Elisabeth Keplinger-Radler
"Corona war eine wohltuende Bremse"

Elisabeth Keplinger-Radler spricht im Interview mit der BezirksRundschau Freistadt offen über Berufliches und private Schicksalsschläge.
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  • hochgeladen von Roland Wolf

Elisabeth Keplinger-Radler ist seit zwölf Jahren Geschäftsführerin und Gesicht des Regionalsenders Mühlviertel TV. Normalerweise ist sie nonstop auf Events im Mühlviertel unterwegs. 2020 hat die Pandemie jedoch auch sie und ihren Sender ausgebremst. Die BezirksRundschau hat mit der Fernsehmacherin und zweifachen Mutter gesprochen, was die Krise beruflich und privat für sie bedeutet. 

Wie haben Sie die Corona-Krise erlebt bzw. erleben Sie diese?
Für mich war es eine völlig neue Erfahrung nach zwölf Jahren der Selbstständigkeit plötzlich keinen Druck mehr zu spüren und erstmals Zeit für mich und meine Familie zu haben. Ich hatte mich bis dahin mit meiner Getriebenheit abgefunden und dachte, das sei wohl das Los der Selbstständigen „selbst und ständig“ zu arbeiten. Der Medienjob an sich ist ja sehr schnelllebig und herausfordernd. Jede Woche ist anders und es gibt quasi keine geregelten Arbeitszeiten. Karenz, Urlaub oder Krankenstand habe ich auch nie in Anspruch genommen. Ich hatte immer die Firma im Hinterkopf und sie wie mein Kind behandelt, das man nie alleine lässt. Dazu kommt, dass ich in der glücklichen Situation bin, meinen Traumberuf ausüben zu können und sehr gerne arbeite. Dass ein kontinuierlicher Stress aber nicht unbedingt sein muss und es auch anders geht, habe ich erst durch die Pandemie begriffen. 

Das Veranstaltungs-Geschehen ist seit knapp einem Jahr so gut wie völlig runtergefahren. Haben Sie keine wirtschaftlichen Sorgen?
Zum ersten Mal haben sich die viele Arbeit und Sparsamkeit seit der Firmengründung 2009 bezahlt gemacht. Ich konnte mir einen guten finanziellen Polster aufbauen. Dadurch bin ich in der glücklichen Situation, dass die Pandemie mir und meinem Sender keine Existenzängste beschert hat. Natürlich ist es schade, dass dies nun für solche Zeiten quasi verschwendet werden muss, da man unverschuldet dazukommt und sich schlussendlich selbst wieder nichts gönnt. Andererseits bin ich nicht materialistisch und habe mich wirklich sehr über die viele Zeit mit meiner Familie gefreut. 

Wie ist 2020 für Mühlviertel TV gelaufen?
Überraschenderweise war es sogar ein recht gutes Jahr, da ich fast keinen Personalaufwand hatte. Ich konnte Redaktion und Büro alleine stemmen. Das TV-Programm war zwar nicht prall gefüllt mit Veranstaltungen, dafür mit diversen Rückblicken und Produktionen, die wir sonst nie machen hätten können, da uns die Sendezeit dafür fehlte. Ich überlege mir jede Woche ein Alternativprogramm und es ist eine große Herausforderung, die Attraktivität des Senders weiterhin hochzuhalten. Das sind wir unseren 140.000 regelmäßigen Zusehern aber schuldig.

Wie gehen Sie persönlich mit der Krise um? Inwiefern hat sich ihr Privatleben verändert?
Mein Leben ist geprägt von mehreren privaten Schicksalsschlägen. Meine Arbeit war bei deren Bewältigung immer ein wichtiger Anker, da ich darin meine Erfüllung sah und es beruflich immer recht gut lief. Die Pandemie hat mir jedoch gezeigt, wie sehr die vergangenen zwölf Jahre und die Doppelbelastung als Karrierefrau und Mutter auch an mir gezehrt haben. 

Was waren das für Schicksalsschläge und wie haben Sie diese verändert?
Der erste Schicksalsschlag war, als mein Vater ganz plötzlich 2009 bei einem Verkehrsunfall starb. Und das im gleichen Jahr, als ich den Sender auf neue Füße stellte und die Firma gründete. Ich habe sehr an ihm gehangen und er war ein großes Vorbild für mich. Viele werden ihn als „Daniel Düsentrieb aus Bad Leonfelden“ noch kennen, der die fahrbare Hackschnitzelheizung, den Silotransporter oder die Plastik-Recyclingmaschine, wo die Silofolien verwertet werden, erfand. Für ihn war Stillstand ein Rückschritt. Ich bekam das richtig eingeimpft, Tag und Nacht für andere da zu sein und zu arbeiten.

Es kam damals jedoch noch dicker?
Ja. Ich war zu der Zeit schwanger und hatte kurz nach seinem Tod im sechsten Monat meiner Schwangerschaft einen frühzeitigen Blasensprung. Somit musste ich sieben Wochen im Spital liegen. Normalerweise vergisst man hier alles andere, aber diverse Aufgaben habe ich dann trotzdem für die Firma gemacht, um auf andere Gedanken zu kommen und den Sender irgendwie am Leben zu halten. Leider starb mein Sohn dann drei Tage nach der Geburt in meinen Armen. Jeder Elternteil kann sich vorstellen, wie schlimm es ist, das eigene Kind zu verlieren, wenn man es schon im Arm gehalten hat. Schlimmer geht’s nimmer und wenn ich diese Zeit überstehe und dabei auch die Firma aufrechterhalten kann, dann kann mich nichts mehr umwerfen, hab ich mir damals gedacht.

Heute sind Sie Mutter eines vierjährigen Sohns und einer fünfjährigen Tochter, richtig?
Ja. 2015 und 2016 bekam ich meine beiden Kinder David und Simona. Das ist für selbstständige Frauen immer schwierig, noch dazu bin ich eine, die immer versucht, alles alleine zu schaffen. Irgendwann ging sich das nicht mehr aus und ich musste mir selbst eingestehen, dass sich die vielen Aufgaben in der Firma mit zwei kleinen Kindern und dem Haushalt nicht mehr vereinbaren lassen, auch wenn man ein gutes familiäres Umfeld hat.

2019 mussten Sie dann ein weiteres einschneidendes Ereignis erleben. Was ist damals passiert?
Vor zwei Jahren fuhr meine damals vierjährige Tochter mit dem Bob frontal gegen einen Baum und erlitt schwere Kopfverletzungen. Das waren die bisher schlimmsten Momente in meinem Leben. Ich war mit den Kindern alleine und musste Simona 500 Meter durch den Tiefschnee den Berg hinauftragen um den Notruf wählen zu können. Wir wussten wirklich nicht, wie alles ausgehen würde und verbrachten einige Wochen im Spital. Immer wieder verfolgten mich die Bilder des Unfalls und schwere Schuldgefühle. Deshalb habe ich dann eine Gesprächstherapie begonnen. Dabei habe auch ich gelernt, dass ich nicht alles alleine schaffen muss.

Ist es für Karriere- und Powerfrauen wie Sie noch schwieriger sich einzugestehen, dass etwas zu viel ist oder man Hilfe braucht, weil man es allen beweisen will?
Ja, da ist sicher so. Als selbstständige Frau ist man normalerweise unabhängig, steht mit zwei Beinen im Leben und will alles selbst schaffen. Auch will man die Kontrolle nicht verlieren. Oft geht man bis an die Grenzen und manchmal sogar darüber hinaus. Wenn dann was Unvorhersehbares daherkommt, wirft es einem komplett aus der Bahn und hat nichts mehr unter Kontrolle. Was starke Frauen jedoch auszeichnet ist, dass sie nicht aufgeben, nach vorne blicken, schnell wieder auf die Füße kommen und das Beste aus jeder Situation machen.

Haben Sie so etwas wie ein Lebensmotto?
Ja: Alles hat einen Sinn. Auch wenn man es zuerst nicht für möglich hält, aber im Nachhinein weiß man, wofür es gut war. Da müssen oft Jahre vergehen, dass man es versteht. Ich bin zum Beispiel meinem Mann beim Aussuchen des Grabsteins für meinen Sohn begegnet. Er hat damals auch jemanden im Familienkreis verloren und wir hätten uns sonst sicher nicht kennengelernt. Der Unfall meiner Tochter ist noch nicht so lange her und der Sinn schwer zu verstehen, aber ich habe damals sehr viel gebetet und ich glaube, diese Gebete wurden erhört. Es war für uns alle ein Wunder, dass alles gut ausgegangen ist.

Sind Sie ein religiöser Mensch?
Ich habe zwar schon immer sehr auf Gott vertraut und auch in guten Zeiten gebetet, aber das war für mich der größte Beweis dafür, dass Gott unsere Geschicke lenkt und ich von ihm getragen werde, so wie ich meine Tochter getragen habe. 

Gibt es etwas, dass Sie speziell aus der Corona-Krise jetzt für die Zukunft mitnehmen?
Was ich abgesehen von meinem schon sehr ereignisreichen Leben in den vergangenen Monaten wieder bewusst bemerkt habe, ist, dass es immer um Begegnungen mit Menschen geht, die einen bereichern, dir helfen können, dir guttun oder auch nicht, dich zum Lachen bringen und von denen du auch immer etwas lernen kannst.  Wenn es einem selbst gut geht und man dieses Wohlbefinden auch ausstrahlt, stellt sich auch das Umfeld danach ein.

Näheres: muehlviertel.tv

Weiterführende Links

10 Jahre Mühlviertel TV: Erfolgsstory rund um Elisabeth Keplinger-Radler

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