27.09.2016, 17:46 Uhr

Eine Eremitage am Franziskusweg

La Verna

Caprese Michelangelo. Sitze am späten Vormittag auf meinem Weg nach Rom in den Bergen, in denen vor knapp 800 Jahren Franz von Assisi unterwegs war, unmittelbar vor der "Emero della Casella", vor der Eremitage, wo Franzikus, bereits schwer erkrankt, sich noch einmal Richtung La Verna dreht und verabschiedet: "Addio, Berg La Verna, Gottes Berg, wir werden uns nicht wiedersehen." Franziskus hat im Kloster La Verna die Wundmale erhalten, ein Ort, an dem ich gestern war. Und es ist so: Dort tauchst du auf die Sekunde in eine vollkommen andere Welt. Noch dazu hatte ich das Glück, dass eine stattliche Anzahl von Mönchen gerade mit ihrem Stundengebet, der Non, begonnen hatte. Es ist ein sehr spontanes Eintauchen in eine geistliche Tiefe, die ich auf meinem Weg bisher eher selten erlebt habe. Die Mönche sangen voller Kraft und Überzeugung. Nach der Non, die Basilika am Berg war ziemlich voll, folgte ich noch der Prozession zur Stigmata-Kapelle. Ich blieb anschließend noch in der Kapelle, bis ich allein war. Der Ort, wo offensichtlich Franziskus die Wundmale bekommen hat. Egal, wie man darüber denkt, ich bin da eigentlich auch ein wenig gespalten, vor allem brauche ich für meinen Glauben diese Form der äußeren Zeichen nicht. Trotzdem, hier sitzt du und merkst du, dieser Mensch ist Jesus sehr nahe gekommen.
Und jetzt auf fast 1300m sitze ich wieder an so einem Ort, es ist so unfassbar ruhig. Lediglich der Wind säuselt ein wenig. Lass meinen Rucksack auf der Bank und probier, ob die Kapelle offen ist. Überraschenderweise sind weder Kapelle noch Einsiedelei versperrt. Ich setz mich in die kleine, dunkle Kapelle. Durch die offene Tür dringt ein wenig Licht. Ein besonderer Moment, ich beginne an diesem einsamen Ort zu beten, für Menschen, die mich gebeten haben, ihre Anliegen mitzutragen... Dann denke ich an unsere Schülerinnen und Schüler, an unser Lehrerkollegium, unsere Angestellten. Es ist ein schönes Dasitzen. Gedanken kommen und gehen. Das spärlich eindringende Licht gibt dem Raum eine besondere Stimmung.
Ich wundere mich, dass die Kapelle nicht versperrt ist. Egal, in welchen Ort man kommt, seit der Po-Ebene steht man eigentlich immer vor verschlossenen Kirchentüren. Diese offene Tür schenkt mir ein besonderes Erlebnis. Auf meinem Rucksack, den mir freundlicherweise wieder die Steinmanns geliehen haben, hängt ein Schlüssel als Symbol der Rompilger, wie es für die Jakobspilger die Muschel ist. Ich habe mir am Tag des Weggehens, als mir P. Johann Schurm in der Dachsberger Kapelle den Reisesegen gegeben hat, aus der Sakristei den Schlüssel des ehemaligen Tabernakels geholt und am Rucksack befestigt. Es ist der Schlüssel, der zum Allerheiligsten, zu Gott, die Tür öffnet. Es ist ein besonderer Schlüssel, den ich als Symbol mithabe, er möge mir helfen, so manches zu erschließen.
Ein Schlüssel soll Eingesperrtes, Verschlossenes ans Licht bringen. Petrus hat für die Kirche den Schlüssel überreicht bekommen. Wer Schlüsselgewalt hat, hat große Verantwortung, aber auch große Macht. Die Kirchengeschichte zeigt, wie damit umgegangen worden ist, wo Macht missbraucht, Türen zugeschlagen, Menschen gefoltert und verurteilt worden sind, wo eigentlich das Gebot der Stunde Barmherzigkeit hätte heißen müssen. Es ist aber auch eine segensreiche Geschichte, wo Türen ganz weit aufgesperrt worden sind.
Papst Franziskus vergleicht die Kirche mit einem Feldlazarett. Die Kirche muss sich öffnen, die Tür aufmachen und hinausgehen in die Welt, hinaus aufs "Feld" und helfen, Kranke zu heilen. Und weiters meint er, dass ein wesentliches Gebot der Barmherzigkeit das Zuhören sei. Die Kirche soll der Schlüssel für das gehörte Wort sein. "Ich höre dir zu!", ein Satz, der mich auf diesem Pilgerweg besonders beschäftigt. Die Kirche darf sich nicht über die Abgrenzung definieren und mit dem Schlüssel drohen, sondern rein über die Menschwerdung. "Ich höre dir zu."
Ich verlasse die "offene" Einsiedelei und gehe weiter zum Geburtsort von Michelangelo.
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