24.06.2017, 08:48 Uhr

Liszt Festival: Beim heutigen Konzert heißt es E.K. mal drei!

Denn ELISABETH KULMAN wird - gemeinsam mit EDUARD KUTROWATZ am Klavier - von Herwig Reiter vertonte ERICH KÄSTNER-Lieder präsentieren.

"Es ist schon so: Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht.
Denkt an die Frage jenes Kindes: "Was tut der Wind, wenn er nicht weht?"

Ganz nach dem Motto dieses Kästner Gedichts hat das Liszt Festival Raiding den österreichischen Komponisten Herwig Reiter zu seinen Erich Kästner Vertonungen interviewt:

Wie kamst Du dazu, Werke von Erich Kästner zu vertonen?
Angefangen hat es mit einem Büchlein, das mir meine Stieftochter Veronika zu Weihnachten geschenkt hat, die „Lyrische Hausapotheke“ von Kästner. Ich war begeistert, wie sehr Kästner imstande ist, Menschliches aufzudecken und darzustellen und wie sehr er mir bei vielen seiner Gedichte aus der Seele spricht.

Worin lag der Reiz, sich Erich Kästner zu widmen?
Als Komponist ist man immer auf der Suche nach vertonbaren Texten, weil die relativ selten sind. Schon bei der Auswahl der Bücher, die ich lese, berücksichtige ich immer eine mögliche Verwendung als Libretto oder Liedtext. Kästner ist als Lyriker eine Ausnahmeerscheinung in der aktuellen Situation. Er reimt zwar, was ihn für manche Experten ein wenig altmodisch erscheinen lässt, vermittelt aber keine Wortkaskaden, sondern Inhalte und Einsichten. Man könnte sagen: seine Lyrik beschreibt nicht nur subjektive Seelenzustände, sondern „hilft“. Der Titel „Hausapotheke“ weist ja schon darauf hin.

Wodurch zeichnen sich Deine Kästner Vertonungen aus?
Das zu beurteilen, müssen wir wohl dem Publikum und den Kritikern überlassen. Soviel kann ich aber sagen, dass ich aus meiner Sicht bei den Kästnervertonungen nicht anders vorgegangen bin, als bei allen meinen Vokalkompositionen. Ich folge in der Singstimme der Sprachmelodie eines Gedichtes und schärfe dessen Pointen durch die Musik. Ich versuche das Gedicht mit einer musikalischen Atmosphäre zu umgeben, die seine Aussage trifft, die emotionale Wirkung unterstützt und trotzdem Platz für subjektive Nebengedanken des Komponisten lässt. Bei den humoristischen Texten – und das sind bei Kästner viele – leite ich gerne aus den Reizworten deskriptive musikalische Aktionen ab. Das im Konzert zu hörende Lied „Für die Katz“ besteht fast nur aus solchen.

In deinem Zyklus hast Du 12 Kästner-Gedichte vertont – wie hast Du die Auswahl getroffen?
Wenn ich Gedichte lese, die mich ansprechen, entstehen bei mir oft sofort musikalische Ideen, wie man dieses Gedicht vertonen könnte. Ich mache mir dann ein Kreuzerl beim betreffenden Gedicht im Inhaltsverzeichnis. Kästners Gedichte habe ich immer wieder gelesen und es sind bei jedem Lesen mehr Kreuzerln geworden. Die Auswahl war dann rein intuitiv, ich habe jene Gedichte vertont, auf die ich gerade Lust hatte. Es sollte ja kein auf ein einziges Thema bezogener Zyklus werden, sondern einer, der vielfältig wie das Leben ist.

Welches ist Dein Favorit von Deinen Kästner-Vertonungen und warum?
Leider kann ich das nicht beantworten. Das ist wie die Frage: Welches von deinen Kindern hast du am liebsten? Ich mag meine Lieder alle. Besonders wenn sie so schön und fantasievoll interpretiert werden wie von Elisabeth Kulman und Eduard Kutrowatz. Ich schreibe, was für einen „modernen“ Komponisten vielleicht gar nicht so selbstverständlich ist, nur solche Musik, die ich selbst liebe. Wenn ich ein Lied nicht mag, dann werfe ich es weg oder probiere es so lange zu reparieren, bis es mir gefällt.

Dürfen wir uns auf weitere Vertonungen freuen?
Es gibt noch ungefähr 50 Kreuzerln bei den Kästner-Gedichten, aber auch noch viele bei Bachmann, Fried, Nöstlinger und Turrini, womit meine Lieblingsdichter alle beisammen wären.

Literaturwissenschaftler und Biograf Sven Hanuschek sagte einmal über Erich Kästner: ”Es ist einfach nicht nur der Mensch, der nett ist zu Kindern und Katzen und der freundliche Kinderonkel, sondern es gibt einen Kästner für Erwachsene.“ Wie sehr hast Du Dich im Vorfeld der Kompositionen mit dem „Kästner für Erwachsene“ beschäftigt?

Der „Kästner für Erwachsene“ ist sehr lesenswert, etwa der Roman „Fabian“ oder das Bühnenstück „Die Schule der Diktatoren“. Und es gibt von ihm auch jede Menge „prosaischer Zwischenbemerkungen“ zu Politik und Literatur. Wenn Hanuschek allerdings den Kinder-Kästner, der für ihn bloß nett und freundlich ist, dem Erwachsenen-Kästner gegenüberstellt, der (wie zwischen den Zeilen zu lesen) für ihn der künstlerisch bedeutsame Kästner wäre – dann (wie es bei Morgenstern so schön heißt) „irrt sich der“.

Hast Du als Kind eigentlich Bücher von Erich Kästner gelesen? Hast Du damals vielleicht schon ein Brennen unter Deinen Fingern gespürt, diese jemals zu vertonen?
Als Kind habe ich Kästners Gedichte noch nicht gekannt, aber einige seiner Kinderromane wie „Emil und die Detektive“ oder „Das doppelte Lottchen“ u.a. gerne gelesen. Natürlich ohne an deren Vertonung zu denken. An die hätte sich nur mein Vater wagen dürfen, der auch viel für Kinder komponiert hat. Unlängst ist mir aber eine Autorin begegnet, die mich für ihr Libretto zu einem der Kinderbücher von Kästner gewonnen hat. Wir wollen 2018 oder 2019 dazu eine Kinderoper herausbringen.

Welche Stellung nehmen die Kästner-Lieder in Deinem Gesamtwerk ein?
Ich habe als Liedkomponist bis vor kurzem vor allem Zyklen für Gesang und Instrumentalensemble geschrieben, kaum Einzellieder mit Klavierbegleitung. Zuerst kam ein Zyklus über Gedichte von Nietzsche, den ich als Lyriker sehr schätze. Dann „Iba de gaunz oaman fraun“, ein Zyklus über Mundartgedichte von Christine Nöstlinger. Dann ein abendfüllender Zyklus aus 44 Liedern zu „Im Namen der Liebe“ von meinem Freund Peter Turrini. Ein weiterer abendfüllender Zyklus, den übrigens Eduard Kutrowatz bei der Uraufführung in Schloss Porcia genial begleitet hat, besteht aus sieben, zum Teil sehr langen Balladen, im Moment für Gesang und Klavier. Ich plane aber eine Orchesterfassung.

Aus den Kästnerliedern – bei denen ich mich von meiner Frau überreden ließ, nun doch einmal nur das Klavier als Begleitinstrument zu verwenden und auf jeden Klang-Schnick-Schnack zu verzichten – dürfen sich die InterpretInnen nach Gusto selbst Liedgruppen zusammenstellen. Ich habe keinen Bogen über die Lieder gelegt. Sie sind nur ein Blumenstrauß.

Manche Lieder tragen einen anderen Namen als Kästners Original – warum?
Die Titel bei Kästner sind manchmal ein wenig „sophisticated“, sie sind eher zusätzliche Pointen für den literarisch erfahrenen Leser. Was stellt man sich z.B. unter „Doppelter Saldo“, “Des Vetters Eckfenster“, „Kopernikanische Charaktere“ oder „Besagter Lenz ist da“ vor? Da sind die von mir anstelle dessen gegebenen Titel „Keine Gerechtigkeit“, „Der vergessene Dichter“, „Wenn der Mensch bedächte…“ oder ein schlichtes „Der Lenz ist da!“ für ein Lied, glaube ich, griffiger. Ich hoffe, Kästner kann mir verzeihen.

Erich Kästner hat mehrfach gesagt, dass Goethe lebenslang sein Vorbild gewesen sei. Wer ist Dein Vorbild?
Alle, alle die Musik machen. Wenn ich Musik (meist mit offenem Mund dasitzend, um sie ganz zu verschlingen) höre, auch sehr schlechte Musik, habe ich immer das Gefühl, doch vielleicht etwas lernen zu können. Ich bin ein alter Mann, aber neugierig wie ein Kind.

Mehr zu Reiters Leben und Wirken finden Sie hier.
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