Interview
Caritas-Präsident Landau – "Familien dürfen nicht zu Verlierern werden"

Das Interview fand in der Notschlafstelle der Gruft in Wien statt.
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  • Das Interview fand in der Notschlafstelle der Gruft in Wien statt.
  • Foto: Markus Spitzauer
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Caritas-Präsident Michael Landau über den gesellschaftlichen Klimawandel und was man dagegen tun kann.

Seit 2013 ist der gebürtige Wiener Michael Landau Präsident der Caritas Österreich. Im Interview kritisiert er die geplante Mindestsicherung Neu und weist einmal mehr darauf hin, dass Armut und nicht armutsbetroffene Menschen bekämpft werden müssen.

Gerade im Winter hilft die Caritas vielen Menschen. Wie steht es denn um die Hilfe seitens der Bevölkerung?
MICHAEL LANDAU: In unserem Land gibt es einen guten Grundwasserspiegel der Nächstenliebe und der Solidarität. Das ist sehr kostbar. Wir sehen an vielen Orten, etwa in der Gruft in Wien oder im Marienstüberl in Graz, die große Bereitschaft der Menschen, mitzuhelfen. Ich sage das auch mit einem großen Danke in Richtung der Wiener Bezirkszeitung für die wunderschöne Aktion „Wiener Herzen“. Denn sie ermutigt Menschen, für andere da zu sein.

Und seitens der Regierung?
Es braucht neben der notwendigen Hilfsbereitschaft jedes Einzelnen auch einen funktionierenden Sozialstaat. Ich bin überzeugt davon, dass ein funktionierender Sozialstaat letztendlich ein Garant für den sozialen Frieden und den sozialen Zusammenhalt ist. Gerade deshalb ist es mir so wichtig, daran zu erinnern, dass wir Armut bekämpfen müssen und nicht armutsbetroffene Menschen.

Damit meinen Sie die neue Mindestsicherung?

Gerade was die Mindestsicherung betrifft, muss das Maß die Lebensrealität der Menschen sein. Es kann nicht sein, dass kinderreiche Familien zu den Verlierern zählen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass diejenigen, die hier Reformen vorschlagen, doch sehr weit von der Wirklichkeit der betroffenen Menschen entfernt sind.

Woran liegt das?
Vielleicht ist es Angst, sich auf die Not von Menschen einzulassen. Es ist offenbar einfacher, etwa obdachlose Menschen für ihre Situation verantwortlich zu machen, als für leistbare Mieten in unserem Land zu sorgen. Wir sehen tagtäglich, dass sich Menschen in Not nichts sehnlicher wünschen, als für sich selbst zu sorgen. Heute glauben in der Politik offenbar viele, hart gegenüber Schwachen auftreten zu müssen. Aber man sollte Härte nicht mit Größe verwechseln. Größe hat mit Menschlichkeit und Barmherzigkeit zu tun.


Regelmäßig schaut Michael Landau in der Gruft vorbei und redet mit den Besuchern.

208.000 Menschen in Österreich können sich das Heizen nicht leisten. Wo ist die Situation besonders prekär?
Generell sind Ballungszentren sehr stark betroffen. Gar nicht wenige Menschen, die zum Beispiel in die Gruft kommen, haben noch eine Wohnung, die sie aber nicht mehr heizen können. Wir sehen auch, dass viele Menschen vom Land in die Anonymität der Großstädte flüchten. Weil sie sich in einem kleinen Ort, wo sie jeder kennt, für ihre Situation schämen.

Wut, Hass und Hetze werden in sozialen Netzwerken immer massiver. Wie können wir es schaffen, wieder verständnisvoller und sozialer zu werden?
Was mich im Moment beschäftigt, ist der gesellschaftliche Klimawandel, gerade in sozialen Medien. Aber die gute Nachricht lautet: Auch dieser Klimawandel ist von Menschen gemacht und wir können etwas dagegen tun. Ich glaube, es ist wichtig, zu einer Sprache des Respekts und der Achtsamkeit zurückzukehren. Den anderen in seiner Würde ernst zu nehmen, auch dort, wo die Meinungen auseinandergehen.

Ihr Wunsch für 2019?
Dass der soziale Friede in unserem Land weiterhin etwas Kostbares ist, worauf wir stolz sein können, woran wir aber auch miteinander weiterbauen müssen. Indem wir hinschauen, wo es für Menschen brüchig wird, und nicht wegschauen. Indem wir das gemeinsame Ziel haben, dass möglichst alle Menschen in unserem Land eine faire Chance haben. Die Wirtschaft entwickelt sich gut, die Arbeitslosenzahlen sinken. Gerade weil es uns gut geht, können wir etwas für die tun, denen es nicht so gut geht.

Initiative "Wiener Herzen"

Beinahe jeder dritte Wiener leistet unbezahlte freiwillige Arbeit. Diese "Wiener Herzen" stellt die bz nun ins Rampenlicht. Warum? Weil es Geschichten über tolle Menschen sind. Und weil wir Institutionen vorstellen möchten, denen es oft schwerfällt, gehört zu werden. Kennen Sie ein "Wiener Herz", schreiben Sie uns an wienerherzen@bezirkszeitung.at

Auf der Seite "Wiener Herzen" finden Interessierte eine Auflistung aller bereits vorgestellten Projekte, die auf Unterstützung von Freiwilligen hoffen.

Das Interview fand in der Notschlafstelle der Gruft in Wien statt.
Regelmäßig schaut Michael Landau in der Gruft vorbei und redet mit den Besuchern.
Autor:

Nicole Gretz-Blanckenstein aus Wien

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