Eine irokesische Perspektive der Welt - „This ceremonies are our heart and our soul.“

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Schon als kleiner Junge hielt sich Tom Porter, der am 9. Mai 2019 auf Einladung des Vereins Tauriska zu einem Vortrag ins Bildungshaus St. Virgil gekommen war, vor allem dort auf, wo die alten Frauen und Männer seines Clans zu finden waren. Als er ein junger Mann war, nannten ihn die Menschen seines Clans aufgrund seines großen Wissens über sein Volk, seine Kultur, bereits „Grandfather“ und aufgrund seiner Fähigkeit dafür wurde er zum Ältesten des Bärenclans der Mohawk-Nation gewählt. Nun ist Sakokwenionkwas ("Derjenige, der gewinnt"), so sein indigener Name, bevor er die Erde verlassen wird nach Europa gekommen, um seine Geschichten mit uns zu teilen, um die Leute hier zu inspirieren.

Er will uns damit etwas zurückgeben, als Dank dafür, dass Menschen aus Europa seinem Volk in den letzten 40 bis 50 Jahren ganz konkret und aktiv geholfen haben. Als sie ihre eigenen Mohawk-Schulen gründen wollten, in denen wieder in ihrer eigenen Sprache unterrichtet wird und es deshalb zu bürgerkriegsartigen Zuständen mit der amerikanischen und kanadischen Regierung kam. Damals war es die europäische Medienpräsenz, die ihn und sein Volk dabei unterstützt und beschützt hat, denn die amerikanischen und kanadischen Medien haben darüber geschwiegen.

Wenn er von Bürgerkrieg spricht, dann meint er damit nicht den Sezessionskrieg zwischen den Süd- und Nordsaaten, sondern er beschreibt damit den Kampf der Mohawk für ihre eigene, vermutlich 2000 Jahre alte, matrilineare Regierung und Verfassung, in welcher Frauen über die politischen und spirituellen Anführer bestimmen und sie auch das Recht haben, Männer aus dem Amt zu heben, wenn sich diese nicht an diese Verfassung halten. Das war für Kanada, für die Vereinigten Staaten und auch für England eine ungewohnte Regierungsform und sie wollten eine „übliche“ Regierung, die von Männern geleitet wird. Sie haben ihnen daher eine Regierung mit von ihnen bestellten und von diesen Staaten finanzierten Politikern aufgezwungen – „das bezeichnet man dann als Kolonialisierung“. Die matrilineare Verfassung ist aber nie aufgegeben worden, obwohl die Vereinigten Staaten und Kanada immer mehr Geld in diese Marionetten-Anführer investiert haben, obwohl sie immer wieder ihre eigene Jurisdiktion wollten. Diesen Widerstand gegen etwas Aufgezwungenes, gegen eine aufgezwungene Regierung, diesen Kampf für die eigene Verfassung und Tradition, bezeichnet Tom Porter als Bürgerkrieg.

Weder die US-amerikanische noch die kanadische Regierung wollten diese Botschaft verstehen, sie haben nicht zugehört und statt dessen immer mehr in die aufgezwungenen Regierungen investiert. Es kam dann soweit, dass die Mohawk und andere Stämme auf staatliche Schulen aufgeteilt wurden, um möglichst weit weg von ihrer Kultur und ihrem Zuhause zu sein. Sein Großvater, der Vater seiner Mutter, kam mit 4 Jahren in eine 600 km entfernte Militärschule. Als er mit 21 Jahren, als Christ, das erste Mal wieder nach Hause kam, war fast seine ganze Familie tot, nur ein Onkel lebte noch. So wuchs er ohne die Mohawk-Tradition auf, verlernte die eigene Sprache. Erst 1970 wurden diese Schulen geschlossen. „Wir verloren unsere Sprache, wegen diesen Schulen.“

Auch ihre heiligen, spirituellen Zeremonien gingen verloren, da der indigene Glaube als heidnisch und somit als „böse“ bezeichnet und deshalb verboten wurden. „This ceremonies are our heart and our soul.“ Doch sie wurden ihnen über viele Generationen verboten, die Mohawk haben damit ihr Herz und ihre Seele verloren, so die bewegenden Worte Tom Porters.

Aber es gab glücklicherweise einige, er beschreibt sie als „sture“ Mohawk-Frauen, die nicht aufgeben wollten. Für ihn sind diese Frauen deshalb „die Diamanten, der reichste Rohstoff des Landes“, denn nur weil diese Frauen zurückgeschlagen haben und dann auch die Männer mit ihnen zurückgeschlagen haben, ist es zu einer Wiederbelebung ihrer Kultur gekommen. Mehr noch, sie haben daraus gelernt, dass an ihnen Kolonialisierung betrieben wurde, er beschreibt diese als das alte „teile und herrsche“. Amerika ist ein an Ressourcen sehr reiches Land, alles ist da und deswegen wurden sie ausgenutzt, missbraucht – weil die USA und Kanada die vielen Rohstoffe kontrollieren wollten. Sie wollten das nicht haben und so haben sie dagegen gekämpft und sie kämpfen bis heute. Sie wollen nicht kämpfen, aber Kämpfen ist die einzige Möglichkeit, die sie haben.

In den letzten 25 Jahren ist es gelungen zu durchschauen, dass auch die ihnen aufgezwungenen Regierungen nur benutzt werden und so ist es zu einer Kooperation gekommen. Vor allem, seit sich Studierende aus dem Volk der Mohawk mit der Weltgeschichte beschäftigt haben und mehr darüber gelernt haben, was Kolonisierung bedeutet. Daher sieht er für die nahe Zukunft die Hoffnung, dass die Mohawk in Zukunft wieder zu den traditionellen Wegen, zur matrilinearen Regierungsform, zurückkehren können.

Die Mohawk fühlen sich verbündet mit den anderen, indigenen Kulturen Nordamerikas, vor allem auch hinsichtlich der Ökologie des Landes. Tom Porter erzählt, dass er nicht in Standing Rock sein konnte, weil er es gesundheitlich nicht geschafft hätte, aber dass viele aus dem Volk der Mohawk dort waren, um gemeinsam mit ihren Schwestern und Brüdern spirituellen Widerstand gegen den Bau der Pipeline zu leisten. Sie haben mit ihren eigenen Körpern den Weg blockiert, haben nicht mit Waffen gekämpft. Dieses spirituelle Aufstehen ist die einzige Möglichkeit und sie haben damit viele Seelen, auch in Europa, bewegt. Sie haben gesehen, dass man auch gegen aussichtslose Situationen aufstehen kann, aufstehen muss.

Damit Menschen verstehen mögen, dass vom ökologischen Zustand der Erde die gesamte Weltbevölkerung betroffen ist und nicht nur die indigene Bevölkerung, beschreibt Tom Porter die Entstehung der Welt vom Anbeginn der Zeit an. Wenn wir den Staub der Jahrhunderte und Jahrtausende wegräumen, dann entdecken wir darunter, überall auf der Erde, die universelle Weisheit, in der wir alle als Schwestern und Brüder zusammenlebten. Das ist das spirituelle Band, das uns seit Anfang an verbindet.

Tom Porter spricht von „he“, wenn er vom Schöpfer berichtet. Doch er beschreibt „ihn“ im matriarchalen Weltbild, als immanent in allem, was ist. Er erzählt auch die Schöpfungsmythe der Irokesen, in welcher eine schwangere Frau aus dem Universum auf die Erde fiel, die damals noch komplett mit Wasser bedeckt war und dort eine Tochter gebar, welche sich in den fruchtbaren Erdboden verwandelte.

Wir dürfen in unserer großen, meist unreflektierten Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, dem alten Wissen und Ritualen nicht darauf vergessen, dass die heute noch lebenden indigenen Kulturen durch massive Missionierungs- und Kolonisationsjahrhunderte geprägt sind. Wir dürfen bei unserer Suche nach den spirituellen Wurzeln nicht vergessen, dass auch in diesen Kulturen sehr viel ihres ursprünglichen, alten Wissens verloren gegangen ist, die heute wieder gelebte, spirituelle und kulturelle Tradition beeinflusst ist von der christlichen Missionierung.

Es ist den Kolonialmächten, den Regierungen Amerikas und Kanadas, bei allem, was sie ihnen angetan haben, nicht gelungen, ihre Clanstrukturen zu zerstören. In diesen Clanstrukturen haben die alten, „sturen“ Frauen den Rückhalt gefunden, damit sie ihren Platz in der ersten Reihe wieder einnehmen konnten, damit sie nicht bei aller Bedrohung nicht wieder von ihrem angestammten Platz weichen mussten, so erklärt mir Tom Porter. Die jungen Männer des Clans, die hinter den Großmüttern und Urgroßmüttern ihrer Clans standen, wurden aktiv, als sie erleben mussten, wie diese von Soldaten angegriffen wurden. Sie fanden zurück in die alte, matriarchale Rolle des Mannes als Beschützer des Clans, wie ich aus seiner Schilderung erfahren durfte.

Indigene Kulturen werden von westlichen Menschen gerne als „die Hüter des alten Wissens“ bezeichnet. Tom Porter antwortet auf meine Frage, ob dem wirklich so sei, dass „die First People ihr altes Wissen bewahrt haben und dieses der Welt zu ihrer Rettung anbieten würden“, dass das alte Wissen überall unter den heutigen Kulturschichten zu finden ist. Als er dem Vortrag eines Mannes aus Irland, der sich selber als „keltischer Ire“ bezeichnet, mit geschlossenen Augen zugehört hat, da wurde ihm plötzlich bewusst: „Dieser Mann spricht wie ein Mohawak!“

Tom Porter weist uns darauf hin, dass sein Volk „nur“ 500 Jahre Kolonisation hinter sich hat, wir hingegen bereits vor über 2000 Jahren kolonisiert wurden. Deshalb liegen bei uns viel mehr „Staubschichten“ über dem alten Wissen als bei den First People Nordamerikas und deshalb müssen wir tiefer graben als sie. Doch auch bei uns ist diese alte Schicht zu finden. Deshalb müssen wir selber aktiv werden, müssen wir unsere eigenen Wege finden, dürfen wir nicht darauf hoffen, dass uns die indigenen Völker diese Aufgabe abnehmen werden, abnehmen können. Wir selber müssen uns auf die Suche nach den Wurzeln unserer Kultur machen, so seine eindeutige Botschaft an uns.

Wir müssen hier, wo wir daheim sind, graben. Gemeinsam graben. Das, was wir ausgegraben haben, weitererzählen. Jenen, die etwas ausgegraben haben, wieder zuhören. Es kommen keine First People und bringen uns unser verlorenes Wissen, unsere verlorenen, kulturell-spirituellen Wurzeln zurück. So wie uns auch kein, vor über 2000 Jahren ans Kreuz geschlagener, Mann von unseren Sünden erlösen kann. Wie auch keine Außerirdischen kommen werden, um uns in die 5. Dimension mitzunehmen.

Wir selber müssen wieder zu Vorbildern werden. Zu jenen „sturen“ Frauen, ob jünger oder älter, die vorne stehen, die ihre angestammten Plätze wieder einnehmen, die nicht zurückweichen, wenn das Patriarchat mit seinen Einschüchterungsversuchen aufmarschiert. Die indigenen Menschen können uns Impulse geben, wir können uns ihren Weg der Befreiung und Rückbesinnung als Vorbild nehmen, aber das Gehen dieses Weges, den eigenen, persönlichen Entwicklungsweg dorthin kann uns niemand abnehmen.

Es ist ihre starke, spirituelle Anbindung und der Rückhalt durch den Clan, welche den alten Frauen die Kraft für dieses „in erster Front stehen“ geben, so Tom Porter. „Nur wegen dieser alten Frauen existieren wir als Volk noch!“, so seine bewegenden Worte. Die alten Frauen der Mohawk trennen nicht zwischen spirituell und politisch und genau darin liegt ihre große Kraft und Macht. Und genau diese Kombination fehlt den meisten Frauen hier bei uns, wie sie auch die spirituelle Anbindung an die Kräfte der Erde.

Die politisch-feministischen Frauen haben mit Spiritualität meist nichts im Sinne und die esoterisch-spirituellen Frauen rühmen sich ihrer unpolitischen Haltung. Die Bilder des spirituellen Widerstands rund um Standing Rock gingen um die Welt. Sie berührten die Menschen hier im Westen. Doch welche konkreten Spuren haben sie in unserem täglichen Handeln hinterlassen? Wo leisten wir spirituellen Widerstand? Wo kommen Frauen zusammen, um mit Tänzen und Gesängen, mit Ritualen und Gebeten spirituellen Widerstand zu leisten gegen die immer offenkundiger werdende Zerstörung der Erde durch die globalen Konzerne, um damit das politische Gleichgewicht einzuwirken? Wo sind die Männer, jung und alt, die uns dabei unterstützen, begleiten, beschützen?

Der entscheidende Wendepunkt auf ihrem Befreiungsweg war für sein Volk, als sie die Kolonisation als solche erkannt und analysiert haben. Die Mohawk haben durchschaut, was das Patriarchat mit ihnen gemacht hat und haben begonnen, entsprechend zu handeln. Wann gehen wir hier in Europa diesen Erkenntnisschritt, wann beginnen wir entsprechend zu handeln? Wann wollen Frauen im Westen endlich den patriarchalen Schleier in ihren Köpfen sehen und ablegen anstatt sich für den Schleier auf den Köpfen ihrer muslimischen Schwestern stark zu machen?

Aroniennens, der Sohn von Tom Porter und traditioneller Sänger im Akwesasne Langhaus – früher lebten die Mohawk in den Langhäusern, heute sind sie ihre spirituellen Zentren – sang und tanzte zum Abschluss dieses Abends gemeinsam mit uns. Tom erzählte uns die Hintergründe jenes Liedes, mit dem unsere gemeinsame Zeit hier in Salzburg zu Ende gehen sollte: die europäischen Kolonialmächte vereinnahmten Dorf um Dorf seines Volkes. Sie vergewaltigten die Frauen und versklavten die Männer. Ein Dorf beschloss, diesem Schicksal zu entgehen. Als die Eroberer immer näher kamen, versuchten sie zu flüchten. Irgendwann konnten sie nicht mehr weiter, das Wasser schnitt ihren Fluchtweg ab. Singend sind sie gemeinsam in den Tod im Wasser getanzt, um auf diese Weise der Vergewaltigung und Versklavung zu entgehen. Noch heute kann man dort die Gesänge der Menschen aus den Tiefen hören…

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