15.01.2018, 15:04 Uhr

Gründe für den Ärztemangel: „Ganz außer Dienst ist man nie“

Dr. Michael Schriefl, Vizepräsident der Ärztekammer und praktischer Arzt in Mörbisch, über den Ärztemangel

MÖRBISCH. „Früher meldeten sich pro ausgeschriebener Stelle zehn bis zwölf Ärzte, heute freut man sich über einen“ so Dr. Michael Schriefl über die angespannte Situation bei den Landärzten. „Die Stelle in Wulkaprodersdorf musste zweimal ausgeschrieben werden“, so Schriefl über den Ärztemangel.

Neue Wochenend-Regelung

Gründe dafür gibt es viele. Einer sollte seit Anfang Jänner ausgemerzt worden sein. Denn die Wochenend- und Feiertagsdienste für Landärzte wurden neu geregelt. Von 19 bis 7 Uhr steht den Patienten nun ein Telefonarzt als Ansprechperson zur Verfügung. Dabei muss man sich jedoch keine Sorgen machen, in ein ausländisches Call-Center verbunden zu werden. „Das Telefonarzt-Service wird aus Niederösterreich, wo es seit vielen Jahren etabliert ist, zugekauft“, erklärt Schriefl, dass ein burgenländischer Telefonarzt nicht wirtschaftlich wäre.

Projekt „Akut-Ordi“

Für die Mediziner jedenfalls ein großer Schritt, denn bisher war an Wochenenden ein Arzt für rund 10.000 Einwohner zuständig – mit Dienstzeiten von bis zu 108 Stunden. Um den Arztberuf weiter zu attraktivieren, wird jedoch an mehreren Schrauben gedreht. „Wir haben ein unterschriftsreifes Konzept, das die Nachdienste unter der Woche regelt. Derzeit versehen 29 von 123 Ärzten im Burgenland Nachtdienste.“ 
In einem Oberwarter Pilotprojekt sind es seit 2016 anstatt sieben nur noch zwei Ärzte. Bis 22 Uhr gibt es eine Akutordination im Krankenhaus. Der dort diensthabende Arzt entlastet auch die Spitalsordination um zwei Drittel. Neben der Akut-Ordi fährt ein mobiler Visitenarzt gemeinsam mit einem Rot-Kreuz-Fahrer durch den Bezirk, danach ist der Telefonarzt zuständig.

Ausweitung in Verhandlung

„Derzeit wird verhandelt, dieses Projekt auf das ganze Burgenland auszuweiten. Das Konzept wäre flächendeckend, fair und von niedergelassenen Ärzten österreichweit einzigartig“, rührt Schriefl die Werbetrommel und hofft auf Umsetzung, denn „es wäre ein gutes Konzept und wir wären damit im Burgenland in der ärztlichen Versorgung besser aufgestellt als im Rest des Landes.“

Viele Baustellen

Doch alleine damit wäre es nicht getan. „Die politischen Diskussionen über Primärversorgungszentren verunsichern junge Ärzte. Das Burgenland eignet sich jedoch für solche Zentren nicht. Für ein Zentrum müssten anderorts drei Praxen geschlossen werden“, so Schriefl. Der Arzt ortet auch hausgemachte Probleme, nämlich "die beschränkten Zugänge zur Ausbildung an den Universitäten. Effekte zeigen sich dabei aber erst nach zehn Jahren.“

Steigende Bürokratie

„Der Sprung in die Selbstständigkeit ist immer ein Weg ins Unbekannte“, so der erfahrene Mediziner, der bei Ordi-Gründungen von immer mehr Vorschriften und ständig steigenden Investitionskosten spricht. „Förderungen würden den Beruf für Junge attraktivieren.“

Nie ganz außer Dienst

Während Schriefl monetäre Gründe nicht als ausschlaggebend für die Berufswahl betrachtet, sieht er das Thema Arbeitszeit sehr wohl als Hemmschuh: „60 bis 70 Stunden pro Woche fallen schon an. Junge Ärzte zieht es eher in Krankenhäuser, denn der Jugend ist eine ausgewogene Work-Life-Balance wichtig. Und ganz außer Dienst – das ist man als Landarzt ohnehin nie!“
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