Henkel CEE-Präsident Günter Thumser: "Chemie ist positiv"

Günter Thumser: "Wir alle könnten ohne Chemie nicht existieren. Ob das Kunststoffe, Schmiermittel, Haarfärbemittel, Waschmittel oder Reinigungsmittel sind: Chemie ist überall und Chemie ist durchaus positiv."
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Henkel ist ein Chemie-Konzern mit weltweit über 50.000 Mitarbeitern und 18,7 Milliarden Euro Umsatz. Gehört Henkel zu den Guten oder Bösen?
THUMSER: Für mich ist das Thema "Chemie ist böse" völlig absurd. Wir alle könnten ohne Chemie nicht existieren. Ob das Kunststoffe, Schmiermittel, Haarfärbemittel, Waschmittel oder Reinigungsmittel sind: Chemie ist überall und Chemie ist durchaus positiv.

Von Wien aus steuern Sie als Präsident von Henkel CEE 32 Länder in Mittel- und Osteuropa. Ist Wien nach der Konzernzentrale in Düsseldorf so etwas wie Headquarter Nummer zwei?
Wien ist sicher wichtig, aber nur eine von global mehreren Regionalzentralen. Von hier aus haben wir vor drei Jahrzehnten begonnen, den osteuropäischen Markt zu erschließen. Heute sind wir in dieser Großregion im Schnitt in allen drei Geschäftsbereichen, also Waschmittel, Klebstoffe und Haarkosmetik, Marktführer.

Sie produzieren in Wien mitten im Wohngebiet. Geht das?
Ja. Wir müssen natürlich Lärmschutzmaßnahmen durchführen, weil wir 24 Stunden produzieren. Sie sehen hier aber keine Rauchfänge mehr. Wir stellen hier nur noch flüssige Produkte her. Die haben weniger hochsensible Inhaltsstoffe und sind damit sehr bewusst auch nachbarschaftstauglich.

Aber man könnte den Standort sicher kostengünstiger nach Osteuropa verlagern.
Das ist kein Thema für uns. Wir haben hier einen unglaublich hohen Automatisierungsgrad erreicht. Pro Linie haben wir höchstens noch drei Mitarbeiter pro Schicht. Wenn Sie bei uns durchgehen, sehen Sie viele Roboter. In den Lagern oder im Expedit ist vieles schon völlig automatisiert.

Das also ist Industrie 4.0. Wie viele Mitarbeiter hat Henkel hier noch?
Insgesamt sind es 850. Und das schon seit 20 Jahren.

Trotz Automatisierung?
Ja. Weil wir die Menge erhöht haben. Vor zehn Jahren haben wir hier 170.000 Tonnen Waschmittel, Weichspüler oder Geschirrspülmittel erzeugt. Jetzt sind es 270.000 Tonnen.

Industrie 4.0 killt keine Jobs?
So ist es. Allerdings erfordert Industrie 4.0 eine viel höhere Qualifikation. Heute benötigen wir oft schon Mitarbeiter mit zweifacher Handwerksausbildung wie etwa Maschinenbauschlosser und Mechatroniker.

Wird hier auch investiert?
Ja. Jährlich sind es rund zehn Millionen. Für bauliche Maßnahmen wie Lärmschutz sowie für neue moderne Produktionsanlagen.

Günter Thumser
"Industrie 4.0 killt keine Jobs", sagt Thumser. (Foto: Arnold Burghardt)

Henkel hat sich einer sogenannten nachhaltigen Unternehmenskultur verschrieben. Was heißt das?
Wir wollen bis zum Jahr 2030 unseren Ressourceneinsatz auf Vergleichsbasis 2010 um zwei Drittel reduzieren. Das ist für unsere Chemiker, für unsere Produktionsleiter und Logistikexperten eine ordentliche Herausforderung.

Verwenden Sie auch Palmöl?
Wien ist einer von sechs Henkel-Standorten, der kürzlich ein Zertifikat des RSPO (Roundtable on Sustainable Palm Oil) erhalten hat, also ein Zertifikat für den Umgang mit Palmöl- und Palmkernöl-basierten Rohstoffen. Das unterstreicht die Verpflichtung von Henkel, nachhaltige Praktiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette voranzutreiben. Außerdem soll das gesamte von uns in Produkten verwendete Palm- und Palmkernöl bis 2020 aus nachhaltiger Bewirtschaftung entsprechend dem RSPO-Massenbilanzmodell stammen.

Sind Profit und Nachhaltigkeit vereinbar?
Ich bin überzeugt davon. Aber nur, wenn man beides ernst nimmt. Wenn man sich zu stark auf den Profit bezieht, dann wird es schwierig. Auch unsere institutionellen Anleger wie Pensionsfonds oder Versicherungen bestehen heute auf eine solche Balance. Weil sie langfristig investieren. Da steht nachhaltiges stetiges Wachstum vor dem schnellen Profit.

Wir haben viele Packungen von Henkel untersucht. Auffallend war, dass die große Somat-Packung zu einem Drittel leer ist.
Wir geben auf jeder Packung exakt an, wie viele Geschirrspültabs enthalten sind. Wir führen also niemanden hinters Licht. Wenn wir aber darüber reden, dass man hier Packstoffe einsparen könnte, dann gebe ich Ihnen Recht. Wir haben aktuell die Situation, dass Somat aus einer Produktionsstätte für ganz Europa kommt und die Packungen für bestimmte Regionen, zu einer davon zählt Österreich, genormt sind. Aber es gibt auch eine gute Nachricht am Horizont: Es wird mittelfristig eine andere Packungsformat-Serie aufgelegt werden und dann ist das Problem bereinigt.

Welche der 32 Länder, für die Sie verantwortlich sind, sind wirtschaftlich auf der Überholspur?
Polen, Tschechien und die Slowakei zum Beispiel. Langfristig sollte man auch Rumänien im Auge behalten.

Was sagen Sie zum Brexit?
Henkel ist in Großbritannien vor allem im Klebstoffbereich stark vertreten. Wir stellen uns auf den Brexit ein, aber man kann sich nicht wirklich ausreichend vorbereiten, weil ja noch kein Mensch weiß, wie die Vereinbarungen lauten werden. Ich würde also sagen: "Wir sind vorsichtig."

Auf welchen Weltmärkten spielt für Henkel künftig die Musik?
Henkel ist von seiner Geschichte her ein europa-zentriertes Unternehmen. Darüber hinaus hat aber zuletzt der nordamerikanische Markt immer stärker an Bedeutung gewonnen, wo Henkel inzwischen ein Viertel seines Umsatzes macht. Von der Dynamik her entwickelt sich Asien-Pazifik am schnellsten. Das weltgrößte Klebstoffwerk von Henkel befindet sich in China.

Das Match um die Zukunft lautet also Nordamerika gegen China?
Nicht ganz. Dazwischen gibt es auch Europa. Wie etwa Berlin mit einer tollen Startup-Szene. Henkel ist da sehr stark engagiert. Bis 2020 stellt Henkel 150 Millionen Euro an Venture Capital zur Verfügung.

Letzte Frage: Persil ist die wohl bekannteste Marke von Henkel. Waschen Sie zu Hause Ihre Wäsche mit Persil?
Selbstverständlich. Es wäre ja traurig, wenn man 40 Jahre im Unternehmen ist und dann nicht einmal seine eigenen Produkte verwendet.

Danke für das Gespräch.

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Autor:

Wolfgang Unterhuber aus Döbling

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