03.11.2016, 09:47 Uhr

Ausflug in die Todeszone

Veranstaltungszentrum in Zallisya
Das typische Geräusch des Geigerzählers wird lauter und die Anzeige zeigt erhöhte Strahlenwerte an. Wo? In der Sperrzone des Atomkraftwerkes (AKW) in Tschernobyl, genauer in Prypjat, der Geisterstadt nur drei Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt.

Im April 1986 explodierte in den Morgenstunden der Reaktorblock vier des AKW Tschernobyl und setzte eine Katastrophe in Gang, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind. Ein missglückter Testlauf startet eine Kettenreaktion, die in einer Katastrophe endete. Der Block vier wurde dabei vollständig zerstört und der Graphitkern freigelegt, worauf radioaktive Stoffe bis in eine Höhe von 12.000 Metern ins Freie gelangten. Der folgenschwere Unfall wurde von den Sowjets vorerst vertuscht, was vielen Menschen das Leben kostete und viele weitere auf der ganzen Welt in Gefahr brachte.

Dieser atomare Unfall kostet bisher mehr als 4.000 Todesopfer. Weitere 9.000 tödliche Krebserkrankungen können mit dem Unglück in Verbindung gebracht werden und mit 40.000 weiteren Krankheitsausbrüchen ist aufgrund der Folgen zu rechnen. Im Sommer 1986 werden mehr als 150.000 Menschen aus der 30 Kilometerzone evakuiert, weitere 240.000 Menschen werden später umgesiedelt.

800.000 Menschen, sogenannte Liquidatoren, waren später an den Aufräumarbeiten beteiligt, viele von Ihnen erkrankten an der hohen Strahlendosis. Die Soldaten und Zivilisten wurden ungeschützt ins Innere des Reaktors geschickt, um den geöffneten Reaktorkern mit Sand, Blei und Beton zu bedecken.
Das Atomkraftwerk bzw. die restlichen Reaktoren wurden von den Sowjets noch bis zum Jahr 2000 betrieben und erst aufgrund des Drucks europäischer Staaten abgeschaltet. Der Bau von Reaktor fünf und sechs wurde gestoppt, die unfertigen Blöcke und die beiden Kühltürme stehen seitdem verlassen am Flussufer des Flusses Prypjat.

Seit 30 Jahren steht Prypjat nun leer, eine Stadt mit damals fast 50.000 Einwohnern. Prypjat wurde erst 36 Stunden nach der Reaktorexplosion in nur zwei Stunden mit 1.200 Autobussen evakuiert. Den Bewohnern wurde mitgeteilt, dass sie zwei Tage später zurückkehren könnten – eine Rückkehr in Ihre Wohnungen gab es aber nie. Bis auf Plünderer und Partylöwen, die die ganze Stadt im Laufe der Jahre völlig aushöhlten und verwüsteten, kehrte kein Mensch mehr in die ehemalige Vorzeigestadt zurück, die 1970 gegründet wurde, um den Arbeitern und Angestellten des AKW Tschernobyl eine Heimat zu bieten.

Die Natur holt sich zurück, was man ihr genommen hat und schlingt sich durch Häuser, Straßen und Fahrzeuge. Schön langsam werden die Gebäude baufällig, Decken stürzen ein und Treppenhäuser werden wackelig. In wenigen Jahren wird die Stadt nicht mehr begehbar und das Betreten verboten sein. Gebäude stürzen ein und Wege werden unpassierbar, die Stadt verwuchert zusehends.

In Tschernobyl selbst, damals Heimat von 14.000 Menschen, leben heute wieder 700 Menschen, die zurückgekehrt sind, weil sie ihre Heimat nicht aufgeben wollten. In Tschernobyl befinden sich auch ein Hotel für Touristen, viele Gedenkstätten und ein Museum. Viele Orte wurden in den Jahren nach dem Unfall komplett eingeebnet und verschwanden von der Landkarte. Das betraf die heutigen Länder Ukraine, Russland und Weißrussland. Viele der Abgesiedelten bekamen und bekommen bis heute keine Entschädigung für Ihre Wohnungen, einige bekommen nur eine geringe Rente – trotz der verheerenden Auswirkung Nuklearunfalls auf ihr Leben und ihren Lebensraum. Die ersten Rückkehrer kamen schon zwei Jahre nach dem Unfall zurück und leben bis heute innerhalb der 30-Kilometerzone und die Artenvielfalt der Tiere ist heute gleich groß wie vor 600 Jahren.

Ein Vorort von Tschernobyl, Zallisya, existiert immer noch als Besuchsobjekt. Man kann dort den Kindergarten, die Schule und ein Veranstaltungszentrum, sowie mehrere Wohnhäuser sehen. Auch hier ist die Renaturierung weit fortgeschritten und die Gebäude verfallen immer mehr. Erhöhte Strahlung an sogenannten Hotspots ist auch 30 Jahre nach dem Super-Gau noch zu messen.
In Prypjat selbst kann man vom höchsten Gebäude aus die ganze Stadt übersehen. Hier kann man auch den neuen Sarkophag sehr gut beobachten, der in Kürze über den Reaktor vier geschoben wird. Der alte Sarkophag wurde in den Monaten nach der Explosion betoniert und ist nicht mehr sicher. Daher war es notwendig, eine neue Hülle herzustellen. Der neue Sarkophag soll die Strahlung für 100 Jahre am Austritt hindern. 300 Arbeiter sind im ehemaligen Atomkraftwerk beschäftigt, um Wartungsarbeiten durchzuführen und den neuen Sarkophag zu bauen. Sie leben im nahen Tschernobyl und dürfen nur wenige Stunden am Sarkophag arbeiten, um Strahlenschäden zu vermeiden.

Der Vergnügungspark mit Autodrom und Riesenrad, das Fußballstadion, das Einkaufszentrum, das Krankenhaus, die Schule und die Kindergärten können in Prypjat besucht werden. Die Schwimmhalle war sogar noch Jahre nach der Katastrophe in Betrieb. Zu lange sollte man sich in der 10-Kilometer-Sperrzone aber nicht aufhalten, um nicht zu viel Strahlung aufzunehmen. Der Aufenthalt ist nur angemeldeten Gruppen erlaubt, die 30-Kilometer, sowie die innere 10-Kilometerzone sind militärisch kontrolliert. Plünderer werden verhaftet, was diese aber nicht davon abhält, Metall und anderer recycelbare Dinge aus der Stadt zu schmuggeln.

Ebenfalls vom Dach des Hochhauses sichtbar ist die ungefähr zehn Kilometer vom AKW entfernte, riesige Radarstation Duga (Tschernobyl 2). Antennenmasten mit einer Höhe von 150 Metern erheben sich auf eine Länge von 500 Metern. Die Anlage ist von weitem gut zu sehen. Getarnt wurde die Anlage damals als Fernsehstation und als Feriendorf. Ungefähr 1.000 Menschen waren zum Zeitpunkt des Unfalls auf dem Gelände von Dugar. Mit Hilfe der Anlage war es möglich, feindliche U-Boote im Pazifik und Raketenabschussstationen zu orten. Es gab in der Sowjetrepublik drei solche Anlagen, in verschiedene Richtungen ausgerichtet, um im kalten Krieg die Amerikaner auszuspionieren. Zeitgleich mit dem Atomunfall wurde die Anlage aber eingestellt, da die Stromversorgung durch das AKW nicht mehr gewährleistet war.

Unweit von Prypjat liegt auch der ehemalige Hafen und der Yanov Bahnhof. Dort steht bzw. liegt ein kompletter Zug, wie auch verschiedene LKW´s und Bergungsgeräte, alles immer noch hochverstrahlt. Viele der benutzten Gerätschaften wie auch die eingesetzten Helikopter und Lastwägen wurden vergraben, um die Strahlung nicht an die Luft abzugeben.

Der Atomunfall von Tschernobyl 1986 ist bis heute der schwerste Zwischenfall in der Atomgeschichte der Menschheit.
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