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Telefonseelsorge: "Es ist Weihnachten, aber niemand von der Familie ist gekommen"

Seit 37 Jahren ist Marlies Matejka, heute als Leiterin, bei der Telefonseelsorge tätig und unter 142 erreichbar.
  • Seit 37 Jahren ist Marlies Matejka, heute als Leiterin, bei der Telefonseelsorge tätig und unter 142 erreichbar.
  • Foto: Julia Schmidbaur
  • hochgeladen von Anna Richter-Trummer

Tiefe Einsamkeit, finanzielle Not und zunehmende psychische Erkrankungen lassen die Drähte  bei der Telefonseelsorge heißlaufen. Mehr als 1.1 Millionen Anrufe hat diese allein in Wien seit Bestehen angenommen. 800 Mitarbeiter sind in ganz Österreich rund um die Uhr, auch an allen Feiertagen, zu erreichen. Da wird vor allem der Heilige Abend zur lautesten Zeit des Jahres.

ÖSTERREICH. Marlies Matejka legt die Hände in den Schoß, ihre Augen glänzen ein bißchen, immer wieder huscht ein Lächeln über ihre Lippen. "Es war Heilig Abend, schon gegen zwei Uhr in der Früh, da rief eine ältere Dame an und sagte: 'Jetzt hab ich den ganze Tag auf meine Familie gewartet, sie haben gesagt, dass sie mich besuchen werden, aber es ist niemand gekommen. Kann ich mit ihnen ein bisschen reden?'" Matejka holt tief Luft und neigt den Kopf zur Seite: "Der Anruf ist mir in Erinnerung geblieben", sagt sie leise.

Die Einsamkeit nimmt zu

Seit 37 Jahren ist Marlies Matejka jene unsichtbare Hilfe am anderen Ende des Hörers, die zu jeder Tags- und Nachtzeit unentgeltlich Trost spendet, zuhört, den Schmerz mildert und im Notfall auch die Rettung oder einen Arzt ruft. "Die Einsamkeit in unserer Gesellschaft nimmt zu, fast alle, die bei uns Hilfe suchen, sind unfreiwillig alleine." So wie jene Dame, die Weihnachten mit Warten verbrachte, aber niemand ist gekommen. Oder jener Mann, der seine Frau verloren hatte, und der ohne sie nicht weiterleben wollte. Oder die Alleinerzieherin, die einfach nur jemanden zum Reden brauchte. Oder jene Mutter, die anrief, um zusagen, dass am nächsten Tag ihre Tochter beerdigt werde und sie nicht wisse, wie sie diesen Tag überstehen solle. Oder jene Anruferin, die zeigen wollte, dass sie auch jemanden zum Telefonieren hat. Auch wenn da niemand war. Außer die Telefonseelsorge unter 142.

"Oh du fröhliche..."

"Oh du fröhliche, oh du seelige, gnadenbringende Weihnachtszeit...." tönt es "ferne und nah" rund ums christliche Fest. "Fakt ist, dass gerade Weihnachten sehr oft gerade nicht das Fest der Liebe und Harmonie ist, das wir uns so sehnlich wünschen", so Matejka: "Sondern der dunkle Tag des bewusst erlebten Alleinseins, der offenkundigen Einsamkeit, der seelischen Kälte und der Ausgrenzung  - abgesehen von zahlreichen handfesten Konflikten rund um die Materialschlacht, die alljährlich als Geschenke unter dem Baum den Weihnachtsfrieden trüben, finanzielle Krise inklusive." Das Telefon klingelt. 

Krisen halten sich nicht an Öffnungszeiten

"Telefonseelsorge Notrufdienst, Grüß Gott," sagt sie in den Hörer. Matejka ist immer da. 100 Gespräche sind es in 24 Stunden, 365 Tage im Jahr. Krisen und Suizid halten sich nicht an Öffnungszeiten. Von 10 Minuten bis zu einer Stunde oder länger dauert jedes. "Im Jahr haben wir 36.000 Anrufe alleine in Wien,  Österreichweit  sind es ca. 130.000 Gespräche im  Jahr." Im Mai, August und im Jänner ist Hochsaison, da will das Klingeln garnicht mehr aufhören. "Man hat eine Idee, wie Weihnachten sein soll, Erwartungen und Ängste, auch davor alleine zu sein, aber im Jänner, so kurz nach Weihnachten, rufen viel an, weil es nicht so war, wie man es sich gewünscht hätte." Parallel zur Urlaubszeit im August, wo man enttäuscht ist, weil man verabsäumt hat zu zeigen, wie lieb man einander hat. Sehnsucht nach Geborgenheit,  'Heimsein', das Gefühl,  dass alles gut ist im Leben, danach sehnen sich die Anrufer. Matejka legt auf. 

Weihnachten ist wie ein Vergrößerungsglas...

"Weihnachten ist wie ein Vergrößerungsglas, wo man verstärkt die Mankos spürt, die man im Alltag nicht so mitbekommt, wie Einsamkeit und Alleinsein etwa." Zu Weihnachten hat man den Wunsch, dass alles gut sein soll. "Viele haben eine hohe Erwartung, etwa, dass genügend Geld da sein muss, um schöne Geschenk kaufen zu können. Das führt oft zu Gewalt, weil materielle Bedürfnisse nicht in der Weise befriedigt werden, wie man sich das erwartet hat. Viele fühlen sich nur geliebt, wenn sie dies und jenes haben und wenn sie es nicht haben, fühlen sie sich enttäuscht", sagt Matejka. Und der Partner bemerkt die Enttäuschung und ärgert sich darüber, wird wütend,  tief dahinter stecken Traurigkeit und Enttäuschung und das Gefühl: "Ich hab etwas nicht bekommen wonach ich mich sehne und das macht mich traurig und enttäuscht."

"Weihnachten ist wie ein Vergrößerungsglas, wo man verstärkt die Mankos spürt, die man im Alltag nicht so mitbekommt. Einsamkeit und Alleinsein etwa."

70 Prozent leben alleine – unfreiwillig

70 Prozent der Anrufer leben alleine und zwar unfreiwillig, sie haben eine große Sehnsucht nach einer Familie, berichtet die Telefonseelsorgerin. Den zweitgrößten Anteil machen Menschen aus, die an Depressionen, Panikattacken und psychiatrischen Erkrankungen, wie Persönlichkeitsstörungen, leiden. "Psychische Erkrankungen nehmen definitiv zu", so Matejka: "Die Erkrankten sind oft anstrengend für ihr Umfeld oder können keine Kontakte pflegen und sind daher alleine. Sie sind zwar auch in Behandlung beim Therapeuten, aber dazwischen wieder viele Tage alleine mit sich und ihren Zuständen. Oft rufen sie an und sagen: 'Ich habe gerade eine Panikattacke und es hilft mir, zu sprechen, bitte, haben Sie ein wenig Zeit?'Gesellschaftlich sind immer mehr Menschen mit psychischer Erkrankung unter uns, und sie sind auch sehr isoliert."

Entschuldigung, haben Sie ein wenig Zeit?

Den drittgrößte Teil der Anrufer betrifft das Thema Beziehungen, wie Probleme rund um Trennung oder die Sehnsucht nach eine Partnerschaft. Aber es betrifft auch Freundschaften. "Einmal hat eine Frau angerufen und gesagt, dass ihre beste Freundin etwas sehr Verletzende gesagt hat und dass sie sie nie mehr sehen will. Oder eine 60-jährige Mutter, die im Pflegeheim wohnt, und enttäuscht ist, dass ihre Tochter nicht täglich kommen kann." Gleich bleibt immer der Wunsch von den Anrufern, dass es ein Gegenüber gibt, das sie ernst nimmt und ausreden lässt und ihnen nichts einreden will. "Verändert hat sich aber das Tempo in der Gesellschaft, etwa am Arbeitsplatz noch mitzukommen, hinausgemobbt zu werden, keinen Job mehr mit 50 Jahren plus besondern als Frau zu bekommen", fasst Matejka zusammen.

Suizid und Stille Nacht

"Suizid zu Weihnachten, kein schönes Thema aber eine Tatsache, denn das Gefühl, keinen Platz zu haben im Leben, das haben viele in der stillen Nacht." Matejka denkt nacht: "Es gibt so viele, denen es so schlecht geht, niemand bringt sich gerne um. Es ist die Einsamkeit in einem selber, die große Trauer, die sie nicht mehr aushalten können. Wenn ich mit jenen spreche, die das Leben für sich aufgegeben haben, dann möchte ich Ihnen das Gefühl geben, das da jemand da ist und zuhört und vielleicht daran erinnert, ob es noch etwas gibt, was Mut macht im Leben." Krisen und Suizid halten sich nicht an Öffnungszeiten. "Wir sind auch am Heiligen Abend, Christtag, Stefanietag oder zu Neujahr 24 Stunden da." Die Mitarbeiter sind rund um die Uhr da, unter der Telefonnummer 142.

Dankbar sein, für das was man hat

Matejka hat die Arbeit verändert, sie hat Spuren hinterlassen. "Es ist ein Geben und auch ein Vertrauen, was einen sehr berührt, nachdenklich macht und vor allem dankbar, für all das, was man hat im Leben, dass all das nicht selbstverständlich ist." Matejka hat einen Wahlspruch, nach dem sie lebt. Er lautet:'Ich möchte 'berührbar' bleiben.' "Als Telefonseelsorgerin muss man seine Grenzen kennen, man muss akzeptieren, man kann keine Wunder wirken kann. Aber wenn man weiß, dass alleine die Zuwendung und Achtsamkeit einen Wert darstellt, wenn sich der Anrufer ernst und gewürdigt fühlt, gibt mir das Kraft."

Hier findet ihr Hilfe rund um die Uhr:
Telefonseelsorge
Kriseninterventionszentrum
Kummernummer
Rat auf Draht

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Autor:

Anna Richter-Trummer aus Wien

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