04.06.2015, 22:53 Uhr

Bloß 140....

Der Bildhauer Jiri Netik
Slavonice (deutsch Zlabings) ist ein ca. 800 Jahre altes Städtchen im SW Tschechiens, bloß 140 km von Wien entfernt. Es leben hier 2701 Einwohner. Im 13.Jh. erbauten die Zlabingser ein raffiniertes unterirdisches Kanalsystem, das zugleich zur Verteidigung und als Versteck vor Feinden diente. Im 14. Jh. wurde der heute vielbewunderte Marktplatz erbaut. Die Häuser haben sogenannte Diamantgewölbe, das sind besonders komplex verflochtene Kreuzrippen-Gewölbe.

Das 20.Jh. führte zu tragischen Höhepunkten in der Stadtgeschichte. Nach 1918 zerfiel der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Der Vertrag von Saint-Germain (1919) erklärte die Stadt, die 1910 zu 99 % von deutschsprechenden Österreichern bewohnt war, gegen den Willen der Bevölkerung zum Teil des neuen tschechoslowakischen Staates. Tschechen wurden angesiedelt.
Wikipedia sagt: "Es stieg die Spannung zwischen den Volksgruppen im ganzen Land. Da bewaffnete Konflikte drohten, veranlassten die Westmächte die tschechische Regierung zur Abtretung der von Sudetendeutschen (später verwendeter Überbegriff) bewohnten Randgebiete an Deutschland. Somit kam die Stadt zum Deutschen Reich und wurde 1938 dem Bezirk Waidhofen an der Thaya zugeordnet. - Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (8. Mai 1945) wurde der Forderung der ČSR-Regierung Beneš durch die Siegermächte entsprochen und die im Münchener Abkommen (1939) an Deutschland übertragenen Gebiete, also auch Zlabings wieder der Tschechoslowakei zugeordnet. Beginnend mit dem 10. Mai 1945 wurde Zlabings wie die umliegende Orte von ortsfremden militanten Tschechen besetzt. Sie vertrieben die deutsche Bevölkerung über die Grenze nach Österreich. Dabei kam es zu schweren Übergriffen. Alles private und öffentliche Vermögen der deutschen Ortsbewohner wurde durch das Beneš-Dekret Nr. 108 konfisziert, das Vermögen der evangelischen Kirche durch das Beneš-Dekret Nr. 131 liquidiert und die katholische Kirche in der kommunistischen Ära enteignet. Zum Großteil wurden die in Österreich befindlichen Zlabingser nach Deutschland weiter transferiert."

Heute merkt man von all dem nicht viel, außer in den verschiedenen kleinen Ausstellungen, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Im Centre for the Future erfuhren wir viel Neues von Tom: http://www.centreforthefuture.org. - Bezeichnend aber, dass die Einwohner, obwohl direkt an der Grenze lebend, nicht deutsch sprechen. Mit Englisch kommt man gut zurecht. Das Städtchen ist bezaubernd, es gibt viele gute Wirtshäuser, Cafés und besonders viele Galerien, wo man Antiquitäten, hübsche Keramik, Gablonzer Glaskugeln für den Garten und vieles andere erstehen kann. Man kann in Euro bezahlen, die Preise sind für uns Österreicher eher sehr moderat.
Als wir das Atelier und die Ausstellungsräume des berühmten Bildhauers Jiri Netik (http://netik-art.sweb.cz/aindex.htm) besucht haben, führte er uns tief hinunter ins weit verzweigte zappendustere Kellersystem. Slavonice – ein wahrlich abenteuerlicher Ort.
Slavonice eignet sich für einen gemütlichen Tagesausflug von Wien aus, aber es gibt hier auch viele top eingerichtete Gästezimmer und hübsche Pensionen. Ein europäischer Radweg führt durch Slavonice, daher sieht man hier besonders viele Radler aller Altersklassen.
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Alexander Moser aus Bruck an der Mur | 14.06.2015 | 11:39   Melden
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Elisabeth Anna Waldmann aus Favoriten | 14.06.2015 | 19:31   Melden
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