24.11.2016, 07:58 Uhr

Feuerwehrbefragung: Offener Brief an LHStv. Johann Tschürtz

Sehr geehrter Herr Landeshauptmannstellvertreter Tschürtz!
Lieber Johann!

Mein Name ist Harald Nakovich, ich bin seit über 10 Jahren Ortsfeuerwehrkommandant der Ortsfeuerwehr Oslip, Jugendbetreuer der Ortsfeuerwehr, seit rund 8 Jahren Abschnittsfeuerwehrkommandant sowie Referent für den Katastrophenhilfsdienst für den Bezirk Eisenstadt-Umgebung.

Zum Thema basisdemokratische Befragung der burgenländischen Feuerwehren:

Erstmals vorweg, ich habe weder Angst um meine jetzigen Führungsfunktionen bzw. fürchte ich mich auch nicht davor einer eventuellen Wiederwahl zu stellen. Da aber einige Zeit bis zur Novellierung des Gesetzes vergehen wird und ich dann höchstwahrscheinlich „nur mehr normales Feuerwehrmitglied“ sein werde, sorge ich mich eher viel mehr um die Zukunft des burgenländischen Feuerwehrsystems.

Ich kann diese Schnellschussaktion der Befragung sowie die Aufbereitung des Inhaltes beim besten Willen nicht nachvollziehen und es stimmt mich und sehr viele meiner Feuerwehrmitglieder sehr traurig und nachdenklich, wie hier mit den Verantwortungsträgern umgegangen wird. Die Verantwortlichen, die zu 100 Prozent ihre Freizeit rund um die Uhr und zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung stellen, um ein System aufrecht zu erhalten, welches seit rund gut 145 Jahren sehr gut funktioniert hat, werden jetzt mit aller Gewalt in ein System gezwungen, welches den Niedergang der höchsten Güter der Freiwilligkeit nachhaltig schädigt. Die Stärken der burgenländischen Feuerwehr waren und sind nach wie vor Freundschaft, Kameradschaft und Zusammenhalt. Nur wenn diese Faktoren im Einklang funktionieren, wird auch in Zukunft das burgenländische Feuerwehrleben weiter so funktionieren wie wir es jetzt gerade erleben und in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt deutlich was es bedeutet alle paar Jahre Wahlkampf zu führen und somit die Gemeinschaft und unsere Grundwerte zu spalten. Diese Spaltung wird zum Beispiel durch periodische Wahlen, die keiner von uns benötigt, hervorgerufen. Im Burgenland haben wir das „bessere System“, für das uns auch sehr viele unserer Kameraden aus Nah und Fern beneiden.

Ein Beispiel meinerseits, welches sehr ausschlaggebend sein wird:

Ein Kommandant bestellt die Lebensmittel für das heurige Feuerwehrfest vom Fleischer „A“, der Fleischer „B“ aus dem selben Ort hat jedoch einen großen Verwandtschafts- und Freundeskreis, der ebenfalls auch bei der Feuerwehr tätig ist. Der Fleischer „B“ wird alles daran setzen, den jeweiligen Verantwortlichen mit der Mobilisierung seiner Nahestehenden aus Rache persönlich zu schaden. Diese werden sich naturgemäß durch das Nahverhältnis zum Fleischer „B“ beeinflussen lassen und bei einer Wahl entsprechend gegen den Verantwortlichen sein, der den Fleischer „A“ beauftragt hat. Somit ist das Schnitzel am Feuerwehrfest ausschlaggebend und wahlentscheidend, ob der Kommandant gute feuerwehrfachliche Arbeit für die Allgemeinheit geleistet hat oder nicht.
Solche Beispiele könnte ich jetzt aus allen Richtungen aufzählen, bei denen Verantwortungsträger Entscheidungen fällen müssen, die dem einen oder anderen nicht gefallen könnten. Naturgemäß sind solche Entscheidungen auch bei Einsätzen zu treffen.

Bei all dem was Feuerwehrkommandanten heute schon um die Ohren haben, ist diese Befragung nicht wirklich eine Unterstützung und Wertschätzung gegenüber den Verantwortungsträgern und schürt daher unwillkürlich Hass und Neid und dieser wiederum führt dazu, dass unsere Grundwerte, die sich seit 145 Jahre bewährt haben, dadurch nachhaltig vernichtet und geschädigt werden.

Auch das Thema "wie werde ich einen Kommandanten los" ist nicht wirklich relevant, denn sollte die Mannschaft eine Absetzung eines Kommandanten anstreben, gibt es bereits jetzt schon die Möglichkeit dazu mittels Misstrauensantrag dem Ganzen Nachdruck zu verleihen bzw. würde sich das Ganze von alleine erledigen, wenn sich keiner mehr an der Feuerwehrarbeit beteiligt. Bestes Beispiel dazu, Florianisonntag, keiner kommt, weil die Mitglieder mit dem Kommandanten unzufrieden sind. Ergebnis: Der Kommandant kann alleine mit der Feuerwehrfahne am Rücken und dem Feuerwehrhorn in der Hand zum Festakt marschieren. Somit würde sich auch dieses Thema, wie bereits erwähnt, von alleine erledigen.
Das jetzige Feuerwehrsystem funktioniert einwandfrei. Ich gebe dir recht, dass auch Anpassungen und Adaptierungen in einigen Punkten notwendig sind, wie zum Beispiel Freistellung, Gehaltsfortzahlung, Reservisten, u.s.w.. Hier wären wirklich Anpassungen notwendig. Auch wird mit der Befragung der Passus Demokratie in Verbindung gebracht. Nur von Demokratie sind wir bei dieser Befragung und bei dieser Fragestellung leider sehr weit entfernt.

Ein kurzer Ausflug zur viel gepriesenen Anonymität: Die Feuerwehr Oslip hat die Stammnummer 1-02-12-XXX. Die mir übermittelten Fragebögen haben zum Einloggen zur Befragung einen Benutzernamen der wie folgt lautet: 10212XXX (1=Bezirk, 02=Abschnitt 12= Feuerwehr XXX=laufende Nummer). Es handelt sich dabei um keinen Zufall, da ich mit vielen Kommandanten gesprochen habe, ob sie in ihren Fragebögen ebenfalls die Stammnummer als Benutzernamen zum Einloggen haben.
Nachdem sich bei allen von mir Befragten die selbige Vorgangsweise bestätigt hat, ist sehr wohl bis auf Ortsebene nachvollziehbar, wie das Stimmverhalten der einzelnen Feuerwehren gegeben ist.

Ich bitte dich daher, diese Vorgangsweise und diesen Ablauf der Befragung zu überdenken. Wir wollen Änderungen und Anpassungen im Gesetz, jene die notwendig sind, aber nicht in dieser Form und in dieser Schnelligkeit, die zu sehr viel Unsicherheit bei den Verantwortungsträgern führt. Änderungen und Änderungswuünsche sollen sachlich und ohne Zeitdruck auf breiter Basis mit den jeweiligen Betroffenen diskutiert und erarbeitet werden.

Mit kameradschaftlichen Grüßen
ABI Harald Nakovich
Ortsfeuerwehrkommandant FF Oslip
Abschnittsfeuerwehrkommandant Abschnitt II Bez. EU
Referent für den Katastrophenhilfsdienst Bez. EU

PS: Ich bin weder politisch motiviert noch bin ich einer politischen Parteienlandschaft zuzuordnen. Ich bin lediglich ein Vollblutfeuerwehrmann mit Leib und Seele, der sich um unsere Nachkommen und zukünftigen Verantwortungsträger im Freiwilligen Feuerwehrsystem große Sorgen macht.

Oslip am 15. November 2016

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Franz Mahr aus Jennersdorf | 25.11.2016 | 08:22   Melden
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