"Je mehr ich mich als Frau hergerichtet habe, desto weniger habe ich mir selber gefallen"

Früher hieß er Jürgen, dann Alexandra, jetzt nennt er sich Alex Jürgen: Der 37-Jährige geht mit seiner Intersexualität offen um.
  • Früher hieß er Jürgen, dann Alexandra, jetzt nennt er sich Alex Jürgen: Der 37-Jährige geht mit seiner Intersexualität offen um.
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  • hochgeladen von Stefanie Schenker

SALZBURG. "Meine Nachbarn wissen Bescheid; wie ich hierher gezogen bin, habe ich ihnen gleich allen den Film 'Tintenfischalarm' in die Hand gedrückt", sagt Alex Jürgen. Der 37-Jährige wird in dem Film von Elisabeth Scharang über mehrere Jahre begleitet und gewährt ganz persönliche Einblicke in sein Leben als Intersex-Person.

Heute hat Alex – der als Jürgen geboren wurde, später Alexandra hieß und für den jetzt beide Namen zu seiner Identität gehören – sich mit seiner Besonderheit angefreundet. Der Weg dorthin war aber schwierig, von Exzessen, einer Krebserkrankung und Drogen begleitet und vor allem: sehr einsam.

"Ich hatte natürlich immer Freunde, aber 'darüber' konnte ich mit niemandem reden. Meine Eltern haben mir nie gesagt, was mit mir los ist und ich habe gedacht, ich bin schwer krank und habe ganz etwas Böses, weil so ein Geheimnis daraus gemacht wurde und weil ich so oft operiert worden bin."

In der Familie hatte es schon einmal einen solchen Fall gegeben – die Cousine der Oma. Darüber war zwar auch nicht gesprochen worden, aber zumindest hatte man gewusst, was bei "Jürgen" los war: Er war ohne Scheide, aber mit einer Art Schamlippen geboren worden, aus denen ein kleiner Penis ragte. "Ein Arzt sagte meinen Eltern damals, dass ich innen liegende Hoden hätte und die entfernt werden müssten. Ansonsten würde ich Krebs und in der Pubertät einen Busen bekommen, auf dem Brusthaare wachsen würden", erzählt Alex. Damals wurde beschlossen, dass aus Jürgen eine Alexandra werden sollte. Weil er aber zunächst seine Hoden noch hatte, musste er "Alexi" genannt werden, weil das Gesetz es verbot, einen Mädchennamen für ein Kind mit Hoden zu verwenden.

Mit Schuleintritt wurde Alexi "äußerlich als Mädchen hergerichtet. Da haben sie mir meinen Penis abgeschnitten", erinnert sich Alex, der diesen Eingriff heute Kastration nennt. Seine Mutter habe ihm erklärt, das sei, als hätte er einen sechsten Finger an einer Hand und der müsse eben weg. "Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht, ich habe ja immer geglaubt, mein Penis sei etwas Böses, ich durfte ihn ja auch nie angreifen."

Mit 10 Jahren folgte eine weitere Operation – Hodenamputation, mit zwölf Jahren fing Alex, der als Mädchen erzogen wurde, an, nach Unterlagen über sich selbst zu suchen – "weil mir ja niemand sagen wollte, was ich hatte." Dabei stieß er auf eine Geburtsurkunde mit dem Namen "Jürgen" und dachte, er habe einen verstorbenen Zwillingsbruder. Als er später von innen liegenden Hoden erfuhr, "da hab ich mich nicht mehr ausgekannt."
Mit 15/16 ließ sich Alex eine Vaginalplastik machen – auch um sich selbst und allen anderen zu beweisen, was er für eine Frau war.

"Ich wollte unbedingt eine Frau sein, aber es hat alles nicht funktioniert. Je mehr ich mich hergerichtet und den Männern gefallen habe, desto weniger habe ich mir selbst gefallen. Ich habe meinen Körper gehasst, habe mich geschnitten und Zigaretten auf mir ausgedrückt." Irgendwann – nach einem Drogenentzug und einer schweren Leukämieerkrankung – habe er begriffen: "Ich muss mich so akzeptieren, wie ich bin." Und dann hat er es seinen Freunden erzählt. "Die haben dann gesagt, jetzt verstehen sie, warum ich so bin wie ich bin, weil ich war ja nie das, was man typisch Frau nennen würde."

Was er sich wünscht? "Die Leute müssen wissen, dass es uns gibt, das gehört auch in die Schulbücher, nicht nur Schnecken sind Zwitter. Aber das Leben kann ja trotzdem ganz normal funktionieren."

Als Kind habe er nicht zelten gehen dürfen, sein Bruder schon – weil der ein Bub war. "Wenn meine Eltern mir gesagt hätten, du darfst auch, weil du bist ja ein halber Bub, dann hätte ich das toll gefunden."

Zum Interview mit Intersex-Beauftragter der HOSI Salzburg, Gabriele Rothuber, geht es hier.

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