09.10.2017, 11:49 Uhr

Alltag mit Hörgerät: Lina Rieber über Schule und Alltag trotz Hörminderung

Hörminderung kann jeden betreffen – besonders dramatisch ist es allerdings, wenn es dabei um Kinder geht.
Was Angelika Rieber, die Mutter eines betroffenen Kindes dazu sagt was es bedeutet, ein Kind mit Hörminderung zu haben, aber auch darüber, welche Herausforderungen in Schule und Alltag auf Kinder mit Hörminderung zukommen, ist gut in diesem Interview nachvollziehbar:

Wann und wie haben Sie erfahren, dass ihre Tochter an Hörverlust leidet?

Angelika: Erfahren habe ich vom Hörverlust meiner Tochter noch vor dem Schuleintritt. Die Logopädin im Kindergarten überprüfte unter Anderem auch das Gehör der Kinder – Lina war zu dem Zeitpunkt stark verkühlt und hatte Probleme bei der Flüstersprache, und hier speziell bei den K- und Sch-Lauten. Später haben wir dann erfahren, dass diese Laute in genau den Frequenzbereich fallen, den Lina schlecht hört.

Woran haben Sie es im Alltag gemerkt? Wie hat sich Ihr Alltag gestaltet?

Angelika: Grundsätzlich hat man Lina im Alltag ihren Hörverlust nicht angemerkt. Ihre Entwicklung verlief vollkommen normal, sowohl im motorischen als auch im sprachlichen Bereich – bei ihr liegen also keine entwicklungsbedingten Sprachfehler vor.

Welche Sorgen und Ängste kamen auf als klar war, dass Ihre Tochter an Hörverlust leidet?

Angelika: Natürlich haben wir uns viele Fragen gestellt: Wie würde sich das auf das weitere Leben von Lina auswirken? Wie stark wird sie in verschiedenen Bereichen benachteiligt sein? Wie geht sie selbst mit ihrer Situation um und wird sie die angebotenen Hörhilfen akzeptieren? Was wird ihr Umfeld dazu sagen? Und – für uns als Familie mit am Wichtigsten – was können wir tun um sie so weit wie möglich zu unterstützen? Das waren für uns im ersten Moment die wichtigsten Fragen.

Werden Kinder mit Hörminderung in den österreichischen Schulen ausreichend gefördert? Werden genug Angebote speziell für sie zur Verfügung gestellt?

Angelika: In Österreich gibt es einige Schulen, die speziell auf die Bedürftnisse von Kindern mit Hörbeeinträchtigung eingestellt sind. Dort findet sicher auch eine ausreichende Förderung durch speziell geschulte Lehrer und ausreichend Material statt. Auf dem Land gibt es diese Schulen allerdings nicht. Hier werden die Kinder in den Regelunterricht integriert und es wird versucht, sie so weit wie möglich in den Regelunterreicht zu integrieren und sie bestmöglich zu fördern. Am Land gibt es diese Schulen nicht. Kinder werden in den Regelunterricht integriert und dort bestmöglich gefördert.

Wird im Unterricht auf die Bedürfnisse von Kindern eingegangen, die unter Hörminderung leiden?

Angelika: Jeder Lehrer wird sich mit Sicherheit nach seinen indviduellen Fähigkeiten bemühen, so gut wie möglich auf Kinder mit Gehörminderung einzugehen. Allerdings entscheidet oft Klassengröße und Klassensituation darüber, wie sehr sich ein Lehrer mit nur einem Kind beschäftigen kann.

Sehen Sie eine mangelnde Chancengleichheit zwischen Kindern mit und ohne Gehörminderung?

Angelika: Ja, absolut.

Was glauben Sie könnten Schulen noch verbessern in der Betreuung von Kindern mit einer Gehörminderung?

Angelika: Mehr Aufklärung, spezielle Fortbildungen, Fördermaterialien, mehr Personal. Bei Lina sehe ich das gut – hier kommen 24 Kinder auf eine Lehrerin und es ist fast unmöglich, auf die Bedürftnisse jedes einzelnen genau einzugehen.

Wurde und wird Lina ausreichend gefördert? Welche Maßnahmen werden gezielt gesetzt, um sie im Unterricht zu fördern?

Angelika: Sie wurde so weit die Umstände das zugelassen haben immer sehr von ihren Lehrern gefördert, und hatte daneben Stützlehrer, die zusätzlich darauf geschaut haben, dass Sie jede Förderung bekommt, die sie braucht.

Woran merken Eltern, dass Ihre Kinder nicht einfach Schwierigkeiten damit haben dem Unterricht zu folgen sondern an einer Gehörminderung leiden?

Angelika: Dort eine Grenze zu ziehen ist sicher sehr schwer. Es gibt in Österreich sehr viele Kinder in Schulen, die an einer Hörminderung leiden, es aber nicht wissen. Wenn man nicht gut hört, wirkt sich das sofort auf das Lernen bzw. den Lernerfolg aus. Anzeichen können sein, dass das Kind nicht so wie andere auf Ansprache reagiert, es wirkt oft abwesend. In all diesen Fällen ist es empfehlenswert, einen HNO-Arzt oder Hörakustiker aufzusuchen und sich Klarheit zu verschaffen.

Wie geht Lina mit ihrer Hörminderung im Schulalltag um? Was erzählt sie darüber, wie sie die Schule erlebt?

Angelika: Für Lina ist es schwer. Sie geht nach wie vor nicht gerne in die Schule, obwohl sie eine tolle Lehrerin hat. Für sie ist es schwer den Schulalltag zu meistern, weil es nach wie vor sehr anstrengend ist. Das hohe Arbeitstempo und die Konzentration die ihr abverlangt werden strengen sie nach wie vor mehr an als andere.  

Ist Lina im Gegensatz zu anderen Schülern benachteiligt?

Angelika: Ja, absolut.

Wie lässt sich das Hörgerät im Alltag und in der Schule implementieren? Gab es am Anfang Schwierigkeiten, das Hörgerät in den Alltag von Lina einzubauen?

Angelika: Nein, für Lina gab es von Anfang an wenig Schwierigkeiten, das Hörgerät in ihren Alltag zu integrieren.

Wie haben die anderen Mitschüler darauf reagiert, dass Lina ein Hörgerät trägt? Ist sie oft danach gefragt worden?

Angelika: Die anderen Kinder wurden sehr gut darüber aufgeklärt, was ein Hörgerät bedeutet. Zusätzlich wurde ein eigener Workshop abgehalten, bei dem die Kinder alles über Hörgeräte und den Umgang damit erfahren konnten.

Was raten Sie anderen Müttern und Vätern, die ein Kind mit Gehörminderung haben? Wie sollen sie idealerweise damit umgehen? Wie können Eltern die Situation für Ihr Kind erleichtern?

Angelika: Das wichtigste im Umgang mit Kindern im allgemeinen, aber im Besonderen mit Kindern, die einen Hörverlust erlitten haben, ist, sie bei jedem ihrer Schritte so gut wie möglich zu unterstützen und für sie da zu sein! Es ist vor allem wichtig, das Kind ausreichend auf das Tragen des Hörgerätes vorzubereiten. Kinder brauchen Zeit, um sich an das Hörgerät zu gewöhnen und müssen gut über die für sie ungewohnte Situation aufgeklärt werden. Das Kind muss merken, dass es unterstützt wird. Aber auch die Eltern von betroffenen Kindern müssen lernen mit der Situation klarzukommen und versuchen, immer das Positive daran zu sehen.
Generell gilt: niemals von anderen verunsichern lassen und sich selbst ein Bild der Situation machen. Einen HNO-Arzt aufsuchen, bei dem die Chemie stimmt, und gegebenenfalls eine Zweit- und Drittmeinung einholen. Steht die Diagnose Hörverlust ist es unbedingt notwendig, einen Akustiker aufzusuchen, der auf Pädakustik spezialisiert ist. Sie sind für den Umgang mit Kindern speziell geschult. Eng mit der Schule zusammenzuarbeiten erleichtert dem Kind den Umgang mit dem Hörgerät vom ersten Tag an – Schulen machen oft Hilfsangebote, diese gilt es wahrzunehmen. Das wichtigste ist allerdings, offen mit der Situation umzugehen.
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