Wolfgang Hesoun
"Wasserstoff und E-Fuels für Autos – die Diskussion fehlt!"

Wolfgang Hesoun, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, fordert eine offenere Diskussion über Technologieanwendungen in Österreich, um die Klimaziele zu erreichen.
3Bilder
  • Wolfgang Hesoun, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, fordert eine offenere Diskussion über Technologieanwendungen in Österreich, um die Klimaziele zu erreichen.
  • Foto: Siemens/Rita Newman
  • hochgeladen von Mag. Maria Jelenko-Benedikt

Wie Siemens Österreich Vorstandsvorsitzender Wolfgang Hesoun, einer der erfahrensten Manager Österreichs, unter dessen Führung allein in Österreich 8.900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, tätig sind, die Erreichung der Klimaziele einschätzt und welche großen Chancen Österreich nicht verpassen sollte. 

ÖSTERREICH. Wolfgang Hesoun, Generaldirektor von Siemens Österreich
 im Rahmen des "Medien.Mittelpunkt Ausseerland" im Gespräch mit den RegionalMedien Austria zum Thema Energieversorgung in Österreich, und darüber, worauf es dabei wirklich ankommt. Der gebürtige Mödlinger fordert eine offenere Diskussion über Technologieanwendungen in Österreich, um die Klimaziele zu erreichen. 

RegionalMedien Austria: Eine Dekarbonisierung des Wirtschafts- und Energiesystems hat für die Erreichung der Klimaziele höchste Priorität. Hat Österreich genügend sauberen, also CO2-freien Strom bzw. Alternativen, um dieses Ziel zu erreichen? 

Wolfgang Hesoun: Neben dem, was im EAG festgeschrieben ist, gäbe es noch zusätzliche Themen, wie Smart City-Lösungen, die durch die Intelligenz, dem verstärkten Einsatz von Erneuerbaren Energien, durch das Optimieren von Verbräuchen, Speichern, Ladeeinrichtungen für E-Mobilität, etc., dazu führen, dass Energie effizienter eingesetzt und dadurch auch viel weniger Primärenergie verbraucht wird. Im Rahmen von sogenannten Energiegemeinschaften wird es nun möglich, den selbst erzeugten, aber ungenutzten Strom innerhalb einer Gemeinschaft zu verteilen. Diese Energie wird dann nicht ins allgemeine Netz geleitet, sondern geht direkt zu einem oder mehreren Mitgliedern dieser Energiegemeinschaft. Hier stehen Energiesparen und optimiertes Verwenden im Vordergrund. Das wird derzeit leider sehr wenig beachtet. Diesem Thema sollte viel mehr Bedeutung beimessen. Es es birgt im Neubau, wie auch im Bestand ein massives Potential an CO2-Reduktion. Je mehr Optimierungsmaßnahmen gesetzt werden, desto geringer der Bedarf an Primärenergie. Siemens steht etwa mit Wien in der Seestadt in einer Forschungsgemeinschaft. Hier wurden in den letzten Jahren bereits viele Lösungsansätze gefunden. Diese kommen nun auch international schon zur Anwendung Die Stadt Wien will diese Erkenntnisse künftig im Immobilien-Bestand umsetzen. Das könnte einen großen Beitrag zur CO2-Reduktion leisten. 

Sie forschen in Aspern mit Echtdaten der BewohnerInnen an der Energiezukunft im urbanen Raum. Verraten Sie uns, welche Erkenntnisse Sie konkret gewonnen haben und wie diese bei neu entwickelten bzw. erweiterten Siemens-Produkten zum Einsatz kommen?

In Aspern haben wir zwei verschiedene Bereiche: Der eine Bereich sind die Gebäude, der andere die Netze. Es geht hierbei darum wie man Gebäude, Netze und jene, die sie betreiben und nutzen, einander näherbringt.

Bei den Gebäuden kann man vieles optimieren. Dabei ist ein Wohnbau technisch einfacher zu betreuen, als eine komplexe Gebäude, wie Schulgebäude oder Krankenhäuser, in denen sehr viel Technologie enthalten ist. Gemeinsam mit der Optimierung der Bauphysik kommen wir in Summe auf Einsparungspotenziale von rund 30 Prozent. Dazu kommen noch weitere Kostenaspekte: Wenn ich zum Beispiel Gebäude zusammenschalte und Energiegemeinschaften schaffe, was bisher noch schwierig war, könnten mehrere Gebäude miteinander über Algorithmen kommunizieren, und damit ein Optimum zwischen Verbrauch, Transport, Speicher und Produktion herstellen. Aus diesem Zusammenschalten ergeben sich eine Vielzahl an neuen Möglichkeiten und Produkten, die Siemens schon am Weltmarkt verkauft.

Der zweite Bereich ist die Netzverteilung. In der Vergangenheit war die 400 Volt-Ebene, also die Niederspannungsebne, bei den Energieversorgungsunternehmen (EVU) völlig unüberwacht, wodurch Stromausfälle nur zufällig bemerkt wurden, wenn z.b. Nutzer diese gemeldet haben. Mittels Netzüberwachungssystemen bekommen wir ein sehr gutes Bild davon, wie in verschiedenen Netzabschnitten Überangebot und Bedarf beziehungsweise Mehrbedarf mit Speicherelementen regional so ausgeglichen werden können, dass auch hier ein Optimum entsteht. Das zahlt auch in die zuvor erwähnten 30 Prozent Einsparung ein.

Die Strompreise sind stark gestiegen (März: Plus 10,6 %), gleichzeitig wächst die Nachfrage nach E-Mobilität und Smart Home-Lösungen. Wenn also das Leben vermehrt vom Strom abhängig wird, wie können sich Betriebe und Private vor extremen Kosten und Abhängigkeiten schützen?

Das ist nicht nur eine Frage des aktuellen Strompreises, der momentan vom Gaspreis getrieben ist, da es diese formale Vereinbarung gibt, dass der letzte Stromerzeuger den Strompreis vorgibt. Das ließe sich alles ändern, aber es wird faktisch so sein, dass wir zur Erzielung einer vergleichbaren Versorgungssicherheit in Zukunft viel überinvestieren müssen, um trotzdem immer die gleiche Sicherheit an Versorgung zu gewährleisten, die wir jetzt haben, indem wir etwa Kraftwerke nützen. Das bedeutet, dass viel mehr Produzenten als über den normalen Bedarf hinaus im Netz sein müssen, um einigermaßen den Bedarf decken zu können. Das alleine kostet schon viel. Dann kommen noch Infrastrukturkosten dazu, das sind bekanntlich mehrere Milliarden Euro.

Es ist nicht zu erwarten, dass sich der Strompreis stark reduzieren wird. Das wirkt sehr wohl dann, wenn es am gesamten Markt keine vergleichbaren Produktionskosten für Strom gibt. Im industriellen Bereich hilft Österreich das, im internationalen Wettbewerb nicht, wenn wir mit höheren Kosten konfrontiert sind. Ich sehe derzeit nicht, wieso sich das ändern sollte.
Der zweite Punkt, der für mich ein Problem bedeutet, ist die CO2-Bepreisung, die nicht linear, sondern progressiv steigen wird, um die Anreize zu erhöhen. Das heißt, man schreibt etwas vor, was möglicherweise nicht erreicht werden kann. Das Einzige, was man sicher erreichen kann, sind höhere Kosten für die Energie-Nutzung durch die CO2-Bepreisung. Dem könnte man aber mit Hilfe der Effizienzsteigerung bei den Verbrauchern entgegenwirken. Daher unser Appell, nicht nur über die Energieproduktion zu reden, sondern auch über die Nutzung, indem man energieeffiziente Lösungen forciert, die es jetzt schon gibt. 

Als Stolpersteine am Weg zum Klimaziel gelten Transport- und Speicherprobleme, Stichwort „Sektorkoppelung“ (Verbindung der „Energiesektoren“ Strom, Wärme und Verkehr, Anm.), lange Genehmigungsverfahren, enormer Bodenverbrauch, etwa bei Solarkraftwerken. Wären Sie Energieminister, was würden Sie unter Berücksichtigung des Klimaziels, umgehend veranlassen?
Was notwendig für die Erfüllung dieser Ziele sein wird, sind tatsächlich machbare Rahmenbedingungen, etwa kürzere Genehmigungsverfahren. Das Thema Flächenverbrauch wird bei Straßen sehr relevant behandelt, bei PV-Anlagen, die in der Menge viel Fläche brauchen würden, jedoch nicht. Wenn man sich ansieht, wie lange solche Genehmigungsfristen dauern können, habe ich Zweifel in der Machbarkeit. Was wirklich fehlt, ist die Diversität bei der Energieerzeugung und -verwendung. Mir fehlt die Diskussion um Wasserstoff, E-Fuels, … Das scheitert derzeit preislich an der Menge der Produktion und der Nutzung. Skaleneffekte führen am Ende dazu, dass wir uns bei einem ohnehin höheren Preisniveau der Energie bald mit einer wirtschaftlichen Form dieser Energie der Systeme konfrontiert sehen könnten. Die reine Ausrichtung von Mobilität in E-Autos wäre einschränkend. Besser wäre das Sowohl-als-Auch. Das ist in der derzeitigen Gesetzesvorlage jedoch nicht auffindbar.


Ist im Individualverkehr Elektromobilität die Technologie der Zukunft? Warum setzt man aufgrund recylingintensiver Batterien nicht vermehrt auf vielseitige Technologie, wie grüner Wasserstoff? 


Das frage ich mich auch. Es gibt viele Ideen. Die Firma List und eine steirische Gruppe haben, um das Thema E-Fuels entwicklungstechnisch voranzutreiben, erste Schritte unternommen. Die Wasserstofferzeugung kann man nur dann unter Klimaschutzaspekten sehen, wenn wir auch die Stromerzeugung, die für den Betrieb der Elektrolyse notwendig ist, unter CO2-Einsparungsaspekten betreiben, wenn also Wasserkraft oder Wind den Strom erzeugen. Da stellt sich auch die Frage der internationalen Betrachtungsweise. Man könnte etwa in Saudi-Arabien großflächig über PV-Anlagen Strom erzeugen, dann über Elektrolyse Wasserstoff herstellen und diesen dann, oder in transportierbarerer Form, etwa als Ammoniak, wieder nach Österreich bringen. Mit der Beteiligung an einer solchen Anlage könnte man Österreich künftig CO2-neutral versorgen oder gestalten. Hier sind wir aus gesetzlicher Sicht derzeit sehr eingeschränkt.

Bei E-Mobilität etwa geht es nicht nur um das Thema Auto, sondern um die gesamte Kette, also die Produktion von Pkws, sowie die Infrastruktur selbst. Betrachtet man hier den ökologischen Footprint, so stellt sich die Frage, ob es nicht klüger ist, manche Dinge aus dem Bestand mit neuen Verbrennungskraftstoffen, die nicht mineralöl-, sondern zb. wasserstoffbasiert sind, anteilig weiter zu betreiben. In zehn oder 20 Jahren exportieren wir sonst vielleicht einen veralteten Fuhrpark, der heute mit Verbrennungsmotoren fährt, in ärmere Länder. Das ist fürs Klima auch nicht optimal. Es fehlt also das Zulassen aller Möglichkeiten. Die CO2-Ziele sind so hoch, dass sie nur in der Nutzung der gesamten Palette erreichbar sind!
Siemens hat bei der Verwendung fossiler Brennstoffe große Fortschritte gemacht. Was nicht passieren sollte, ist, dass durch die finanzielle Stützung von PV-Anlagen die Strompreise so niedrig gehalten werden, dass Gaskraftwerke nicht mehr betriebswirtschaflich betrieben werden können. Dies führt oftmals dazu, dass durch billige CO2-Zertifikate der Fokus auf dem Einsatz von Kohle liegt. So kann man mit scheinbar kleinen Maßnahmen eine komplette Fehlentwicklung auslösen. Hier muss man sehr aufpassen. 


Siemens verfügt über hohe Expertisen im Bereich künstliche Intelligenz, IoT (Internet der Dinge) und Edge Computing (dezentrale Datenverarbeitung am Rand des Netzwerkes) in Verbindung mit dem industriellen Know-how. In was für Produkten bzw. Anwendungen werden KonsumentInnen diese Technologien künftig finden?

Siemens hat sich in den letzten Jahren zu einem reinen Technologieunternehmen entwickelt. Wir setzen schwerpunktmäßig auf die die Gebiete intelligente Infrastruktur bei Gebäuden und dezentralen Energiesystemen und unterstützen die Industrie in der Digitalisierung der Produktionsprozesse. Diese gehen ja quer durch – von Auto,-, Maschinenbauindustrie bis hin zu den zur Pharma- oder Lebensmittelindustrie , wie etwa Spitz oder Coca Cola, deren Produktion wir digitalisieren. Damit haben die KonsumentInnen die Möglichkeit, aus dieser optimierten Produktion ein Produkt zu bekommen, das entweder billiger ist, oder ums gleiche Geld besser. 

Was sagen Sie zu Österreichs neuem Maßnahmenpaket, in dem u.a. Speichernutzer dazu verpflichtet werden, ungenutzte Gas-Speicherkapazitäten anzubieten oder zurückzugeben?
Vorhandene Speicherkapazität bestmöglich zu nutzen, macht natürlich Sinn, vor allem in Zeiten, wo die Versorgung gefährdet ist. Weil man die Versorgung so mit Zusatzenergie optimieren kann.


Sie sind ein großer Arbeitgeber in Österreich. Spüren Sie das Problem des Fachkräftemangels? Wie lukrieren Sie Lehrlinge?
Grundsätzlich ja. Vor allem bei Auszubildenden sehen wir Veränderungen. Früher hatten wir das umgekehrte Problem - also zu viele Bewerber und eine begrenzte Zahl, die aufgenommen werden konnte. Unsere primäre Zielgruppe bei Lehrlingen waren HTL-Schulabbrecher. Diese verfügen über ein gewisses Niveau an Vorkenntnissen und technischem Know-How. Weil es während der Pandemie gelockerte Regelungen an Schulen gab, fiel diese Zielgruppe jetzt weg. Mittlerweile suchen wir auch Personen mit bereits abgeschlossener Matura. 

Siemens hat einen guten Ruf als Arbeitgeber. Wir sehen in der Industrie nach Corona eine hohe Nachfrage nach Produkten. Vielfach wird mittlerweile auch auf Lager bestellt wird, da viele KundInnen wegen der langen Lieferzeiten mittlerweile früher bestellen. Dies führt bei uns zu einem Bedarf an zusätzlichem Personal, das wir derzeit suchen. Wir werden unseren Personalstand, den wir auch während Corona halten konnten – wir waren nicht in Kurzarbeit – sicher weiter behalten. 

Wie sehr schmerzt Siemens der Rückzug aus Russland für die Mobilitätstochter?
Dass für ein Unternehmen nach 170 Jahren der Ausstieg aus einem Land nicht angenehm ist, ist klar. Wir haben im Konzern diese Entscheidung mit Bedacht getroffen. Ein Rückzug aus Märkten ist nie schön. Aber es gibt Rahmenbedingungen, die diesen Schritt notwendig machten. 

Zur Person: Wolfgang Hesoun

Wolfgang Hesoun (62) ist Vorsitzender des Vorstandes der Siemens Österreich AG (mit Verantwortung für weitere 18 Länder). Der Mödlinger hat die HTL (Feinwerktechnik) in Mödling abgeschlossen, seine berufliche Karriere begann er im Kraftwerkbau und bei der Porr AG, ab 2004 war er dort stellvertretender Generaldirektor, ab 2007 Generaldirektor. 2010 folgte er Brigitte Ederer an die Spitze des Siemens-Konzerns.

Auch interessant:

Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden.
Wasserstoff ist Zukunft der Industrie

Energie aus Abwasser als Alternative zu Öl und Gas
Dachgleiche am Josef-Hesoun-Ausbildungszentrum erreicht!

1 Kommentar

?

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?

Werde Regionaut!

Jetzt registrieren

Du möchtest selbst beitragen?

Melde dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.