"Eingeständnis ist mir wichtig"

Bischof Alois Schwarz mahnt vor Weihnachten eine „neue Bescheidenheit und Kreativität“ ein – „Schenken als Ausdruck sozialer Sensibilität“
  • Bischof Alois Schwarz mahnt vor Weihnachten eine „neue Bescheidenheit und Kreativität“ ein – „Schenken als Ausdruck sozialer Sensibilität“
  • Foto: Pressestelle/Neumüller
  • hochgeladen von Vanessa Pichler

WOCHE: Das Jahr 2010 war ein schwieriges Jahr für die katholische Kirche, mit großen Herausforderungen.
Schwarz: Die größte Herausforderung war sicher, wie wir mit den Missbrauchsvorwürfen umgehen. Da haben wir einiges gelernt in dieser Frage. Das Eingeständnis der Schuld und des Versagens ist mir wichtig. Es gab eine konsequente Aufarbeitung, eine ehrliche Entschuldigung sowie das Angebot von Hilfe und Begegnungen. Dies ist Voraussetzung für Versöhnung.

Aus einer schweren Zeit ist etwas gewachsen?
Es ist ein neues Verständnis gewachsen, wie wir mit Versagen umgehen und wie sich die Kirche dieser dunklen Seite stellt.

Welche Lehren zieht die Kirche aus diesen Vorfällen?
Die Kirche lernt, hoffentlich zusammen mit der Gesellschaft, genauer hinzuschauen auf verfehlte Lebensbeziehungen. Da wäre es gut, wenn auch die Gesellschaft darauf ein so waches Auge hätte wie die Kirche.

Das Resultat der Krise zeigt sich auch in den Austrittszahlen, die sich 2010 verdoppelt haben.
Das ist eine schmerzliche Erfahrung, die wir jetzt machen: Menschen verlassen die Kirche, ohne dass sie mit uns noch einmal darüber reden. Das ist eine andere Situation als früher, eine sehr leidige Erfahrung und ein ganz neues Phänomen. Es geht das Gespür für all das verloren, was mit Gott zu tun hat. Wir dürfen nicht übersehen, dass es eine Form von Entchristlichung in unserer Gesellschaft gibt. Das birgt Risiken und hat Folgen, die wir noch gar nicht abschätzen können.

Wie muss sich die Kirche dem stellen?
Mit bloßen christlichen Folkloreveranstaltungen alleine ist es nicht getan. Religion bietet eine ganzheitliche Sicht, eine neue Dimension für Körper, Geist und Seele.

Konkret?
Wir suchen neue Angebote, auch mit und für die Jugendlichen. Wir wollen für die Jugendlichen da sein, indem wir sie zum Beispiel auch nach der Firmung intensiv begleiten.

Wie groß ist der Spardruck in Kärnten angesichts der stark gestiegenen Zahlen der Austritte?
Ich sehe das anders. Es ist eine neue Akzentsetzung der pastoralen Schwerpunkte notwendig. Eine neue Bewertung von dem, was man wirtschaftlich das Kerngeschäft nennt, nämlich die Seelsorge. Die Frage ist: Gibt es etwas darüber hinaus, das nur Kür ist, das wir nicht mehr machen, wenn die finanziellen Ressourcen knapper werden?

Sparen dort, wo die Kür stattfindet, nicht die Pflicht?
So ist es. Also kein Grund zur Panik, aber eine neue Herausforderung: Was fordert unsere Zeit heute? Was ist unbedingt notwendig?

Für viele verkommt die Weihnachtszeit zum Weihnachtsstress. Wie lauten die Empfehlungen zur Stressvermeidung?
In die Zeit vor Jahresende wird zu viel hineingepresst mit dem Ziel, es „noch“ zu machen – und das „noch“ bringt den Stress. Außerdem entsteht Weihnachtsstress für manche dadurch, weil sie viel schenken möchten. Da ist ein Druck entstanden, dass es mehr sein muss, als bloß ein Geschenk. Wir brauchen eine neue Bescheidenheit, eine neue Kreativität. Dann erleben wir das Schenken als Ausdruck einer sozialen Sensibilität. Man kann sich jeden Tag bei Adventsingen und -konzerten hochkarätig besinnen lassen. Das nützen viele Menschen. Das ist eine Gegenbewegung zur Hektik.

Ihr Vorschlag, Ihre Exitstrategie?
Wahrnehmen, was ich wirklich brauche und zu: Wo versuche ich, Stille und Ruhe für mich selbst zu erleben.

Viele streben zu Weihnachten Idylle an, dort und da verläuft das Fest dramatisch. Werden zu hohe Ansprüche an Weihnachten gestellt?
Weihnachten weckt in manchen Menschen den Blick auf ihre eigenen Verletzungen und Wunden und verstärkt die Sehnsucht, man möchte es auch gut haben wie die anderen. Es entsteht ein übertriebener Wunsch nach geglückter Feier. Weihnachten ist stark mit Kindheitserinnerungen verbunden, manche vergessen auf das Hier und Jetzt. Kindheitserinnerungen führen wieder in das hinein, was an Sehnsucht da sein soll. Andererseits gilt es sich dem Heute zu stellen. Und Weihnachten ist ja jedes Jahr anders. Auch wenn die Botschaft die gleiche ist, habe ich mich verändert – und damit ist auch die Botschaft wieder anders.

Wen beschenken Sie zu Weihnachten?
Meine Eltern sind die Einzigen, die ich beschenke.

Ist das Schenken zu Weihnachten bereits pervertiert?
In Bezug auf Kinder ist es manchmal übertrieben. Ich glaube, Kinder können es gar nicht verkraften, von wie vielen Menschen sie Geschenke bekommen. Kinder bekommen ein eigenartiges Empfinden für das, was „beschenkt werden“ heißt. Da müssen wir zurück zu einer neuen Bescheidenheit.

Wie werden Sie Weihnachten verbringen?
Ich bin am Nachmittag in der Sendung „Licht ins Dunkel“, am Abend im Bischofshaus zur Weihnachtsfeier und zum Abendessen mit einigen Priestern und bereite mich dann auf die Christmette vor.

Was wünschen Sie sich für das Jahr 2011?
Ich wünsche mir eine neue soziale Sensibilität und ein neues Gespür für die Achtung vor der Person. Manchmal habe ich den Eindruck, Leute werden zu schnell bloßgestellt. Ich wünsche mir eine neue Achtung vor jeder Person.

Interview von Uwe Sommersguter

Autor:

Vanessa Pichler aus Klagenfurt

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