Gerhard Roth: "Es ist für mich ein Lebensabenteuer"

Gerhard Roth feiert am 24. Juni seinen 75. Geburtstag.
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  • Gerhard Roth feiert am 24. Juni seinen 75. Geburtstag.
  • Foto: Senta Roth
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Anlässlich seines bevorstehenden 75. Geburtstages am 24. Juni habe ich Gerhard Roth in seinem Sommer-Domizil in Kopreinigg in St. Ulrich im Greith besucht. Der vielfach ausgezeichneter Literat von internationalem Rang hat hier in der Weststeiermark genau jene Stimmung gefunden, die ihn zu seinen berühmtesten Werken inspiriert hat. Zwei wunderbare Stunden durfte ich mit Gerhard Roth für dieses Interview am Holztisch unter seinem Nussbaum verbringen.

Sie feiern in drei Tagen Ihren 75. Geburtstag, wie geht es Ihnen?

GERHARD ROTH: Wenn ich hier bin, fühle ich mich sehr wohl. St. Ulrich ist meine Heimat geworden, obwohl ich ja seit 30 Jahren auch in Wien einen Wohnsitz habe.

Wie sind Sie auf dieses herrliche Anwesen gestoßen?

Ich habe mich vor 40 Jahren dazu entschlossen, zwei Bücher zu schreiben: Eines über die Stadt und eines über das Land, ausgehend von der Zeit in der Monarchie bis zur Gegenwart. Ich wollte auch den Nationalsozialismus mit all seiner Verachtung gegnüber den Menschen kritisch einflechten. Gedauert hat dieses Unterfangen nicht die geplanten fünf Jahre sondern 34 Jahre, in denen die beiden Zyklen "Die Archive des Schweigens" (1980–1991) und "Orkus" (1995–2011) entstanden sind, also 15 Bände mit 6.000 Seiten, darunter auch der viel zitierte "Stille Ozean".

Meine Frau Senta wollte immer schon aufs Land, ich fühle mich eher als Kosmopolit. Doch diese Gegend hat mich inspiriert. Wir haben zuerst in Obergreith gewohnt, und das unter eher ärmlichen Umständen, also kaum beheizt und mit rostigem Wasser im Brunnen. Nach einem Jahr war mir dieser Lebensstil sogar ganz recht, denn so habe ich erst zu verstehen gelernt, wie die Leute hier leben, denen es nicht so gut geht. Durch das Fotografieren habe ich wunderbare Gespräche gefunden. Dieses Leben ist für mich zu einem Lebensabenteuer geworden.

Welches zum Beispiel?

Bienen! Sie beeindrucken mich bis heute. Es war für mich ein Wunderwerk, als der alte Zmugg mit seinem phänomenalen Wissen Bienenstöcke vor dem Haus in Obergreith mit ca. 1,6 Mio. Bienen aufgestellt hat. Ich habe sofort das Buch des Münchner Zoologen und Nobelpreisträgers Karl von Frisch über Bienen organisiert. Bienen faszinieren mich, ich habe selbst drei Jahre geimkert. Ich habe gelesen, dass das Volk aller Bienen ein Tier ist, das "Der Bien" genannt wird, also mit Arbeitsbienen, Königinnen, Männchen u.a. Das Denken ist dabei das Gesamte. Aus den vielen Notizen und dieser Idee bin ich zum Verfassen des Buches "Der landläufge Tod gekommen". Schließlich ist das jeweils Ganze immer der Roman.
Ich kaufe auch immer die gerade die akteuellste Fachliteratur.
Ich habe schon selbst ein Buch über Bienen geschrieben, aber ich möchte nach meiner Trilogie, an der ich derzeit arbeite, ein weiteres Bienenbuch verfassen, quasi als Resümee über die letzten 40 Jahre. Ich freue mich sehr darüber, zum Ehrenimker in der Steiermark ernannt worden zu sein.

Wie sind Sie schließlich nach Kopreinigg gekommen

Ich war acht Jahre in Obergreith, wo ich "Der stille Ozean und "Landläufiger Tod" sowie den Bildband "Im tiefen Österreich" geschrieben habe.
Der Besitzer des Hauses in Obergreith wollte zurück. Deshalb bin ich auf der Suche nach einem Objekt in der Nähe nach vielen Spaziergängen auf dieses Haus in Kopreinigg gestoßen, allerding herrschte damals noch Chaos: Eine Badewanne stand heraußen und die Böden waren herausgerissen, weil den Leuten das Holz zum Heizen gefehlt hat. Über 20 Jahre haben wir das Haus entfeuchtet und Stück für Stück so hergerichtet, wie wir es haben wollten mit Bibliothek, Glasdach, saniertem Weinkeller u.v.a.

Was schätzen Sie hier an den Menschen?

Ich hatte zuerst schon bedenken, schließlich ist hier alles so katholisch. Aber die Menschen sind hier weder besser noch schlechter als anderswo. Ich auch nicht. Es gibt hier einfach alles, was es in der ganzen Weltgeschichte auch anderswo gibt. Allerdings waren meine Anfänge nicht einfach, da es die Leute nicht gewohnt waren, dass ich über sie schreibe und sie so sehe, wie ich sie eben sehe.

Sie waren maßgeblich an der Initiative zur Entstehunge vom Greith-Haus in St. Ulrich im Greith beteiligt und fördern die "Kultur im Zentrum der Peripherie", wie kam's?

Vor 14 Jahren hat mich Sepp Zmugg darauf angesprochen, ob man nicht in St. Ulrich ein Kulturhaus nach dem Vorbild des Schriftstellerhauses von John Steinbeck "Jenseits von Eden" umsetzen könnte.
Anfangs habe ich mich noch eher zurückgezogen.
Helena Wallner hat in ihrer Zeit als Obfrau des Kulturvereines das Greith-Haus ein Jahrzehnt lang mit sehr viel Engagement bespielt und geprägt. Nach ihrem Rücktritt bestand die Gefahr, dass ein Bruch entsteht. Mir liegt das Kulturhaus aber so am Herzen, dass ich gerne die Quelle übernehme. Daher versuche ich selbst, mit den Künstlern, an die man vielleicht nicht so leicht heran kommt, für das Greith-Haus zu gewinnen. So lange ich das abdecken kann, setze ich mich gerne für das Greith-Haus ein. Gerade die aktuelle Schau mit VALIE EXPORT war eine Herausforderung, vor alle was die mitunter sehr aufwändigen Installationen anbelangt. So umfasst eine der Skulpturen nicht weniger als 14 TV-Geräte. Und die selten gezeigte Installation "Kalaschnikov" besteht aus 100 Kalaschnikovs in einem Ölbad inmitten einer 500 kg schweren Bleiwanne, das auch diesen speziellen Geruch verbreitet. Das war vom Transport bis hin zur Installation nach den genauen Vorgaben der Künstlerin eine große Herausforderung. VALIE EXPORT war schon lange nicht mehr in der Steiermark, daher macht es mich schon ein bissl stolz, dass sie jetzt hier im Greith-Haus ausstellt.
In Summe ist es immer ein Fitzcarraldo-Unternehmen, denn man weiß ja nie, ob das Angebot im Kulturhaus angenommen wird oder nicht, da kann man sich sehr oft täuschen.

Und die örtlich kulturellen Beiträge?

Alles was aus dem Ort kommt, wie z.B. die Lesung mit Wolfgang Pollanz, ergibt sich über die Obfrau Corinna Löw. Die musikalischen Beiträge macht der Herr Heindl. Somit ergibt sich eine vielfältige, kuturelle Mixtur.
Ich lege großen Wert darauf, dass auch das Stammpublikum kommt und die Schwellenangst beiseite gelegt wird. Somit wird vielleicht etwas dieser urbanen Kultur nachhaltig an junge Leute weitervermittelt. Es ist eine Chance, neben der ländlichen Kultur auch Künstler von Weltruf hier in St. Ulrich im Greith zu erleben. Daher hoffe ich sehr, dass Klaus Maria Brandauer wirklich heuer zu uns kommt. Ich lade also Künstler ein, die mich selbst ansprechen, und das oft nur über das Werk an sich.
Mein größter Wunsch wäre es, dass hier einmal ein junger Mensch aus dem Kultturhaus geht und meint: "Ich möchte auch Künstler werden".

Es gibt ja an die 60.000 Fotos, die Sie gemacht haben - eine Ausstellung, betitelt "Innenwelten", ist gerade im Greith-Haus zu Ende gegangen. Was inspiriert Sie?

Zuerst war es einfach eine Hilfe. Ich habe bei meiner ersten Amerika-Reise mit Wolfgang Bauer mit dem Fotografieren begonnen, als ich gemerkt habe, dass ich meine Eindrücke nicht mehr mit Notizen allein beschreiben kann. Da ist mir das Fotografieren sehr entgegen gekommen. Ich hatte anfangs eine russische Zenith-Kamera, einfach weil es die billigste war. Ich fotografiere alles: Blühende Blumen, Stimmungen im Laufe der Jahreszeiten, ein Blick aus dem Fenster als Bühne für eine bestimmte, literarische Situation u.a. Es sind einfach die alltäglichen Dinge des Lebens. Erst hier habe ich mir eine professionelle Ausrüstung zugelegt.

Und wie sind Ihre Eindrücke hier auf dem Land?

Hier, in Sulmeck-Greith sind die Eindrücke wie eine Explosion, vom Teich ausfischen (dabei ist mir eine Kamera regelrecht erfroren) über Treibjagden und Hochzeiten bis zu den Bienen oder die Geburt eines Kalbes - alles fließt ineinander. Es ist für mich eine neue Welt. Allerdings war ich in jungen Jahren Medizistundent - somit ist das Schlachten von Tieren bzw. der Tod an sich nicht mehr so erschreckend, wiewohl ich immer respektvoll fotografiere, wie ich meine.

Was haben die Menschen dazu gesagt?

Gerade durch das Fotografieren ist auch ein Naheverhältnis mit den Menschen hier entstanden. Es war schließlich sehr teuer, Fotos ausarbeiten zu lassen - solche habe ich aber immer wieder bei den Leuten vorbeigebracht. Ich respektiere jeden Menschen, denn jeder Mensch ist mir in irgendetwas überlegen.

Welche Veranstaltungen sind zu Ihren Ehren im Greith-Haus heuer geplant?

2004 ist die Fotoserie "Jagdausflug im stillen Ozean" enstanden. Über die Freundschaft zu der Künstlergruppe G.R.A.M. mit Martin Behr und Günther Holler-Schuster ist die Idee zu dieser Foto-Aktion bei einer örtlichen Treibjagd entstanden. Die Künsterlgruppe hat dabei Szenen nachgestellt, die im Roman "Der stille Ozean" spielen könnten, dabei kommt sogar eine richtige Jagdstimmung inklusive Verklärung und Brutalität auf. Diese spezielle Foto-Schau wird am 26. Oktober im kleinen Saal des Greith-Hauses eröffnet werden.

Was ist jetzt bei Ihnen in Arbeit?

Im Herbst wird ein neues Buch erscheinen, betitelt "Die Irrfahrt des Michael Aldrian", ein typischer Name aus dieser Gegend, der dem Verlag so gut gefallen hat, dass er in den Titel eingeflossen ist. Der Roman spielt in Venedig. Venedig ist schon seit Jahrzehnten mein Anlaufplatz, weil sich dort Wunder über Wunder häufen.
Es ist seltsam. Als ich vor 40 Jahren hierher gezogen bin, habe ich mir gedacht: wenn ich einmal alt bin, werde ich hier sitzen und über Venedig schreiben. Und genau so ist es gekommen.

Außerdem möchte, wie bereits erwähnt, ein Buch über Bienen verfassen, in dem ich den Bogen der letzten 40 Jahren bis in die Gegenwart spanne mit all den Problemen, die ein Imker heutzutage hat.

Sie sind ja seit dem Vorjahr auch Ehrenbotschafter des SK Sturm Graz - was fasziniert Sie an König Fußball?

Fußball ist eine Kindheitserinnerung für mich. Ich bin mit 8 Jahren erstmals auf den Sturmplatz mit meinem Vater (Arzt) und meinen Großvater (Glasbläser) sowie meinen beiden Brüdern gegangen, also zu Fuß von Gösting über die Kalvarienbergbrücke. Der GAK war zwar näher, aber das war für uns tabu.
Meinem Großvater als Glasbläser verdanke ich es auch, dass ich mich mit einfachen Menschen wohl fühle und mit ihnen umgehen kann bzw. sie gehen ja mit mir um.
Ich mag die Stimmung beim Fußball. Wenn ich heute auf den Sturm-Platz gehe, dann sind das zwei Stunden Kindheit für mich.

Wie werden Sie Ihren Geburtstag feiern?
Zuerst werden Elisabeth Orth und Klaus Maria Brandauer am 22. Juni im Burgtheater in Wien aus meinen Büchern rezitieren. Im Anschluss wird es im Foyer des Burgtheaters ein Buffet für die offizielle Feier geben.

Und die inoffizielle?

Die wird am 24. Juni, also an meinem Geburtstag im Greith-Haus stattfinden. VALIE EXPORT hat sich für eine Führung durch ihre Ausstellung angesagt - auch der Katalog dazu wird vorgestellt werden. Es werden Künstlerfreunde dabei sein wie Erwin Wurm, Barbara Frischmuth sowie Leute aus Politik und dem öffentlichen Leben. Und der Sturm Graz darf auch nicht fehlen. Mir geht es dabei vor allem um das Kulturhaus, damit dieses auch weiterhin im Gespräch bleibt. Schließlich möchte ich mit dem Greith-Haus etwas davon zurückgeben, was ich hier bekommen habe.

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