Rollstuhlfahrer
Selbstbestimmt mit dem Rolli durch die Donaustadt

Vincent Post und sein Vater
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Wenn er mit dem Papa unterwegs ist, geht meist die "Post" ab, Sportunfälle inklusive.

DONAUSTADT(rc). Vincent Post will Rechtsanwalt werden und der Grundstein dafür ist gelegt. Er besucht die 2. Klasse am Bernoulligymnasium und wird dieses Schuljahr sehr wahrscheinlich wieder mit „sehr gutem Erfolg“ abschließen. Integration mit Rollstuhl und körperlichem Handicap funktioniert und zwar durch intensives Miteinander zwischen Direktor, Lehrkräften und Vincent selbst. Gemeinsamkeiten über das Schulleben hinaus zu praktizieren, sich in das Netzwerk von „Chance und nicht Behinderung“ zu begeben, an Lebens- und Berufsbeispielen lernen, das ist Ziel des Zwölfjährigen.

Visionen und Tatsachen

Hinter seinen Visionen steht die Mutter, die sich hartnäckig für alles was notwendig ist, durch den Bürokratendschungel des Lebens kämpft und der Vater, der all die Sehnsüchte des Sohnes versucht in die Realität umzusetzen.
Bei Vincents Geburt wurde die Diagnose „dyskinetische Tetraparese“(teilweise Lähmung aller vier Extremitäten) gestellt. „Wir waren von einem Moment auf den Anderen mit tausend Gedanken konfrontiert, hat man diese aber wochenlang durchgekaut, nimmt man sich aus der Situation komplett raus und versucht, um für dieses Kind genau das an Familienleben zu konstruieren, das allen gerecht wird“, schildert Katalin Post, die Mutter von Vincent.

Ich bin anders

Vincent war immer schon aufgeweckt und interessiert. Er sah den Kindern gerne zu, wenn sie im Kindergarten herumtobten und fand es lustig, wenn sie sich im Winter mit patzigem Schnee ihre Schlachten lieferten. Er war ungefähr vier Jahre alt, als er von einem Moment auf den anderen wissen wollte, ob und wann er gehen lernen wird, dicht gefolgt von seinem Wunsch nach mehr Lego und Playmobil.
Das war der Startschuss für die Eltern, den nächsten Schritt in Sache Mobilität ihres Sohnes zu setzen.

Mobilität als Pflicht

Abgesehen von der Suche nach dem geeigneten Volksschulplatz, wurde für Vincent ein Gehtrainer angeschafft, die Beinmuskulatur gehörte aufgebaut, Krafttraining war an der Tagesordnung und für Vincent eine Herausforderung. Mit sieben konnte er sich bereits auf den Beinen halten, ohne umzukippen. Perfektes Timing zum Schulbeginn also.
Der Junge wollte auch Radfahren, möglichst ohne Helm, das fand er nämlich peinlich, die Mutter legte sich jedoch quer. Mit dem Therapierad und seinem Vater wurde so mach riskanter Radausflug absolviert. Der erste "Stern" ließ nicht lange auf sich warten, aber aufgeben war nicht gefragt.
Beim Turnunterricht wird seit der Volksschule eine mobile Physiotherapeutin hinzugezogen. Sie moderiert unterstützend den Turnunterricht und ist auch bei Schulausflügen mit von der Partie.

Assistenz

Da mittlerweile wieder beide Elternteile berufstätig sind, verfügt Vincent über
drei Schul-Assistenten, die ihm abwechselnd zur Hand gehen. Vincent ist
zufrieden mit seinen Assistenten, er hat sie selbst ausgesucht, sein erstes
Mitarbeitergespräch quasi. Sie sind ihm Hände und Füße. Den Schulweg übernehmen seine Eltern. Nächster Schritt ist das selbstständige fahren mit den Öffis. Ab 2020 soll ja endlich die Straßenbahnlinie 25 auch mit einer Niederflurgarnitur ausgestattet sein...

Gymnasium

Wie schon für die Volksschule haben sich Vincents Eltern die Schulbücher für's Gymnasium auf DVD aushändigen lassen. Jedes Schul- und Arbeitsbuch wurde von den Eltern 1:1 in den dafür vorgesehenen Laptop gespielt und so editiert, dass es im Unterricht auch verwendet werden konnte. Ab der 2. Klasse wurde die Vereinbarung getroffen, dass Vincent dem Unterricht konzentriert folgt und sein Assistent für ihn die Niederschriften anfertigt.

Teamwork

Vincent gibt den Professoren in Mathematik mit dem Computerprogramm Geogebra exakt die Befehle, wie und wo ein Geodreieck angesetzt werden muss, an welchem Punkt der Zirkel eingestochen wird und wie groß der Winkel sein muss. Er setzt verbal Punkt und Komma in einem Aufsatz, Deutsch wie Englisch, er führt Grammatikbeispiele aus und buchstabiert komplizierte Worte ebenso wie Englischvokabeln. Vincent kann sich nicht wie ein gesundes Kind über eine Aufgabe her machen, er setzt einen Arbeitsschritt mehr, in dem er manuelle Lernabläufe zusätzlich mündlich erklären muss.
So entstehen mit Assistenz der Lehrer Schularbeiten und Tests.

Alltag

Die Woche ist verplant. Neben der Schule gibt es Aktivitäten wie Rollifußball und Treffen mit den Rollikids, wo der Spiel- und Sporttrieb mit entsprechenden Angeboten abgedeckt wird. Seit drei Jahren wird Vincent auch psychologisch begleitet. „Es kann sein, dass es Dinge im Leben unseres Sohnes gibt“, erzählt die Mutter, „die er mit uns vielleicht nicht besprechen möchte und so sind wir überein gekommen, ihm diese Nebenstelle zu eröffnen“.
Privat toben sich Vincent und sein Vater Alex in Sachen Sport aus. Vom
Schifahren mit einer speziell geschulten Schilehrerin, bis hin zu gemeinsamen
Segelflügen und Radtouren ist alles drinnen. Mit ungestümer Leichtigkeit wird
einfach alles ausprobiert, was momentan in barrierefreier Version an
Aktivitäten am Markt zur Verfügung steht.

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