Helden des Laufsports - Interview
Leichtathletik-Trainer Wilhelm Lilge im Interview

"Helden des Laufsports" führt Interviews mit Menschen die eine gemeinsame Leidenschaft haben, nämlich das Laufen. Zeiten spielen hier keine Rolle, es geht um die Person und die Geschichte dahinter. Vom Genussläufer bis zum WM-Teilnehmer, hier ist von jedem etwas finden. Heute stellt sich der Wiener Dopingexperte Wilhelm Lilge den Fragen.

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Mag. Wilhelm Lilge ist seit über 30 Jahren ein fixer Bestandteil in der österreichischen Leichtathletikszene. Neben seiner Tätigkeit als Trainer ist er auch Buchautor und schreibt regelmäßig im „Laufsport-Magazin“. Alles zum Thema Doping, Förderungen und vieles mehr findet ihr hier im „Helden-Interview“ #39

Foto: Lisa Leutner

Helden des Laufsports: Seit 30 Jahren gibst du etlichen Spitzen- und Hobbysportlern deine Erfahrungen als Trainer weiter. Welche Sportarten betreibst du selber?

Wilhelm: Radfahren, Laufen, Schilanglaufen, Schwimmen, allg. Fitness/Krafttraining, Klettern, Bergsteigen und Tanzen (Standard/Latein) muss ich eigentlich auch dazu zählen. Jedenfalls möchte ich auch mit 55 Jahren durch eigene Fitness eine gewisse Glaubwürdigkeit bewahren, ich hab kein Verständnis für übergewichtige oder rauchende Trainer.

Hdl: Auch in den Bergen bist du gerne unterwegs. Was waren hier deine schönsten Momente bzw. Erlebnisse?

Wilhelm: Dazu gehört sicher die Kilimandscharo Besteigung im Jänner 2019, acht 4000er Gipfel im Sommer 2018 und wie ich dreimal allein am Großglockner-Gipfel war.

Hdl: Beim ÖLV warst du als langjähriger Lauf-Nationaltrainer tätig. Was bleibt dir von dieser Zeit positiv, aber auch negativ in Erinnerung?

Wilhelm: Positiv sicherlich, dass man im Rahmen der Möglichkeiten etwas im Interesse der Athleten bewegen konnte und auch die internationale Szene bestens kennengelernt hat, dazu auch die Kontakte zu vielen Trainerkollegen im In- und Ausland. Negativ: nun ja, die Querelen mit Funktionären… Wenn ich aber sehe, wohin sich der Sport entwickelt, bin ich froh, dort nicht mehr dazuzugehören. Wenn – wie kürzlich passiert – ein Nachwuchsspartentrainer gekündigt wird mit der Begründung: „wir brauchen das Geld für…“ (Anm: für bestimmte Sportler der allgemeinen Klasse, die das Geld gar nicht brauchen oder es ohnehin bereits von mehreren Seiten bekommen), sehe ich die Zukunft ein bisserl düster. Wenn man über den Tellerrand hinausblickt, darf man auch kritisch hinterfragen, was Österreich als Land von einem Medaillengewinner in einer Sportart hat, die man bewusst fördert, weil es im Weltmaßstab kaum Konkurrenz gibt. Aber das ist leider auch dem Umstand geschuldet, dass es auch vom öffentlichen Geldgeber nur Mittel für Exoten-Medaillen gibt, aber keine nachhaltigen Strukturen geschaffen werden, von denen viele Sportler bis hinunter zum Breitensport profitieren.

Hdl: Neben deiner Tätigkeit als Leichtathletik/Triathlontrainer bist du auch Buchautor. In deinem Buch „Sportland Österreich?“ geht es auch um das Fördersystem in der österreichischen Leichtathletik. Hier stellt sich allgemein die Frage: Sind die Förderungen fair und was hat deiner Meinung nach die Politik in den letzten Jahren verabsäumt?

Wilhelm: Eine Förderung mit öffentlichen Mitteln – also Steuergeldern – ist dann vertretbar, wenn sich die Erfolgswahrscheinlichkeit eines international tätigen Sportler dadurch maßgeblich verbessert und wenn sich die Förderung der Spitzensportler gesellschaftlich positiv auswirkt, also v.a. Gesundheits- und Hobbysportler wegen der Vorbildwirkung zum gesunden Sporttreiben animiert. Ohnehin gut verdienende Einzelsportler mit Steuergeldern zu fördern halte ich für absurd, wenn gleichzeitig Eltern von behinderten Kindern das Pflegegeld gestrichen wird, weil kein Geld dafür da ist. Die Förderungen sind auch hochgradig ineffizient, jede „Reform“ machte alles nur komplizierter und schaffte höchstens Versorgungsposten im politiknahen Bereich, wo es höchstes Pseudo-Ausschreibungen für die entsprechenden Führungspositionen gegeben hat. Das Verhältnis zwischen den Summen, die oben ins System geschüttet werden und jenen, die „unten“ ankommen, ist wegen des übermäßigen administrativen Aufwandes und des parteipolitischen Einflusses nirgends so schlecht wie in Österreich. Andere Länder gehen da etwas vernünftiger vor und fördern u.a. viel mehr Trainer im Nachwuchs- und Elitebereich, weil damit ein mehrfacher Multiplikatoreffekt verbunden ist und schaffen zeitgemäße Infrastruktur, die dann auch genutzt werden kann. Es ist obszön einzelne Sportler mit Geld zu fördern und dann – wie in Wien – die Stadien am Wochenende zuzusperren, wenn die meisten Leute Zeit fürs Training haben.

Hdl: Was erwartest du vom neuen Sportminister H.C Strache?

Wilhelm: Jeder neue Sportminister will sich in Szene setzen und irgendetwas schaffen, damit er in Erinnerung bleibt – auch wenn es nur absurde Sprungschanzenideen fürs Happel-Stadion sind. Im aktuellen Regierungsprogramm stehen viele gute Dinge drinnen, leider werden aber falsche Prioritäten gesetzt, weil offensichtlich nicht die besten Einflüsterer am Werken sind und der Minister selbst nicht über die notwendige fachliche Eignung verfügt, dass er das beurteilen kann. Die Hauptaktivitäten waren bisher parteipolitische Umfärbeaktionen, also genau das, was man vorher bei den anderen kritisiert hatte. Das Engagement fürs Rauchen ist jedenfalls größer als jenes für den Sport.

Hdl: Das Thema Anti-Doping-Kampf hat bei dir einen sehr hohen Stellenwert. Wie siehst du die Lage in Österreich aber auch weltweit? Wird im Kampf gegen Doping genug gemacht?

Wilhelm: Österreichs Antidoping-Maßnahmen sind zweifelsohne deutlich besser und glaubwürdiger als noch vor 10 oder 20 Jahren, trotzdem spielt Österreich bei der Dopingbekämpfung nur in der 2. Liga in Europa, v.a. weil die BSO (!) und auch manche Verbände und auch Sportpolitiker wirksamere Antidoping-Maßnahmen verhindern. In Deutschland, Italien und Frankreich ist Eigendoping im Gegensatz zu Österreich ein Straftatbestand und es ist bedenklich, dass mittlerweile sogar in Russland und China die Sanktionen bei Betrug durch Doping weitreichender sind als bei uns. In diesem Zusammenhang bedenklich: der österreichische Staatsdoping-Skandal bei Humanplasma wurde durch politische Einflussnahme nie wirklich aufgeklärt, die meisten Täter und dopenden Sportler wurden nie zur Verantwortung gezogen.

Hdl: Wie würde deiner Meinung nach die gerechte Strafe für Doping aussehen?

Wilhelm: Bei schwerwiegendem Doping mit Steroiden, Wachstumshormonen, Gendoping und Blutmanipulation gehören Sportler lebenslänglich gesperrt, das kann auch nicht „versehentlich“ passieren. Mittlerweile ist auch die wissenschaftliche Faktenlage so, dass „ordentliches“ Steroiddoping (Anabolika) positive Wirkungen über die Dauer der Sperre hinaus bringt, somit MUSS eine lebenslange Sperre her. Wenn Doping ein Strafrechtstatbestand wird, dann gibt es auch faire Verfahren, Be- und Entlastungszeugen werden gehört und das Gericht kann die ganze Bandbreite von Freispruch bis vielleicht zu einer hohen Geldstrafe (im Profisport wird ja schließlich v.a. wegen Geld gedopt) oder auch Freiheitsstrafen verhängen, die eine generalpräventive, abschreckende Wirkung hätten. Die sportrechtlichen Sanktionen sind jedenfalls nicht ausreichend. Das ist ja ungefähr so, wie wenn man einen Bankräuber dazu verurteilt, dass er jetzt zwei Jahre keinen Bankraub verüben darf.

Hdl: Viele Jahre trainierst du jetzt schon den Wiener Spitzenläufer Andreas Vojta. Wieviel Potenzial siehst du noch beim Olympiateilnehmer (1.500 Meter) von 2012?

Wilhelm: Seit ca. 15 Jahren, damals war er 14. Er ist übrigens Gerasdorfer und kein Wiener. Auf den längeren Strecken ist er sicher noch nicht ausgereizt, es bleibt weiter spannend. Zumindest spricht er auf die aeroben Belastungen gut an, hat eine geringe Verletzungsneigung, wobei man sehen wird, wie er sich als großer, relativ schwerer Läufer auf den langen Strecken tut.

Hdl: Was sagst du Kritikern, die vor dem TV nur die Großereignisse wie Olympia mitverfolgen und dann sagen: „Die österreichischen Läufer kommen ja sowieso nicht ins Finale, die sind einfach zu schlecht.“?

Wilhelm: Man muss ja nicht alles kommentieren. Ich diskutiere auch mit Blinden nicht über Bilder, wobei das wahrscheinlich noch interessanter wäre. Bei den Läufern ist es zudem so, dass sie im weltweiten Wettstreit stehen, also nicht etwa wie unsere alpinen Schifahrer, die gegen ungefähr fünf Nationen antreten in einer Sportart, die außerhalb Österreichs nirgends mehr im TV übertragen wird, weil es keinen interessiert.

Hdl: Wie viele Hobbysportler hast du aktuell in Betreuung?

Wilhelm: „Betreuung“ ist in diesem Zusammenhang ein sehr vielschichtiger Begriff. Trainingspläne mit genauen Vorgaben für jeden Tag bekommt natürlich eine überschaubare Zahl von Athleten, „betreut“ werden in gewisser Weise z.B. auch alle Sportler, die einen Laktattest bei mir machen und konkrete Trainingsempfehlungen bekommen, das ist dann schon eine ziemlich große Zahl.

Hdl: Blicken wir etwas nach vorne. Wo und wer sind die größten Lauftalente die wir eventuell bei Weltmeisterschaften oder auch bei Olympia 2024 bzw. 2028 sehen könnten?

Wilhelm: Ich werde mich hüten, hier irgendwelche Namen österreichischer Sportler zu nennen und dadurch andere zu „vergessen“. Aber Tatsache ist, dass sich die Leistungen der Nachwuchsläufer in Österreich entgegen aller Lobeshymnen tatsächlich auf einem historischen Tiefststand bewegen, also z.B. ist der Durchschnitt der Top-20 über 800m der U 16 heute gleich um mehrere Sekunden schlechter als noch vor 20 Jahren. Einzelne „Ausreißer“ nach oben gibt es natürlich, die Hoffnung machen, aber die schaffen es nicht dank irgendeines Systems, sondern eher durch Zufall. Das ist allerdings nicht nur in Österreich so, sondern zumindest in ganz Mitteleuropa, ganz extrem auch in Deutschland. Aber auch ein Beispiel aus der allgemeinen Klasse: im Jahr 2018 wird die 800m-Bestenliste der Männer mit der schwächsten Zeit seit Beginn der Aufzeichnungen (seit fast 60 Jahren) angeführt und objektiv betrachtet gibt es nicht einmal im Marathon seit Ende der 80er Jahre einen Fortschritt.

Hdl: Siehst du in naher Zukunft Marathonläufer die Günther Weidlingers Rekord von 2009 (02:10:47h) knacken könnten?

Wilhelm: Dafür braucht es u.a. eine 10.000m Zeit um 28 Minuten. Da ist derzeit Andreas Vojta (28:33) am nähesten dran, der aber derzeit noch weit weg von einem Marathon ist. Bei den aktuell besten Marathonläufern traue ich das am ehesten Peter Herzog zu, der noch jung an Trainingsjahren ist.

Hdl: Wie es aussieht ist beruflich, so wie auch privat Sport dein Leben. Was macht ein Wilhelm Lilge sonst noch in seiner Freizeit?

Wilhelm: Die privat-berufliche Trennung ist schwierig, Sport spielt immer eine wichtige Rolle. Als Selbständiger gibt’s eigentlich kaum Freizeit, ich mach mir ja auch beim Langlaufen oder Bergsteigen Gedanken zum Training, etc. Aber wenn man eine Aufgabe gern macht, braucht man sich darüber auch nicht zu beklagen. Ich reise auch gern und da nicht unbedingt im Sommer nach Jesolo, natürlich gibt’s auch ein „echtes“ Privatleben und auch viele Interessen abseits vom Sport.

Hdl: Vielen Dank für das ausführliche Interview!

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