Kirchenaustritte
Katholische Kirche – quo vadis?

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Die Turbulenzen in der katholischen Kirche wollen nicht enden. Die jüngsten Informationen zum „System Schwarz“ lösten allerorts Diskussionen aus.

HERMAGOR (jost) Dass ein Veto aus Rom nicht befolgt wird, wie jüngst das Veröffentlichungsverbot des Kärntner Prüfberichtes in der Angelegenheit um Bischof Schwarz, ist historisch, und wurde von der Bevölkerung mit grosser Aufmerksamkeit registriert. Immerhin ist die Zahl der Kirchenaustritte in der Diözese Gurk im Jahre 2018 um 16,8 Prozent gegenüber 2017 gestiegen. Die Gründe dafür seien ganz unterschiedlich - und nicht ausschließlich auf die Aufarbeitung der Ära Bischof Alois Schwarz zurückzuführen.
Wie der Flächenbrand in der Katholischen Kirche in Kärnten zu verhindern wäre, hat die WOCHE bei einer Umfrage im Gailtal efahren.

Kirche St.Daniel/Dellach
Viktor Pirkopf, Obmann des Pfarrgemeinderates: Glaube ist eine persönliche Beziehung zu Gott! Wenn diese Beziehung zu schwach ist, wende ich mich bei bestimmten Anlässen von der Kirche ab. Die gesellschaftliche Entwicklung stellt die materiellen Werte in den Vordergrund.
Die Angelegenheit Causa Schwarz nehmen glaubensschwache Christen vermehrt als Anlass zum Kirchenaustritt. Die Form der jetzigen Einhebung der Kirchensteuer soll neu überdacht werden. Vorbildwirkung von Eltern und der Gesellschaft wird die Jugendlichen wieder in die „Kirchenfamilie“ zurückführen. Eine transparente Amtsführung würde Vieles verhindern. Eine Offenlegung der Visitation ist innerhalb der kirchlichen Gremien ein Muß! Der Prüfbericht des Domkapitels muß die Grundlage der Überprüfung sein! Eine Verschleierung darf es nicht geben!

Kirche St.Stefan/Gail
Peter Sternig, Obmann des Pfarrgemeinderates: Als ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Pfarre St. Stefan an der Gail liegt mir eine positive Entwicklung der Katholischen Kirche Kärnten sehr am Herzen. Die jetzige schwierige Situation stellt auch eine Chance für die notwendige Erneuerung dar. Es ist mir bewusst, dass im Sinne einer korrekten Problemlösung eine gewisse Zeit erforderlich ist, denn wir brauchen eine gute Ausgangsbasis für den neuen Bischof.
Die Gründe für die Kirchenaustritte sind verschiedene. Sie liegen vor allem bei uns in Europa in der zunehmenden Säkularisierung. Die Katholische Kirche und wohl auch die anderen großen christlichen Religionen finden in einer veränderten Welt teilweise nicht die richtigen Antworten auf wichtige Glaubens- und Lebensfragen der Menschen.
Kärntenweit sind 2018 die Kirchenaustritte gestiegen. Soweit mir bekannt ist, kann ein vermehrter Austritt bei uns im ländlichen Gebiet nicht festgestellt werden. Ich nehme an, dass vor allem die Städte betroffen sind und dass die Angelegenheit „Schwarz“ in einem nicht unbedeutenden Ausmaß der Grund für die Austritte im Jahre 2018 ist. Bei einigen, die der Katholischen Kirche den Rücken gekehrt haben, werden die Vorwürfe gegen den ehemaligen Kärntner Bischof der für den Austritt auslösende Grund sein. Wenn die aktuelle Problemstellung nicht gut und glaubwürdig gelöst wird, ist sicher mit weiteren Kirchenaustritten zu rechnen.
Bedauerlich ist, dass viele Jugendliche über den Inhalt des christlichen Glaubens zu wenig informiert und von dessen Sinn nicht überzeugt sind. Natürlich spielen weltweite Entwicklungen eine große Rolle, wenn die jungen Christinnen und Christen keinen Zugang zu den Werten des Christentums finden. Leider ist auch der Wohlstand in unseren Breiten mit ein Grund, wenn der Glaube als nicht (mehr) notwendig zur Bewältigung der täglichen Lebensaufgaben erachtet wird. Alle, die in der Kirche Verantwortung tragen – auch die Laien – haben die Aufgabe, einen Beitrag zu leisten, dass die Jugendlichen in der Kirche eine Bedeutung sehen. Auch wir müssen in den Familien und in den Pfarren im Sinne des Evangeliums bestrebt sein, als gute Vorbilder zu wirken. Die Jugendarbeit muss in den Pfarren noch mehr gefördert werden. Aufgaben, die in kleineren Pfarren nicht selbst bewältigt werden können, sind z. B. gemeinsam im Dekanat oder in der Diözese entsprechend umzusetzen. Wichtig ist auch, dass wir uns als Glaubensgemeinschaft sehen und es nicht zulassen, dass diese (vor allem in schwierigen Situationen und Diskussionen) auf die kirchlichen Organisationen und Hierarchien reduziert wird.
Wir erwarten uns, dass die apostolische Visitation ehrlich und transparent durchgeführt wird. Die Prüfung hat sich auf alle relevanten Aspekte zu beziehen. Der Bericht muss veröffentlich werden, denn sonst würden für uns gewisse Fragen offen bleiben. Wenn die Vorgehensweise des Teams um Erzbischof Franz Lackner nicht allgemein als ordnungsgemäß beurteilt werden sollte, werden auch die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Pfarren nicht mit großer Überzeugung für die Katholische Kirche weiterhin eintreten und somit erfolgreich für den gemeinsamen Glauben tätig sein können.

Katholische Kirche Saak/Nötsch
Waltraud Fischer, Obfrau des Pfarrgemeinderates: Ich glaube, dass die Ursachen für den Kirchenaustritt vielschichtig sind. Natürlich ist jeder kirchliche Skandal wie die Missbrauchsfälle oder jetzt die Angelegenheit um Bischof Schwarz und seine sogenannte Vertraute immer wieder willkommener Anlass, um der Kirche den Rücken zu kehren. Aber ich denke, dass das er nur der Schlusspunkt einer längst erfolgten „innerlichen Verabschiedung“ ist. Für viele junge Menschen gibt es außer der Erstkommunion und der Firmung kaum mehr Berührungspunkte mit der Pfarre. In vielen Familien wird der Glaube und die Religion kaum noch praktiziert und den Kindern übermittelt. Zu groß ist der Einfluss der „Freizeitindustrie“, vielfach zu aufreibend der berufliche Alltag. Und wenn dann mit der Berufstätigkeit die ersten Kirchenbeitragsvorschreibungen ins Haus flattern, sehen viele keinen Grund, für eine Gemeinschaft zu zahlen, von der man wenig weiß und in die in ihrem Leben keine Rolle mehr spielt. Daneben gibt es sicher auch engagierte Christen, die von manchen Entwicklungen in unserer Kirche enttäuscht sind und sie deshalb in stillem Protest verlassen.
Natürlich hat sich das soziale Umfeld in den letzten Jahrzehnten radikal verändert. Selbst in Pfarren mit guter Jugendarbeit erreicht man die Kinder nur punktuell und meist ist spätestens die Firmung die „Abschiedsvorstellung“ in der Pfarre. Tatsächlich gibt es heute eine Vielzahl von Alternativen, die für Jugendliche verlockender und interessanter sind als Glaube und Kirche. Ich weiß kein Allheilrezept, um diese Entwicklung zu stoppen oder umzukehren. Ich bin aber überzeugt, dass es ein großer Schaden ist, wenn wir unsere christlichen Werte vergessen und ein Glaubens-Vakuum schaffen, in das dann Ideologien eindringen können, die wir eigentlich nicht haben wollen.
Von der Visitation der Diözese erwarte ich mir größtmögliche Transparenz und Offenheit. Egal, ob die Menschen zustimmend oder ablehnend zu den Vorwürfen gegen Bischof Schwarz stehen, dürfen sie umfassende Aufklärung erwarten. Versuche, die Angelegenheit „unter den Teppich zu kehren“, würden sicher weitgehende Reaktionen im Kirchenvolk hervorrufen. Ich selbst bin seit meiner Jugend, also seit über 50 Jahren, in vielen Funktionen in der Kirche tätig und erwarte mir klare Worte und Konsequenzen. Sonst muss ich für mich Konsequenzen ziehen und meine weitere Mitarbeit in Frage stellen.

Christine Ploner, Dellach/Gail
Ich beschäftige mich schon länger mit der Institution Kirche. Meiner Meinung nach verlassen viele die kirchliche Gemeinschaft, weil diese auf alten, mitteraltlichen Strukturen aufgebaut ist. Unter einer lebendigen Kirche verstehe ich ein verschränktes Männer-Frauen-Miteinander, auf Augenhöhe mit dem Kirchenvolk. Messrituale, die mir suggerieren „Ich bin schuld oder nicht würdig“ und auf Geboten und Strafen, anstatt auf Liebe und Wertschätzung zu basieren, gehören schon längst abgeschafft. Mit der Aufhebung des Zölibates hätten Priester die Möglichkeit, einen Alltag mit all seinen Sorgen und Nöten, aber auch die zwischenmenschliche Liebe und das Glück, eigene Kinder begleiten zu dürfen, zu erleben und damit zu Seelsorger für Mitmenschen zu werden.

Georg Kury, Hermagor
Die aktuellen Vorkommnisse in der Katholischen Kirche veranlassen mich nicht, die Gemeinschaft zu verlassen. Es stimmt mich jedoch nachdenklich, wie mit unseren Kirchenbeiträgen (für mich als Unternehmer sind diese sehr hoch!) Misswirtschaft betrieben wird. Ich bin aber der Meinung, dass einige Katholiken das momentane „System Schwarz“ als Notausgang sehen, um ihren länger gehegten Vorsatz vom Kirchenaustritt zu verwirklichen. Ausserdem sollten wir die Schuld nicht einem Einzigen in die Schuhe schieben, denn die Gesamtheit der Katholischen Kirche verrichtet ihre pastorale Arbeit gerecht und ehrlich.

Autor:

Hans Jost aus Hermagor

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