Asylwerber als Lehrlinge

Roland Cerenko berichtete beim Speed Dating gemeinsam mit Amir aus dem Irak über die sehr guten Erfahrungen.
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  • Roland Cerenko berichtete beim Speed Dating gemeinsam mit Amir aus dem Irak über die sehr guten Erfahrungen.
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Die 47 jungen Asylwerber im Bezirk
sind ein Potenzial, das die Firmen viel zuwenig beachten.

BEZIRK. Ein ganz besonderes Speed-Dating gab es vor einigen Tagen in der Wirtschaftskammer Freistadt: Unter dem Motto „Lehrling gesucht! – Gefunden? Asylwerber als Chance“ luden WKO und AMS in Kooperation mit der Integrationsstelle ReKI Freistadt zur Jobbörse (siehe Bericht unten).
Wie wichtig es ist, junge Asylwerber in den Arbeitsprozess einzubinden, zeigt die aktuelle Statistik. Alois Rudlstorfer, Geschäftsstellenleiter des Arbeitsmarktservice Freistadt: „Ein Verhältnis von 141 offenen Lehrstellen zu 41 Lehrstellensuchenden macht klar, wie dramatisch die Situation ist.“ Der Bezirk Freistadt ist in dieser Situation unterversorgt. Rudlstorfer: „In Oberösterreich gibt es bereits 377 Asylwerber, die eine Lehrausbildung machen, in unserer Region sind es derzeit lediglich vier!“
Im Bezirk leben aktuell 47 jugendliche Asylwerber zwischen 15 und 25 Jahren. „Das ist ein Potenzial, dem die Betriebe derzeit leider viel zu wenig Augenmerk schenken“ appelliert der AMS-Chef.
Viele dieser Jugendlichen verfügten bereits über gute Sprachkenntnisse und seien sicher in der Lage, eine Lehre zu absolvieren. Rudlstorfer: „Da es derzeit sehr wenige Lehrstellensuchende gibt, ist die Chance, dass ein Antrag auf Beschäftigungsbewilligung, der für die Lehrausbildung von AsylwerberInnen nötig ist, positiv entschieden wird, sehr groß. Das ist für die Betriebe nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber für den einen oder anderen Betrieb könnte ein Asylwerber, der bei ihm eine Lehre absolviert, doch eine beträchtliche Hilfe sein.
Die Wirtschaftskammer weiß aus erster Hand von den Ausbildungsbetrieben, wie dramatisch die Situation ist. Gabriele Lackner-Strauss, Obfrau der WKO Freistadt, an die Adresse der Firmen: „Es stellt sich die einfache Frage, ob wir es uns leisten sollten, die jugendlichen Asylwerber sinnentleert herumsitzen zu lassen, während Unternehmen händeringend Lehrlinge suchen. Bislang haben allerdings auch unsere Betriebe diese Zielgruppe weitgehend unbeachtet gelassen“.
„Eine Lehre macht nur dann Sinn, wenn ausreichende Deutschkenntnisse eine Verständigung im Unternehmen und einen positiven Berufsschulabschluss ermöglichen“, ist Dietmar Wolfsegger, Leiter der WKO überzeugt. „Asylwerber brauchen sicher eine ordentliche Portion Engagement, um sich in der mitteleuropäischen Arbeitswelt zurechtzufinden und eine Lehre positiv abschließen zu können.“

Der Vorzeigelehrling
Das es sehr gut klappen kann, beweist Amir aus Bagdad. Chef Roland Cerenko vom gleichnahmigen Autohaus in Freistadt ist voll des Lobens über den 23-jährigen Lehrling im Asylwerber-Status.
Amir ist mit vier weiteren Flüchtlingen in Pregarten untergebracht und pendelt seit Februar mit dem öffentlichen Verkehrsmittel zu seiner Arbeitsstelle nach Freistadt. „Es wäre schade, ja eine Katastrophe, bekäme Amir keine Aufenthaltsgenehmigung und müsste wieder in das Krisengebiet nach Irak zurückkehren“, zittert Cerenko um seinen Vorzeigelehrling.

Zur Sache:

ReKI, Regionales Kompetenzzentrum für Integration und Diversität Bezirk Freistadt, arbeitet im Auftrag des Landes OÖ . Zu den Angeboten gehören neben der Beratung von Gemeinden, Organisationen und Institutionen bei ihren Integrationsvorhaben, die Begleitung von Integrationsprozessen. Dazu die Freistadt-Leiterin Cigdem Carikci: „Für die Jugendlichen bedeutet eine Arbeit zu haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das Gefühl zu bekommen, ein Teil der Gesellschaft zu sein, dazuzugehören, Zukunftsperspektiven zu entwickeln und ein neues Leben in Österreich zu beginnen. Dazu sind aber, Möglichkeiten und Zugänge erforderlich!“ In Abstimmung mit Bezirkshauptmannschaft, WKO und AMS ist es ReKI gelungen, einen gemeinsamen Fahrplan auszuarbeiten. Demnach wurden die Jugendlichen über Ausbildungsmöglichkeiten informiert und Deutschkurse organisiert.

„Überrascht, wie engagiert junge Asylwerber sind“

BEZIRK. Betriebe und jugendliche Asylwerber, die ja in Österreich eine Lehre in einem Mangelberuf absolvieren dürfen, wurden kürzlich in die Wirtschaftskammer geladen. Für Betriebe gab’s zusätzlich Infos über die derzeitige Situation auf dem Lehrstellenmarkt, rechtliche Bestimmungen zur Beschäftigung von jugendlichen Asylwerbern und Fördermöglichkeiten während der Lehre. Die Firmen Hiki Versand GmbH, Kurhotel Bad Zell, B. Kern Baugesellschaft, Fliesenhandel Christoph und Jungwirt Metallbau - Landtechnik nutzten die Chance und führten im Zehn-Minuten-Takt Bewerbungsgespräche. Das Echo bei den Betrieben war hervorragend. „Zwei bis drei würde ich sofort einstellen“ oder „ich bin überrascht, wie engagiert die jugendlichen Asylwerber sind“, gab es ausschließlich positive Rückmeldungen zu den Gesprächen. Inwieweit tatsächlich dann Lehrverhältnisse zustande kommen, werden die nächsten Wochen zeigen.

WKO & AMS helfen

Ein Lehrvertrag mit einem Asylwerber erfordert Aufmerksamkeit. Man muss den Jugendlichen Spielregeln der Arbeitswelt klar machen und andererseits die bestehenden Mitarbeiter sensibilisieren. Die Wirtschaftskammer und auch das AMS bieten den Betrieben Unterstützung wie etwa kostenlose Coachings oder gratis Nachhilfe für den Berufsschulunterricht.

Kommentar

Mehr als nur
eine Notlösung

Der Lehrlings- und Fachkräftemangel ist das absolute Problem Nummer eins bei vielen Firmen. Im Bezirk stehen einem Lehrstellensuchenden vier offene Stellen gegenüber. Dass sich Firmen bisher nicht so recht an ein Lehrverhältnis mit einem Asylwerber wagten, mag auch daran liegen, dass Unternehmer-Kollegen schlechte Erfahrungen gemacht haben. Nicht mit den Jugendlichen, die oft sehr engagiert und sicherlich weit mehr als nur eine Notlösung sind. Vielmehr sind es die Behörden, die immer wieder Lehrlinge abschieben und damit wertvolle Ausbildungszeit zunichte machen. Die Gefahr, dass Asylwerber-Lehrlinge bei einem negativen Asylbescheid abgeschoben werden können, ist noch nicht gebannt. Allerdings laufen intensive politische Bemühungen, dass Lehrlinge künftig nicht mehr abgeschoben werden.

Autor:

Elisabeth Hostinar aus Freistadt

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