25.01.2012, 02:00 Uhr

„Die Feindseligkeit ist sehr bedenklich!“

Staatssekretär Sebastian Kurz: „Integration ist nicht angenehm, sondern notwendig“

Der VP-Staatssekretär Sebastian Kurz will positiven Zugang zu Integration schaffen.

Für Staatssekretär Sebastian Kurz ist gelungene Integration eine Notwendigkeit für ein friedliches Miteinander. Die Sprache hält er für den Schlüssel; Vorurteile will er abbauen.

WOCHE: Ein Drittel der Österreicher sagt in einer Umfrage, dass für die Integration genug getan wird. Sind Sie damit schon zufrieden?
KURZ: Zufrieden bin ich nie, sonst wäre ich der Falsche für eine Regierungsfunktion. Es gibt noch viel zu tun. Wir haben einige Punkte des 20-Punkte-Maßnahmen-Pakets, das uns der unabhängige Expertenrat für Integration vorgeschlagen hat, umzusetzen geschafft. Es wird über Integration genauso viel diskutiert wie früher, aber sachlicher.

Noch sind 62 Prozent der Österreicher skeptisch. Was sagen Sie diesen Menschen?
Es ist nicht schlecht Skeptiker zu sein. Sie können mich auch als jemanden zählen, der glaubt, für Integration muss man noch mehr tun, auf allen politischen Ebenen. Es geht um zwei Schwerpunkte in diesem Jahr: Um den Spracherwerb, weil das der Schlüssel zur gelungenen Integration ist, und den möglichst raschen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Menschen mit Migrationshintergrund, die sich im Arbeitsmarkt und auch im ehrenamtlichen Bereich einbringen, sind angekommen. Diese Menschen werden viel leichter Wurzeln schlagen und unsere Kultur annehmen.

Ein Drittel der Österreicher sagt, dass Ausländer Nachteile bringen …
Es ist bedenklich, dass wir im internationalen Vergleich eine sehr feindselige Stimmung gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund haben, weil eine feindselige Stimmung wieder Abgrenzung auslöst. Wenn Migranten das Gefühl haben, dass sie – obwohl sie vielleicht längst österreichische Staatsbürger sind – aufgrund ihrer Hautfarbe nicht willkommen sind, werden sie viel eher integrationsfeindlich reagieren.

Was tun Sie dagegen?
Integration ist ein beidseitiger Prozess. All unsere Maßnahmen zielen immer in beide Richtungen. Wir sind mit 130 Integrationsbotschaftern in Österreichs Schulen unterwegs, um Vorurteile abzubauen und Motivation zu schaffen. Die Erlebnisse von Menschen mit Migrationshintergrund, die einen schweren Start gehabt haben, aber durch Leistung viel geschafft haben, regen zum Nachdenken an. Diese Projekte sind es, die ein schrittweises Umdenken vorantreiben können.

Manche Experten warnen vor der Gefahr von Parallelgesellschaften …
Die Gefahr ist sehr groß. Wir haben in größeren Städten die Herausforderung, dass sich gewisse Straßenzüge stark verändert haben, und Menschen abgeschottet leben. Wir haben in der Integrationspolitik große Fehler gemacht in den letzten Jahrzehnten. Wir haben unzählige Gastarbeiter nach Österreich geholt, ohne darüber nachzudenken, ob sie im Land bleiben. Sie sind geblieben und viele haben nicht Deutsch gelernt. Und wir haben leider nicht das getan, was wir heute tun: Deutschkurse zu unterstützen und auch gesetzlich zu verlangen, dass Neuzuwanderer innerhalb von zwei Jahren Deutsch lernen müssen.

Kritiker sagen, Sie reduzieren Integration zu sehr auf die deutsche Sprache – was entgegnen Sie?
Diese Kritik ist weltfremd. Unser Maßnahmen-Katalog beschäftigt sich mit sieben Handlungsfeldern. Nur ein Feld ist Spracherwerb und Bildung, aber es ist wahrscheinlich das wesentlichste. Denn ohne Sprachkenntnisse gibt es keine Möglichkeit zur ordentlichen Teilhabe am Arbeitsmarkt, kaum eine Möglichkeit sich ehrenamtlich in Vereinen zu engagieren oder die Kinder beim Schulbesuch zu unterstützen. Es gibt Schwierigkeiten bei jeder Verkehrskontrolle und wenn man ärztliche Versorgung braucht. Jeder, der sagt, Integration funktioniert ohne Sprachkenntnisse, der lügt.

Kärnten hat im Bundesländervergleich einen geringen Anteil an Migranten und verliert gleichzeitig Einwohner. Muss sich etwas ändern?
Ein geringer Anteil ist weder falsch noch richtig. Gerade Konzentration von vielen Migranten in gewissen Bezirken führt ja oftmals zu Problemen und Herausforderungen. Man sollte aber einen positiven Zugang schaffen. Integration ist nicht angenehm, sondern Notwendigkeit. Wir werden kein friedliches Zusammenleben haben, wenn wir keine gelungene Integration haben.


Autor: Gerd Leitner
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.