28.03.2016, 00:00 Uhr

5 Minuten Wien: In der Nacht

"Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen?" Laut dem Hit von Reinhard Fendrich ist die Stadt dann besonders sehenswert. Aber nur an den hellen Stellen, wo Leben herrscht, das denkt Christine heute. Sie hat den Nachtautobus verpasst und muss nun durch die finsterste Ecke der Stadt – so kommt es ihr vor.

Bei der Ullmanngasse fühlt sie sich schon ein wenig wohler, schließlich wohnt sie seit kurzem in diesem Grätzel. Plötzlich hört sie Schritte hinter sich. Schnell dreht sich Christine um – und sieht niemanden. "Der hat sich sicher in einer Einfahrt versteckt", denkt sie sich. Schließlich hat sie Schlimmes von dem Viertel gehört. Lauter Ausländer sollen hier sein, keiner spricht mehr Deutsch.

Sie fängt an schneller zu werden – und hört wieder Schritte. Panisch fängt sie an zu laufen, biegt um die Ecke und rennt in einen Menschen. Ein lauter Schrei entfährt ihr. "Ich wollte Sie nicht erschrecken", entschuldigt sich der Mann, in den Christine hineingelaufen ist. "Darf ich sie nach Hause begleiten? Gerne auch in einiger Entfernung."

Erleichtert nimmt sie die Hilfe an. Auf dem Weg zu Ihrer Wohnung erzählt ihr Manfred, dass er auch in diesem Grätzel wohnt. Das mit den vielen Ausländern möge zwar stimmen, aber sicher fühlt er sich schon die ganzen 20 Jahre, die er hier wohnt. Auch seine Frau, die hier auch nachts alleine heimgeht. Passiert sei beiden noch nie etwas.

Da schämt sich Christine ein bisschen über die Panik und fühlt sich ein klein wenig sicherer. Und sie nimmt sich vor, Wien wieder bei Nacht zu durchqueren.
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