Geschaftt!! Eine Geschichte wurde von mir im Augustin veröffentlicht!!!
Der neugierige Junge

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Wir betreiben Schichtdienst, genauer gesagt, 24 Stunden Dienst, 24 Stunden frei. Da in so einem System unendlich viele Stunden zusammenkommen, haben wir dann auch mal Zeitausgleich, so dass wir gleich drei anschließende Tage zuhause verbringen dürfen. Natürlich sind wir auf Grund unserer Dienstschichten nicht immer anwesend, aber selbstredlich ist stets die selbe Anzahl an Personen, genauer gesagt 34 Feuerwehrbeamte rund um die Uhr in Dienst.
Ob das der Junge mit den rebbraunen Augen, schwarzen Haaren, dunklem Teint und einer Körpergröße von etwa 150 cm auch so durchblickt hat? Oder war er einfach immer, tagtäglich hier und beobachtete unser Treiben im Innenhof? Seine rote zerschlissene Jacke, etwa zwei Nummern zu groß, seine Jeans mit Löchern, allerdings nicht modebedingt und seine Sportschuhe der Marke Nike, sein großer Stolz, ließen ihn tagtäglich in selben Antlitz erscheinen.
Kaum war unser großes Ausfahrtstor, welches guten Einblick in den gesamten Hof gewährte, geöffnet, stand er an einer der beiden Ecken und guckte hinein. Bei jedem Wetter müssen wir Fahrzeugkontrollen durchführen, ob Wind, Eis oder Schnee, die praktischen Übungen werden abgehalten, da fährt die Eisenbahn drüber. Auch der Hitze trotzen wir nicht und führen Reinigungsarbeiten an Geräten, Fahrzeugen und Hofinventaren durch. Sooft ich im Dienst war und ich mich im Innenhof aufhielt, fiel er mir auf, der Junge mit den weißen Nikeschuhen. Da er auch vormittags seine Zeit mit dem Beobachten des Feuerwehralltages verbrachte, war mir klar, der Junge musste ein Flüchtling sein. Da es in unserer Nähe auch ein Notschlafquartier, wie es so schön heisst, wenn wir dorthin alarmiert werden, betrieben wird, war der Zusammenhang klar.
Unsere großen Abfallcontainer stehen ziemlich Nahe dem Ausfahrtstor. Die Biomülltonne ratterte, als ich sie über den Hof zerrte. Bei den Containern angelangt, bemerkte ich ihn wieder, es war gegen 10h vormittags. Ich winkte ihm, ließ den Kübel stehen und näherte mich ihm langsam. Eigentlich erwartete ich, dass er vor Angst, Scham oder schlechtem Gewissen davonliefe, nichts von dem stimmte. Unsicher blickte er mich an, seine Hände gestikulierten Unsicherheit, seine Beine zappelten ein wenig.
„Hallo!“, waren meine ersten Worte.
„Wie heisst du?“, probierte ich es weiter. Da er mich nur mit großen Augen ansah, dachte ich anfangs, er versteht mich nicht. Ich probierte es mit Englisch, wenn man meine ungeschulte, katastrophale grammatikalische Aussprache überhaupt Englisch bezeichnen darf. Aber gut, diese einfache Frage meisterte ich.
„Kenan!“ Kurze Zeit Pause, ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen und dann:“Und du?“. Ehrlich gesagt war ich ein wenig überrascht, da er mir in Deutsch antwortete.
Unsere Unterhaltung ging ein paar Minuten, dabei erfuhr ich, dass er vor sieben Monaten in Österreich ankam. Sein Fluchtweg dürfte Jahre gedauert haben, soweit ich es verstehen konnte. Ständig, während er mir in gebrochenem Deutsch erzählte, sah ich mein eigenes Kind vor Augen. Könnte ich das ertragen? Würde ich es verstehen? Mein eigenes Leid könnte ich eventuell erdulden, aber das meines Kindes? Ich würde die Sinnhaftigkeit hinterfragen. Ein Kind wird 2000 Kilometer südlicher geboren und hat nicht einmal einen Bruchteil von dem, was unsere Kinder haben. Warum schätzen wir nicht, was wir haben. Da meine ich nicht unsere Sachgüter, wie Haus, Auto, teure Bekleidung, etc. Ich möchte die Selbstverständlichkeit ansprechen, in dem wir unser alltägliches Leben führen.
Ich bot ihm ein Cola an und fragte ihn ob er sich vielleicht ein paar Feuerwehrfahrzeuge ansehen möchte. Er wirkte plötzlich unsicher, trat von einem Bein auf das Andere, lächelte kurz und lief davon. Kurz dachte ich, ob ich ihn zu Nahe getreten sei, die Gedanken verliefen und ich widmete mich wieder meiner Tätigkeit. Die nächsten Tage folgte der vorhin angesprochene Zeitausgleich, meine Gedanken waren bei meiner Familie und ich vergaß den Jungen.
Voll entspannt trat ich wieder meine Dienstschicht an. Gleich morgens früh, etwa gegen 0630h ging
das Licht im Ausgleichsraum an und die Stimme im Lautsprecher zwang mich laufend in den Erdgeschoss. Bei der Feuerwehr Wien wird auf allen Wachen ein anstehender Alarm mit Licht- und Akustiksignal angekündigt. Danach erfolgt die Durchsage, welche zuerst die Einsatzfahrzeuge, dann die Adresse und zuletzt die Einsatzart meldet, danach wird das gesamte Szenarium wiederholt. „Hernals, Kommandofahrzeug, 1.HLF, TLF, Drehleiter und das 2.HLF; 16. Bezirk Thaliastrasse xx; Notschlafquartier Samariter; TUS xxxx!“, ertönte es aus dem Lautsprecher in unserem allgemeinen Aufenthaltsraum. Fast die gesamte Mannschaft musste ausrücken, ein Brandmelder hat in der Unterkunft des Flüchtlingslagers angeschlagen. In letzter Zeit sehr oft eine heikle Angelegenheit, immer wieder kam es zu kleinen Entstehungsbränden im Küchenbereich. Da sehr viele verschiedene Kulturen auf kleinstem und engen Raum kochen müssen, passieren manchmal Meinungsverschiedenheiten, welche auch ausarten können. Oft stellten wir auch bei unserem Eintreffen nur mutwillig, eingeschlagenen Druckknopfmelder fest, die eben in diesen Streitereien, welche auch leider mit Blessuren, Blutergüssen, aber auch mit Stichverletzungen endeten, zu diesem Ergebnis führten. Im Prinzip nicht unser Aufgabenbereich, obwohl natürlich bei Nichtanwesenheit des Rettungsdienstes, erste Hilfe geleistet wurde, der Rest wurde von der Sicherheitswache (= Polizei) erledigt. Aber im Zuge der Streitereien brannte auch schon einige Male das Essen an oder es wurde aus Zorn oder Verzweiflung etwas angezündet. Da sich viele Personen, und ich spreche da an einigen Tagen von mehr als 150, in diesem Gebäude aufhalten und teilweise die akustischen Räumungssignale ignorieren, kommt es wirklich, vor allem bei starker Verrauchung zu ganz heiklen Szenen.
TUS heißt nichts anderes als Tonfrequentes Übertragungssystem, welches die Aufgabe hat, wenn in einem Gebäude eine Alarmanlage auslöst, dieses an die Nachrichtenzentrale, also an den Notruf 122 weiterzuleiten, von wo aus dann die nötigen Fahrzeuge alarmiert werden.
Als ich mit einer halben Tasse Kaffee im Magen auf meinem Fahrzeug saß und auf weiteren Befehle wartete, beobachtete ich die wenigen Menschen, welche den Räumungsalarm des Hauses befolgten und auf die Strasse liefen. Frauen mit teilweise dünnen Verhüllungstüchern und Kinder mit Schlapfen, wo barfüßige Zehen hervorguckten, frieren sichtlich, vermutlich aus dem Schlaf gerissen. In diesem Moment dachte ich wieder an den neugierigen Jungen, den ich vorige Woche ansprach. Meine Blicke schweiften im Kreise und suchten nach ihm, kein Erfolg. Kurzzeitig kam mir der Gedanke, dass er vielleicht gar nicht in diesem Haus untergebracht ist, verwarf es aber wieder, da ich doch sicher war, dass in meinem Ausrückungsbereich es das Einzige war.
Da bei solchen Einsätzen immer nur das 1.HLF (Hilfslöschfahrzeug) in das Gebäudeinnere geht und die Erkundung durchführt, wusste ich den Grund des Einsatzes nicht. Handelt es sich nur um Kleinbrände oder den vorher beschriebenen Ereignissen, bleiben die anderen Kräfte draussen in Bereitschaft und werden dann sobald als möglich einrückend gemacht, damit die Schlagkraft für andere Einsätze in der Sektion gegeben ist.
Gegen halb acht war ich wieder auf der Wache und schlürfte meinen mittlerweile kalten Kaffee fertig. Später erfuhr ich, dass ein hängen gebliebener Toast eine derartige unbeobachtete Rauchentwicklung erzeugte, dass der im Küchenbereich montierte Rauchmelder auslöste.
Als ich vormittags im Innenhof unserer Feuerwehrwache tätig war, schweifte mein Blick immer wieder zum offenen Einfahrtstor, erfolglos. Ich dachte mir nicht viel dabei, eventuell hatte er heute andere Interessen, oder gar Verbot seiner Eltern, wenn er welche besaß. Ich versuchte mich zu erinnern, nein, von seinen Angehörigen hat er mir nichts erzählt. Er wird in den nächsten Tagen wieder auftauchen. Ich nahm mir vor, in auf alle Fälle wieder anzusprechen und diesmal vielleicht erfolgreicher die Feuerwehr näher zu bringen. Kollegen unterbrachen meine kleinen Hirngespenster und ich widmete mich meiner Aufgaben.
In den nächsten Tage, welche ich mich im Dienst befand, erwischte ich mich immer wieder, wo ich mir Gedanken über den Jungen machte und ich mich fragte, wieso er nicht mehr kam. Ist ihm etwas passiert, hätte ich ihn nicht anreden sollen? Duzend solcher Fragen gingen mir durch den Kopf, vor allem natürlich, wenn ich mich wegen irgendwelchen Arbeiten im Hof befand und unser Zufahrtstor offen stand. Zwei Mal fuhren wir alarmmäßig in das Flüchtlingsheim, wie es bei uns im Jargon genannt wird, auch da versuchte ich ihn zu finden. Von Tag zu Tag wurde ich unsicherer, ob ich ihn

überhaupt erkennen würde. Ich versuchte mich an sein Gesicht, sein Körpergröße und Auffälligkeiten zu erinnern, es verschwamm alles ein wenig. Irgendwie konnte ich meine Gedanken mit niemanden teilen. Erstens leben wir in einer sehr rassistischen Welt, wo man bei kleinen Gefühlen zu solchen Kindern abgestempelt wird. Gut das würde mir nicht so viel ausmachen, vor allem sind es diese Menschen, die solches verurteilen, es nicht wert. Aber darum geht es mir gar nicht. Viel mehr würde ich darüber reden, wieso so ein Kind uns tagelang beobachtet und dann möchte man mit guten Vorsätzen dem Jungen etwas Gutes tun, was passiert, er kommt nicht mehr. War er in seiner Welt glücklich. War es genau das, welches ihn so begeistert? Uns, alleine mit sich selbst, zu beobachten, vielleicht sogar mit der Hoffnung, wir würden ihn gar nicht bemerken? Was ereignet sich dann? Es kommt ein Wildfremder, einer von den Bösen, der ihn eh nicht in diesem Land dahaben möchte und spricht ihn an.
Ich möchte es kurz machen. Ich sah den Jungen bis dato nicht mehr. Keine Ahnung, was aus ihn geworden ist. Ich kann nur hoffen, dass es ihm gut geht und er ein einigermaßen normales Leben führen kann.
Mein Quintessenz aus diesem Ereignis. Ich würde ihn vermutlich wieder ansprechen, da ich diesen Menschen Gutes tun möchte. Vielleicht ist es der falsche Weg? Sollte man sie eventuell in Ruhe lassen? Sie ignorieren, als wären sie nicht da? Nein, dann wären sie diese Außenseiter, die sie sowieso sind, oder? Was sagt ihr? Wie steht ihr zu diesen Menschen? Vielleicht könnt ihr mir auf www.jelinekharald.at eure Meinung kundtun, würde mich echt interessieren.
Jelinek Harald

Autor:

Harald Jelinek aus Gänserndorf

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