5 Minuten: 1 Kilo Obst statt 1 Euro

WIEN. Sie sind wieder im alltäglichen Bild der Stadt zu finden: die Bettler. Sie stehen, sitzen oder knien bei U-Bahn-Stationen, in Fußgängerzonen und neuerdings auch vor Supermärkten. Manchmal grüßen sie freundlich, halten einen Becher oder die offenen Hände hin und hoffen auf eine milde Gabe.

Es ist für mich nicht leicht, mit dieser Situation umzugehen. Ich bin in einem Wien groß geworden, wo es keine Bettler gab, zumindest nicht sichtbar. Jetzt sind sie offensichtlich in großer Zahl vorhanden. Nur zu sagen "In Wien muss niemand Hunger leiden", ist einfach zu wenig. Denn wie man sieht, gibt es genug Menschen, die sich der Demütigung des Bettelns unterziehenin Ermangelung anderer Möglichkeiten.

Ich gebe es zu: Meistens gehe ich an den bittenden Händen vorbei, ohne etwas zu geben, aber mit einem schlechten Gewissen. Wie schon des Öfteren hat mich meine Frau Dana kürzlich eines Besseren belehrt.

Wir gingen gemeinsam einkaufen und vor dem Supermarkt kniete ein Mann, der um eine milde Gabe bat. Dana ging zu ihm und fragte, ob er Hunger hätte. Ja, nickte er meiner Frau entgegen. Also marschierte Dana in den Diskonter und ging einkaufen. Dabei machte sie sich darüber Gedanken, was sie dem Mann vor der Tür mitbringen sollte. Sie entschied sich für ein Sandwich – vegetarisch, damit auch kein Schweinefleisch dabei ist – und für ein Kilo Mandarinen.

"Vitamine sind gerade im Winter wichtig", sagte sie. Als sie dem Bettelnden die Gaben überreichte, strahlte er. "Ja, ich weiß", erklärte sie mir dann, "mit ein, zwei Euro wäre ich billiger davongekommen, aber so hat es einfach mehr Sinn."

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