Österreich im Corona-Bildungsdebakel
"Schulöffnung mit Maskenpflicht und fünf Kindern pro Klasse im Mai"

Maximilian besucht die vierte Klasse Volksschule, laut Lehrergewerkschafter ist es gut denkbar, dass er in Kleingruppen von maximal fünf Schülern und unter zwei Meter Sicherheitsabstand im Mai wieder in die Schule gehen kann – wenn auch nur an einem Tag pro Woche.
  • Maximilian besucht die vierte Klasse Volksschule, laut Lehrergewerkschafter ist es gut denkbar, dass er in Kleingruppen von maximal fünf Schülern und unter zwei Meter Sicherheitsabstand im Mai wieder in die Schule gehen kann – wenn auch nur an einem Tag pro Woche.
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Wie geht's weiter in Österreichs Schulen? Kommt die Öffnung tatsächlich Mitte Mai oder schon früher, wie etwa von der SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner gefordert? Österreich scheint gespalten: Während die einen die Kinder so rasch wie möglich wieder in die Klassenzimmer bringen wollen, warnen die anderen vor der noch immer vorhandenen Infektionsgefahr. „Wie sollen kleine Kinder Masken tragen oder wirklich Abstand halten“, so das Argument. Und die Schüler selbst? Laut Umfrage geht der reale Schul- und Universitätsalltag nur 34,7 Prozent den Jugendlichen ab. Wie Schule tatsächlich wieder funktionieren kann, sagt Lehrergewerkschafter Paul Kimberger im Gespräch mit RMA-Redakteurin Anna Richter-Trummer. Soviel vorweg: Gut möglich, dass es keine Schule wie bisher bis 2023 geben wird.

ÖSTERREICH.  „Ich fühle mich wie ein Sandwich", so ein verzweifelter Vater: "Der Arbeitgeber sagt, gib mir eine Bestätigung, dass dein Kind keine Betreuung bekommt. Die Betreuungsstätte vom Kind sagt, gib mir die Bestätigung, dass es für dich unmöglich ist Homeoffice zu machen.“ So wie besagtem Elternteil geht es tausenden Österreichern, die in der Zwickmühle stecken, doch zeigt es nur einen Aspekt der aktuellen Krisensituation für Eltern von Schülern und Kindergartenkindern wieder. Wiens Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl dazu: „Viele Eltern leisten seit über einem Monat einen übermenschlichen Kraftakt, um die gesamte Gesellschaft zu schützen und betreuen trotz Arbeit ihre Kinder selbst. die Eltern müssen jetzt entlastet werden." Und weiter: "Grundsätzlich stehen Schulen und Kindergärten allen berufstätigen Eltern offen. Wenn Kindergärten und Schulen die Betreuung verweigern oder einfach geschlossen haben, bringen sie Arbeitnehmer mit Kindern in eine arbeitsrechtliche Zwickmühle: Die Sonderbetreuungszeit ist vom Gutdünken des Arbeitgebers abhängig und in vielen Fällen schon aufgebraucht. Einen Anspruch auf Dienstfreistellung haben die Arbeitnehmer aber nicht, weil Schulen und Kindergärten ja grundsätzlich offen sind."

In Wahrheit keine Schulöffnungen geplant?

Während in Dänemark die Bildungseinrichtungen wieder geöffnet haben, in Deutschland dies mit 1. Mai geschehen wird, sucht man in Österreich noch immer nach einem Fahrplan für die Schulen. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner sprach sich im ORF für  eine schrittweise Schulöffnung Anfang Mai aus. "Österreich ist auf einem gleich guten Weg mit Deutschland, und Deutschland habt beschlossen, mit Anfang Mai die Schulen zu öffnen. Die Schulen sollen schrittweise öffnen, mit nicht zu vielen Kindern gleichzeitig in der Klasse und einem Fokus auf Volksschulkinder, die betreuungspflichtig sind", so die SPÖ-Chefin. Und ihr Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch kritisiert: "Man stellt sich auch die Frage, was in den letzten Wochen in Richtung Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten vorbereitet wurde. Wenn es stimmt, was Lehrergewerkschafter Paul Kimberger sagt, dass weder ausreichend Hygienemittel noch Warmwasser zur Verfügung stehen und hier noch nichts unternommen wurde, verstärkt dies den Eindruck, dass dieses Schuljahr in Wahrheit gar keine Öffnung mehr angedacht ist."

Frauen zurück an den Herd

SPÖ-Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch kritisiert in der Coronakrise  auch den Umgang der Bundesregierung mit den Familien, insbesondere den Frauen, den Alleinerziehenden und den Kindern: „Wie wir alle wissen, sind jetzt in der Krise besonders die Frauen am stärksten betroffen. Home-Office, Home-Schooling, Kinderbetreuung usw. Es erweckt stark den Eindruck, dass dies von der konservativen Regierung gewollt ist und sogar gefördert wird. Ganz nach dem Motto: Frauen zurück an den Herd“, sagt Deutsch, „denn wie wäre es sonst zu erklären, dass trotz täglicher Pressekonferenzen die Familien noch immer im Unklaren darüber gelassen werden, wann der Kindergarten- und Schulbetrieb wieder aufgenommen wird und in welcher Form."

Sommerschulen als Lösung?

Laut nachgedacht wird jetzt auch über die Frage, ob Kinder im Sommer zur Schule gehen sollen.  Gesundheitsminister Rudolf Anschober hat via Twitter sich durchwegs positiv dazu geäußert, so die Kritik von FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz: „Bislang blieb uns Bildungsminister Heinz Faßmann Antworten auf viele Fragen schuldig. Wie etwa jene, was nun Schüler tun sollen, denen die Pflichtpraktika von Firmen abgesagt wurden. Oder jene, wann der Unterricht in Österreich endlich wieder losgeht – etwa wie von der FPÖ vorgeschlagen, in kleinen Gruppen in Form eines Blockunterrichts. Und nun kommt der fachlich nicht zuständige Gesundheitsminister daher und findet Forderungen nach Unterricht im Sommer ausgezeichnet. Dieses Wirrwarr muss endlich abgestellt werden, um den Menschen in unserer Heimat Planungssicherheit zu geben.“ Darüber hinaus hätte eine „Summer School“ auch große Auswirkungen auf die Eltern, die nun ihre Pläne für die Sommermonate abermals über den Haufen werfen müssten.

Schulen hätten nie geschlossen werden müssen

Aufhorchen lässt Andreas Sönnichsen, der Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin an der Medizinischen Universität Wien, im ORF-Interview. Laut seiner Expertise hätten Schulen gar nie schließen müssen: "Aus internationalen Daten geht hervor, dass Schulen bei der Übertragung eigentlich keine Rolle spielen. Man hat die Schulen in Österreich geschlossen, ohne das wissenschaftlich zu begleiten. Wir machen Dinge, die nicht evidenzbasiert sind." Er kritisiert, dass man in Österreich zwar über 160.000 Temperaturmessungen durchgeführt  habe – wie viele davon bei Schulkindern, sei unbekannt, da die Daten nicht zur Verfügung stünden.

"Mangels Masken an Schulstart nicht zu denken"

"Wir haben in Österreich eine erfreuliche Entwicklung bei den Infektionszahlen", sagt Lehrergewerkschafter Paul Kimberger im Interview mit RMA-Redakteurin Anna Richter-Trummer und zeigt sich grundsätzlich positiv: "Ich glaube daher grundsätzlich, dass wir im Mai beginnen können, die Schulen hochzufahren,  aber nur unter strengen Hygiene- und Sicherheitsauflagen." Kimberger konkretisiert, wie er sich einen Schulstart vorstellen könnte: "Wir brauchen auf jeden Fall eine Organisationsform, die uns kleine Gruppen ermöglicht, wo man die Abstandsregeln einhalten kann, das heißt konventionelle Schule, wo alle gleichzeitig in die Schule gehen, das wird jetzt für längere Zeit nicht möglich sein. "Kimberger würde es grundsätzlich klug finden, mit den Abschlussklassen zu beginnen und diese als erste in die Schulen wieder hereinzuholen. "Ich könnte mir vorstellen, dass man die Zahl der Klasse durch fünft teilt, etwa bei 25 Schülern wären das dann je fünf Kinder, die je an einem anderen Tag der Woche unterrichtet werden, eine Gruppe am Montag, die nächste Fünfer-Gruppe am Dienstag und so weiter."

Ab Mai: Fünf Schüler pro Klasse und Maskenpflicht

Eines darf laut Kimberger auf keinen Fall passieren, dass die Schulen zu Motoren werden für erneut steigende Infektionszahlen und das Virus durch die Schüler in allen Generationen zuhause  verteilt wird. Kimberger: "Konkret würde ich vorschlagen, dass die vierte Klasse Volksschule, die achte Schulstufe sowie die Maturaklassen im Mai starten, das ist eine Möglichkeit, wie man das machen könnte. Es wäre meiner Meinung nach klüger, die älteren Schüler hereinzuholen, da es in ihrer Gruppe einfacher ist, die Hygienemaßnahmen einzuhalten." Laut Gewerkschafter sei das größte Problem aber der Mangel an Schutzausrüstung: "Es gibt noch immer keine flächendeckende Versorgung mit den Materialien,  weder für Lehrer noch für die Schüler gibt es genug Masken, es fehlt Desinfektionsmittel, Seife sowie Warmwasser, das fehlt alles." Das Problem, dass die Kinder im Wissenstand jetzt zurückfallen, ist für Kimberger evident: "Wir müssen jetzt alles tun, um unsere Schüler möglichst gut durch die Krise zu bekommen, ich glaube, es wäre jetzt wirklich klüger, die Schule vorsichtig und behutsam wieder hochzufahren."

Keine Schule wie bisher bis 2023

Wann es wieder konventionelle Schule, als Schule wie bisher mit allen Schülern in einem Klassenzimmer, geben wird, das würde noch dauern, so der Gewerkschafter: "Das wird sicher eine längere Zeit noch nicht möglich sein,  und ja, das kann auch bis 2023 dauern, ich hoffe es jedoch  nicht. Jedenfalls lernen wir aus der Corona-Krise, mit Krankheiten in Schulen besser umzugehen, wie  etwa Grippeimpfungen, ich hoffe, dass wir uns durch die Krise einen anderen Umgang mit Krankheiten und Schule aneignen."

E-Learning ersetzt Schule nicht

Aus Sicht der Lehrer sind die Rückmeldungen der Lehrer was Home-Schooling und E-Learning betrifft zwar positiv, aber E-Learning ersetze Schule nicht. Kimberger: "Lehrer haben ja auch sehr viele Angebote in analoger Form, man kann ja nicht einen Sechsjährigen vier Stunden vor den Computer setzten und erwarten, dass es so lernt." Und weiter: "Viele Eltern kommen wohl erste jetzt drauf, dass nicht unbedingt der Lehrer das Problem ist und ich glaube, wir kommen jetzt auch drauf, dass Schule nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung ist, sondern ein Ort der sozialen Begegnung, der Freundschaft, da spielt sich in pädagogischer und sozialer Weise viel ab, darauf kann man nicht verzichten. Keine Frage: Die Lehre werden aus der Krise  das eine oder andere digitale Werkzeuge im Unterricht fortführen, aber die persönliche Begegnung ist einfach durch nichts zu ersetzen."

Der jugendliche Blick auf die COVID-19-Maßnahmen

Marketagent und DocLX haben derweil in Österreichs größter Jugend-Trendstudie zum Thema „COVID-19“ mit 3.811 Teilnehmern im Alter zwischen 14 und 24 Jahren herausgefunden, wie es Kindern und Jugendlichen aktuell geht: Im neuen Alltag vermissen 82 Prozent der jungen Österreicher den persönlichen Kontakt mit Freunden und 62 Prozent Partys und Festivitäten. 41,1 Prozent bedauern, derzeit keine Reisen und Ausflüge machen zu können. Der reale Schul- und Universitätsalltag geht nur 34,7 Prozent der Umfrageteilnehmer ab. Konzerte oder Festivals vermissen 22,1 Prozent, 20,4 Prozent fehlt das Treffen mit dem eigenen Partner und 15,6 Prozent der Theater- oder Kinobesuch.

Maturanten haben mulmiges Gefühl vor der Matura

Mit dem digitalen Unterricht zuhause kommen 80,2 Prozent der Befragten sehr gut oder gut zurecht. Nur knapp jeder Fünfte fühlt sich im digitalen Klassenzimmer noch nicht ganz so wohl. Ein etwas anderes Bild zeichnet sich unter den Maturanten ab: 61,1 Prozent blicken besorgt auf die bevorstehende Matura. Wenn diese einmal geschafft ist, wollen 77,6 Prozent auf Maturareise fahren und den Abschluss gemeinsam feiern. Bei den Wunschdestinationen führt Kroatien mit 95,6 Prozent Zustimmung deutlich vor Spanien (10,1 Prozent) und Italien (5,2 Prozent). Österreich steht mit 4,7 Prozent Zustimmung ebenfalls nicht sehr weit oben auf der Wunschliste. Den Weg zur Maturareise wollen 63,5 Prozent auf dem Landweg mit Bus oder Auto antreten. Ein Flug kommt nur für 12,9 Prozent der Befragten infrage.

Online-Sportstunde soll Kinder bewegen

Damit die Schler auch weiterhin Sport machen, bringt die Initiative onlineturnstunde.at kostenlose Turnstunden inklusive ausgebildeter Trainer direkt ins Wohnzimmer. Die Turneinheiten sind methodisch altersgerecht strukturiert und werden Schritt für Schritt durch die Trainer angeleitet. Dies und der Umstand, dass der Fokus auf dem Volksschulbereich liegt, stellt das Alleinstellungsmerkmal dieser Initiative dar. Alles was es braucht, ist ein internetfähiges Endgerät (Handy, Tablet, Laptop etc.) mit Webcam und ca. 2 Quadratmeter Platz. Und auch die Sportunion reagierte: Damit ist erstmals die tägliche Turnstunde in digitaler Form österreichweit für alle Schulkinder während des Homeschoolings abrufbar unter www.sportunion.at/digitaleturnstunde.

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