"Keine Gäste? Kein Geld? Dein Bier"
Corona lässt Österreichs Wirte sterben

60.000 heimische Gastwirtschaften mussten über Nacht zumachen, viele werden die Corona-Krise nicht überleben.
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Es war ein Paukenschlag in der Szene: Von heute auf morgen mussten 60.000 Gastwirtschaften in ganz Österreich zumachen. Keine Gäste, kein Geld, nur die Kosten blieben. Wessen Bier? Knapp zwei Monate später, Mitte Mai, dürfen heimische Wirte wieder hoffen, denn eine Öffnung wurden von der Regierung versprochen. Aber unter welchen Bedingungen? Das bleibt noch unklar. Fix ist: Viele der hiesigen Beisel und Spelunken, der Spezialitäten-Wirte und Hausmannskost-Köche werden die Corona-Krise nicht überleben.

ÖSTERREICH. Letztes Jahr, da war die Gastro-Welt noch in Ordnung, der Gault & Millau wählte wie jedes  Jahr die besten Köche des Landes. Eines davon ist das Restaurant Döllerer in Golling (Salzburg). Doch wie sieht's heute aus, ein Jahr später? "Die letzten zwei Monate waren schwierig, aber man muss positiv in die Zukunft schauen, wir wissen jetzt zumindest, dass wir am 15. Mai öffnen können, wie so oft erfahren wir das nur aus den Medien, es gibt keine Info durch die Wirtschaftskammer oder so, das ist zwar nicht der richtige Weg, aber damit haben wir uns arrangiert", so Andreas Döllerer, Haubenkoch im gleichnamigen Restaurant in Golling (Salzburg), über die Corona-Krise: Doch wir wissen nicht: Wie  werden die Gäste reagieren? Trauen se sich die in die Restaurants? Wie ist das Umsatzverhalten?"

In Österreichs Gastro-Szene geht's jetzt um die Wurst: Am 15. Mai darf man aufsperren, aber werden die Gäste auch kommen?
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"Kein Geld, keine Gäste? Dein Bier"

So wie Andreas Döllerer geht es nun 60.000 betrieben in ganz Österreich. Die Ungewissheit ist groß. Eine Unsicherheit, die lähmt. Vor allem wirtschaftlich. Denn für viele Wirtschaften ist die Krise das Aus. Auch die Wiener Gastronomin Christine Ruckendorfer, die das Restaurant Aux Gazelles in der Rahlgasse führt, das gleichzeitig Eventlocation, Club und Hamam ist, kämpft um ihre Existenz. Denn die Maßnahmen haben sie besonders hart getroffen. Was ihr aktuell am meisten Sorge bereitet, ist die Miete. Die Gastronomin hofft darauf, dass ihr Vermieter ihr Mietkosten erlässt bzw. reduziert. "Ich weiß nicht, ob und wie ich es sonst schaffen kann. Ich weiß auch nicht, ob die Menschen sich Mitte Mai trauen, auszugehen und sich wieder zu treffen. Aber ich bin zuversichtlich". Und Zuversicht ist auch das einzige, was einem als Wirtschaftstreibender in der Gastro auch bleibt. Denn die Hilfsmaßnahmen der Regierung greifen kaum, Überbrückungskredite sind schwer zu ergattern, die Auszahlungen für die Kurzarbeitsregelungen dauern zu lange und die Widereröffnungsszenarien realitätsfremd, so die Kritikpunkte der Gastro-Szene. Mario Pulker, Obmann der Sparte Gastronomie der Wirtschaftskammer Österreich: "Wir schätzen, dass es etwa 15 Prozent wirtschaftlich nicht überleben werden. Und das ist gering geschätzt, wahrscheinlich werden es mehr. Denn es gibt Arbeitslosigkeit wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr, die ausländischen Gäste fallen weg, also insgesamt ist das eine Katastrophe." 

"Mit Maske isst es sich schlecht"

Ungewiss bleibt tatsächlich die Frage, unter welchen Voraussetzungen die Betrieb wieder öffnen dürfen. "Ich weiß noch immer nicht, welche Maßnahmen ich setzten muss, was für den Betrieb vorgeschrieben ist", sagt Döllerer: "Also die Sperrstunde um 23 Uhr scheint fix, aber was ist mit Maskenpflicht für Servicemitarbeiter, für die Gäste am Tisch kann es ja wohl  keine Maskenpflicht geben, weil mit Maske isst es sich schlecht." Und der Gastwirt überlegt weiter: "Aber müssen Gäste einen Mundschutz im Eingangsbereich und am Weg zur Toilette tragen? Wie sterilisiert man die Speisekarten, wie ist das mit dem Abstand von den Tischen, stimmen die etwa zwei Meter? Wenn ja, dann geht das bei uns ganz gut, aber auf etwa ein Drittel der Tische müssen wir jedenfalls verzichten."

Andreas Döllerer vom Restaurant Döllerer in Golling (Salzburg): "Dass wir am 15. Mai wieder aufmachen dürfen, haben wir auch nur aus den Medien erfahren. Unter welchen Voraussetzungen, dazu fehlen noch alle Infos."
  • Andreas Döllerer vom Restaurant Döllerer in Golling (Salzburg): "Dass wir am 15. Mai wieder aufmachen dürfen, haben wir auch nur aus den Medien erfahren. Unter welchen Voraussetzungen, dazu fehlen noch alle Infos."
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Fast eine Million Umsatzverlust

Nachdem der Umsatz von heute auf morgen eingebrochen ist, trifft es die Betriebe wirtschaftlich extremst hart. "Der Umsatzverlust beträgt bisher etwa 750.000 Euro, unsere Mitarbeiter sind alle zur Kurzarbeit angemeldet, aber noch habe ich keine Info und auch kein Geld, wir haben also schon zwei Gehälter vorgestreckt, für viele ist das existenzbedrohend, daher verstehe ich die schlechte Stimmung in der Branche, dass alles viel zu lange dauert und viel zu bürokratisch ist. Ich hoffe jedenfalls, wir bekommen das Geld, alles andere wäre Wahnsinn", so Döllerer. Auch Ruckendorfer hat um einen Kredit angesucht. Doch die Zahlungen sind  bis dato noch nicht eingelangt.

 Zwei Gehälter vorfinanziert

Die wirtschaftliche Belastung ist enorm. Auch in Bezug auf die Gehälter der Mitarbeiter. Viele Betrieb haben von der Kurzarbeiterregelung gebraucht gemacht, doch bis dato keinen Cent davon vom Staat gesehen. "Gekündigt habe ich niemanden, ich habe alle auf Kurzarbeit angemeldet. Damals wusste ich auch nicht, wie lange die Lage so bleiben würde", erzählt Ruckendorfer. Döllerer hat 45 seiner 65 Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt: "Viele Kollegen haben ihre Mitarbeiter entlassen. Wir nicht, weil wir eine soziale Verantwortung haben, aber wenn wir dafür auch noch bestraft werden, wäre das Wahnsinn. Wir hoffen, dass wir in einem halben Jahr zurückschauen können und sagen, das war in Ordnung, was wir vom Staat bekommen haben, ein Teil unserer Kosten muss ersetzt werden." Auch die Vorschau auf die Weihnachtszeit, in der das Aux Gazelles gerne für Weihnachtsfeiern gebucht wird, bereitet Ruckendorfer Kopfzerbrechen: "Die Betriebe beginnen meist im Frühsommer die Weihnachtsfeiern zu planen. Das macht jetzt niemand."

"15 Mai? Später wäre Wahnsinn"

Um den Betrieb aufrecht zu erhalten, hat sich der Gastwirt dazu entschlossen, in zwei Teams zu arbeiten: "Wir werden jedenfalls in zwei Teams starten, die sich nie begegnen, denn sollte sich ein Teammitglied infiziert, dann geht das  ganze Team in Isolation und wir haben keinen Ausfall, weil dann das andere Team arbeiten kann." Döllerer denkt, dass es war von der Regierung richtig, dass am 15. Mai aufgemacht werden kann, denn jede weitere Verzögerung wäre für ihn fahrlässig gewesen. "Das ist der spätest mögliche Zeitpunkt. Noch später wäre ein Wahnsinn. Wenn die Infektionszahlen  nach oben gehen, ist es klar, dass wir wieder schließen müssen. Jetzt bin ich erstmals froh, dass wir wieder arbeiten dürfen." Ich sperre Mitte Mai auf und werde meine Terrasse so herrichten, dass die Gäste sich wie im Urlaub fühlen. Urlaub an der französischen Riviera, mit einem Hauch von Marokko", meint sie.

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