uns bewusst, man muss um jede Stimme laufen. Also geschenkt wird einem nichts. Wir müssen die Menschen überzeugen und wir haben natürlich einen Wahlkampf, wo wir mit unseren kleinen Mitteln viel weniger Oberfläche haben als andere, die bereits jetzt mit riesigen Bussen durch die Gegend fahren und überall ihre Plakate aufhängen. Wir werden zehn Großflächenplakate im ganzen Burgenland haben, das ist nicht viel. Aber ok, es sind eben unterschiedliche Ausgangspositionen und damit leben wir und ich jammere auch nicht. Aber nur eine gute Stimmung bringt uns noch keine großen Zuwächse. Man muss auch darauf hinweisen, dass wir ein sehr verwirrendes Wahlsystem haben und letztendlich die Vorzugsstimme entscheidet. Deshalb halte ich Umfragen auch nie für ganz verlässlich, weil selten nach der Vorzugsstimmenvergabe gefragt wird.

Mittlerweile hat gefühlt jede Partei den Klimaschutz für sich entdeckt. Nervt Sie das?
Ich werte das am politischen Parkett auch als einen Erfolg der Grünen – aber nicht nur, denn da haben natürlich die NGO’s sehr viel vorangetrieben und es gibt ja jetzt mit Friday’s for Future auch eine Jugendbewegung, die Druck macht. Vor 20 Jahren haben die Grünen für die Windenergie gekämpft und wurden dafür verlacht. Vor zehn Jahren haben wir für den Ausstieg aus Öl und Gas geworben und es wurde uns damals gesagt, wir würden der Wirtschaft schaden wollen – heute steht das in allen Parteiprogrammen. Für ein Bio-Land Burgenland wurden wir vor fünf Jahren belächelt und jetzt plakatiert das die SPÖ. Also das heißt, da haben wir etwas erreicht und das ist schön. Ich kann mich eigentlich nicht darüber beklagen, wenn andere Parteien das umsetzen, was wir schon lange fordern. Mit den Grünen käme halt vieles schon früher und wahrscheinlich etwas beherzter. Und man muss aber auch unter die Überschriften schauen. Wenn sich jemand hinstellt und sagt, Bodenschutz ist wichtig und gleichzeitig ein großes Logistikzentrum hinstellt, dann ist das ein Widerspruch in sich. Den großen Paradigmenwechsel für das Erreichen der Klimaziele erreicht man nur, wenn die Grünen zum einen die Maßnahmen dafür vorlegen und zum anderen den Druck dazu machen. Wir können das in der Regierung und in der Opposition.

"Es kommen laufend Mitgliedsanträge und es ist ein auffallender Aufschwung von Leuten, die kommen und sagen, sie wollen jetzt mithelfen."
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Was unternehmen Sie persönlich, um das Klima zu schützen?
Ich fahre ein Elektro-Auto und auch oft mit dem Fahrrad. Ich kaufe vor allem bio und regional und überlege mir beim Einkaufen gut, was ich wirklich brauche. Vieles ist einfach eine Gewöhnungssache. Flugreisen unternehme ich privat fast keine. Und ich bin nach dem Auszug meiner Kinder in eine kleinere Wohnung gezogen, um nicht unnötig Energie zu verschwenden. Ich versuche eben, meinen CO2-Fußabdruck möglichst klein zu halten, möchte aber auch betonen, dass die Politik die Aufgabe hat, Rahmenbedingungen zu schaffen und nicht, Menschen zu sagen, wie sie zu leben haben.

Abgesehen vom Klimaschutz – gibt es ein großes Thema, das die Grünen besetzen?
Es hängt natürlich sehr vieles mit dem Klimaschutz zusammen, zum Beispiel die Verkehrspolitik. Aber abgesehen davon, ist uns das Leben in den burgenländischen Gemeinden, wo immer mehr Menschen wegziehen und die Ortskerne sterben, sehr wichtig. Wir wollen in den Gemeinden eine Nahversorgung haben, auch gesundheitlicher Art. Wir wollen die Büchereien in den Gemeinden als Bildung- und Begegnungsorte stärken und die Mobilität so gestalten, dass man innerhalb einer Gemeinde nicht mehr mit dem Auto irgendwo hinfahren muss, um überhaupt zu einem öffentlichen Verkehrsmittel zu kommen. Wir haben einen starken Fokus auf das Ermöglichen von gutem und gesundem Zusammenleben. Ich denke, das unterscheidet uns auch sehr stark von den großen Konzepten der SPÖ, die sehr viele zentralisierte Angebote hat. Siehe Pflegekonzept. Die SPÖ will zentrale, große Heime für die Pflege, wir wollen die kleine und wohnortnahe Pflege ermöglichen. Abgesehen vom Leben in den Gemeinden sind uns die Agrarpolitik, eine echte Bürgerbeteiligung und die Jugendpolitik sehr wichtig. Ich denke, die Grünen sind die Spezialisten des ressortübergreifenden Denkens, ganz einfach weil wir eine kleinere Partei sind und sich eine Person um Verschiedenes kümmern muss.

Ursprünglich hätte die Landtagswahl im Mai 2020 stattfinden sollen, wo definitiv mehr Menschen auf den Straßen unterwegs sind als im kalten Jänner. Erschwert das den Grünen Wahlkampf?
Ja, weil wir kein Geld für Inseratschaltungen haben und daher sehr viel auf den Face-to-Face-Wahlkampf angewiesen sind. Das heißt, wir machen Hausbesuche und sind auf der Straße draußen und das ist natürlich in der kalten Jahreszeit schwieriger und härter.

Wünschen Sie sich eine Landesregierung mit Grüner Beteiligung?
Ja. Jede, die in die Politik geht, möchte etwas verändern und durchsetzen. Und wenn es die Möglichkeit gibt, das in einer Regierung zu tun, dann werden wir die Gelegenheit natürlich gerne wahrnehmen – vorausgesetzt es kommt tatsächlich zu einem gescheiten Klimaschutzprogramm, denn ich habe kein Interesse daran, eine kleine Spielwiese zugeordnet zu kommen, um Steigbügelhalter zu sein für eine de facto SPÖ-Alleinregierung. Das passiert ja jetzt mit den Blauen, die die Spielwiese Sicherheitspartner und ein bisschen Wirtschaftsförderung haben und eigentlich kann der Landeshauptmann frei und alleine regieren. Da würde ich meine Energie dann lieber in die Oppositionsarbeit und in die Kontrolle stecken.

"Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir Stimmen dazu gewinnen. Die Frage ist, wie viel."
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Sagen Sie uns in einem Satz, warum die Wähler die Grünen wählen sollen..
Eine wirklich wirksame und nachhaltige Klimapolitik in allen Politikbereichen und die Grundüberzeugung, dass eine Gesellschaft dann gut funktioniert, wenn man einen starken Zusammenhalt hat, gibt es nur bei den Grünen.

Ihr Ziel für die Landtagswahl?
Das dritte Mandat, also um die 8 Prozent. Wir hatten bei der Nationalratswahl 15.000 Stimmen im Burgenland. Wenn wir diese bei der Landtagswahl halten können, dann wär das schon ein guter Zugewinn. Wir haben auf der einen Seite sicherlich ein kleines Potenzial bei enttäuschten ÖVP-Wählern und auf der anderen Seite gibt’s natürlich auch SPÖ-Wähler, die vom Rechtsruck der SPÖ Burgenland enttäuscht sind. Ich denke, dass Doskozil wieder Landeshauptmann werden wird, ist gesetzt. Die Frage ist, wen will er als Koalitionspartner haben? Die SPÖ-Mitgliederbefragung hat ja ergeben, dass es da fast schon ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Wunschpartner FPÖ und Grüne gibt und dieses Wettrennen nehme ich gerne auf.

Wordrap mit Regina Petrik

Autor:

Franz Tscheinig aus Eisenstadt

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