22.10.2014, 12:00 Uhr

Ein Gedenktag ohne Blut und Leiden

Österreich feiert am 26. Oktober: Der Feldkirchner Wilhelm Wadl im Interview über unseren Nationalfeiertag (Foto: KK)

Der Feldkirchner Wilhelm Wadl, Direktor des Kärntner Landesarchivs, über die Bedeutung des Nationalfeiertages am 26. Oktober.

WOCHE: Welchen Ursprung hat unser Nationalfeiertag?
Wilhelm Wadl: Der 26. Oktober erinnert an den Beschluss des Verfassungsgesetzes über die immerwährende Neutralität Österreichs. Es ist der Tag der vollen Souveränität Österreichs. Am 15. Mai wurde der Staatsvertrag unterzeichnet, damit begann ein Terminkalender zu laufen für den Rückzug der alliierten Besatzungstruppen. Dieser sollte am 25. Oktober um Mitternacht abgeschlossen sein. Dies war der Grund, warum Österreich am 26. Oktober im Parlament das Neutralitätsgesetz beschlossen hat. Weil man eben damit betonen wollte, dass die Neutralität eine selbstgewählte und keine von äußeren Zwängen bestimmte ist. Die Realität ist, dass der Beschluss 1955 umstritten war und man die Neutralität als Krücke gesehen hat, um die russischen Widerstände vor der Staatsvertragsunterzeichnung zu beseitigen.

Was hatte Russland gegen den Staatsvertrag?
Man hat Russland in eher komplexen Verhandlungen angeboten, dass Österreich von sich aus die Neutralität erklären wird und damit die russischen Ängste, dass ein unabhängiges Österreich Teil des Westblocks sein würde, beseitigt.

Wurde der Tag 1955 als besonderes Datum gesehen?
In Österreich war es so, dass 1955 die Mehrheit einer österreichischen Nation reserviert gegenübergestanden ist. Österreich hatte das Problem, dass es keine Nation im ethnischen Sinn ist. Wenn man den Blick auf die Volksgruppen richtet, sind wir ja, als Relikt der Monarchie, multiethnisch. In der 1. Republik hatte man das große Identitätsproblem, sah sich als zweiter deutscher Staat mit dem sehnsüchtigsten Ziel, den Staat auszulöschen um im großem deutschen Brudervolk aufzugehen. Nach den unsäglichen sieben Nazijahren war man davon geheilt. In der Nachkriegszeit hat man bewusst versucht, sich abzugrenzen, auch vom deutschen Brudervolk. Man betonte, dass Österreich kulturell und sprachlich etwas eigenes ist. Der Tag wurde ursprünglich als Tag der Fahne, so habe ich ihn in der Volksschule gefeiert, ausgerufen.

Warum hat man einen anderen Namen gewählt?
Weil sich die Bewusstseinslagen der Österreicher auf ein Nationenbewusstsein verschoben haben.

Welche Rolle spielt der Nationalfeiertag heute?
Der Staatsfeiertag ist ausgehöhlt worden und seine Pervertierung zum Fitmarsch ist eine Verflachung. Die Präsenz von patriotischen Kundgebungen ist eine sehr schwache, abgesehen von jener am Wiener Heldenplatz. Es gibt die von Obrigkeiten verordnete Feier in den Schulen, die zur banalen Geschichtserzählung mit dem Abzug des letzten Soldaten führt. Auch, weil die Neutralität ein komplexes Ding und schwer auf kindlicher Ebenen zu vermitteln ist.


Seit wann gibt es den Mythos, dass der letzte Besatzungssoldat Österreich am 25. Oktober verlassen hat?
Dieser ist uralt. Er tauchte zeitgleich mit dem Ende der Besatzungszeit auf. Es gab auch alle möglichen Untersuchungen, wer der letze Soldat war. Der offizielle Abschied und das Einholen der Fahnen war vor dem 26. Oktober und einige Nachzügler waren sicher auch nach dem 26. noch im Land.

Ist ein Staatsfeiertag in einem zusammenwachsenden Europa überhaupt noch wichtig?
Wir sind Teil einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik, mit der Neutralität ist es nicht mehr weit her, auch wenn sie noch wie eine heilige Kuh behandelt wird. Es gab ja schon Anläufe, die Neutralität für obsolet zu erklären und einem Bündnis beizutreten. Europa wird immer ein Europa von Nationen sein. Die staatliche Ebene wird nie bedeutungslos sein. Der österreichische Nationalismus ist naturgemäß ein sehr gemildeter, so wie jeder, der nicht ethnisch gefüttert und aufgeladen ist. Dass sieht man ja jetzt auch auf dem Balkan, wo eine Fahne einen Eklat auslösen kann.

Können wir uns mit dem Feiertag noch identifizieren?
Nach allen demoskopischen Umfragen wissen wir, dass die Identifikation der Österreicher mit ihrem Staat gewachsen ist und heute eine sehr hohe ist. Wir habe eine starke regionale Identifikation, unsere europäische ist nach wie vor die schwächste.

Sie geben Lehrveranstaltungen an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Hat sich das Wissen um den Ursprung des Nationalfeiertages verändert?
Die Aufträge der Obrigkeiten, Dinge wie den 10. oder 26. Oktober zu übermitteln, wurden weniger. Die Rezeptionsfähigkeit der jungen Leute ist schwächer, sie sind dermaßen zugeschüttet, dass die Schule als Ort der Wissensvermittlung in einer schwierigen Lage ist. Wenn vor kurzem eine Feldkirchner Schülerin behauptet hat, dass sie in neun Jahren Schule nie etwas vom 10. Oktober gehört hat, muss sie die Schule in permanenter Amnesie besucht haben.

Welche Bedeutung sollte der Feiertag für uns haben?
Ein Tag, der vielleicht ein Anlass sein sollte, über den eigenen Standort zu reflektieren, über die eigene Verbundenheit mit dem Umfeld, in das man hineingeboren und hingewachsen ist. Mancher sollte nachdenken, was dieser Staat für ihn tut und umgekehrt, was er für diese Gemeinschaft leisten könnte. Wir leben in einer Gesellschaft, die stark fordert. Das Bewusstsein, dass man dem Gemeinwohl auch dienen und sich einbringen muss, ist sehr schwach.

Ein Widerspruch, wenn unsere regionale Identifikation stark ist.
Ja, oft nur eine flache Rhetorik.

Nun haben wir mit dem 1. Mai einen weiteren Staatsfeiertag.
In allen Staaten gibt es mehrere säkulare Feiertage. Der 1. Mai wurde 1890 kreiert, lange Zeit war er der Kampftag der Sozialdemokratie. Mit dem Herrschaftsantritt der Sozialdemokratie wurde er zum Staatsfeiertag. Es gibt Staaten, die viele Staatsfeiertage haben. Auch Deutschland und unsere slowenischen Nachbarn haben mehrere.

Keiner ist wichtiger?
In Ländern, die eine lange Tradition haben wie Frankreich oder Amerika, haben Nationalfeiertage einen höheren Stellenwert, als es in Österreich der Fall ist.

So wie der 4. Juli in Amerika?
Genau. Aber man sollte nicht vergessen, dass Revolutionsfeiertage mit viel Blut und Leid verbunden sind. So gesehen ist unser Nationalfeiertag ein unblutiger Gedenktag, wo wir beschlossen haben, uns aus allem herauszuhalten.
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