Niederösterreichs Jäger haben Greifvögel im Visier

Kaiseradler stehen unter strengem Artenschutz und wurden im Weinviertel in den vergangenen Jahren dennoch illegal getötet.
  • Kaiseradler stehen unter strengem Artenschutz und wurden im Weinviertel in den vergangenen Jahren dennoch illegal getötet.
  • Foto: Katzinger
  • hochgeladen von Ulrike Potmesil

BEZIRK GÄNSERNDORF. In einer Region, die seit mehreren Jahren von illegalen Adlerabschüssen und Vergiftungsfällen heimgesucht wird, klingt es wie Hohn. Der Niederösterreichische Jagdverband fordert die Jagd auf Greifvögel. "Mittelfristig fordern wir eine zusätzliche Prädatoren Kontrolle durch eine sinnvolle und wissensbasierte Greifvogelbejagung", heißt es in einem Newsletter, erstellt von Johann Blaimauer, dem
Vorsitzenden vom Fachausschuss Niederwild.
Die Jägerschaft sorgt sich um das Niederwild. Geringe Bestände von Hase und Fasan zwingt die Waidmänner zur zurückhaltenden Bejagung. Ausnahmen gibt es nur wenige, wie z.B. Bezirk Bruck/Leitha, wo intensive Raubwild- und Rabenvogelbejagung durchgeführt wird.
Blaimaurer: "Einzelne Greifvogel-Arten haben in ihrer Rolle als Kulturfolger zu einer Verarmung der Brutvogelarten geführt und sind im Begriff, der Vielfalt kontraproduktiv entgegenzuwirken."

Jagdkonkurrenten ausschalten

Bei den Naturschutzorganisationen BirdLife und WWF reagiert man empört. Matthias Schmidt von BirdLife Österreich, verweist darauf, dass europaweit alle Greifvogelarten unter Schutz gestellt sind: „Wir können nicht akzeptieren, dass die Tiere in Zukunft als vermeintliche Jagdkonkurrenten ausgeschaltet werden."
Die illegale Greifvogelverfolgung in Mitteleuropa stellt aktuell die Haupttodesursache für eine ganze Reihe von streng geschützten Arten dar, wie etwa für den weltweit bedrohten Kaiseradler und den Rotmilan. Gerade im Weinviertel kommt es immer wieder zu illegalen Tötungen. Die Region Zistersdorf scheint ein regelrechtes „Bermuda-Dreieck“ für Greifvögel darzustellen. „In den vergangenen Jahren sind dort mehr als 30 getötet worden, die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher liegen“, weiß Matthias Schmidt zu berichten. „Statt jene Jäger zu unterstützen, die sich für Lebensraumverbesserungen und den Schutz der Greifvögel einsetzen, wird hier Öl ins Feuer gegossen.“

Artenschutz

Gänserndorfs Bezirksjägermeister Gerhard Breuer war nicht für eine Stellungnahme zu erreichen, sein Kollege aus Mistelbach, Gottfried Klinghofer zeichnet ein dunkles Bild des aktuellen Tierbestandes: "Vor zehn Jahren hatten wir in einer Jagdsaison noch 23.000 Fasane erlegt. Heuer werden es 1.000." Ähnlich verhält es sich bei den Hasen: Vor zehn Jahren waren es noch 43.000 Tiere; jetzt rechnet er mit 3.000 Stück. Anstelle der "Futtertiere" nehmen die „Jäger“ zu. Auf eine natürliche Regulation setzt Klinghofer dabei nicht: "Wenn das Niederwild als Futter ausfällt, werden Greifvögel größere Tiere wie Rehe oder Frischlinge als Futterquelle heranziehen." Der Bezirksjägermeister sieht die Artenvielfalt bedroht: "Alle Tiere haben eine Lebensberechtigung."
Den gesamten Newsletter des Jagdverbandes finden Sie auf www.meinbezirk.at/gaenserndorf.

Hier der gesamte Newsletter des Jagdverbandes:

NÖ Landesjagdverband – Newsletter – Info
Niederwildsituation - weitere Streckeneinbußen 2017

Die Lage um das Niederwild in den klassischen Ackerbaugebieten verschärft sich auch heuer weiter. Es ist von einer sehr unterschiedlichen Streckenentwicklung in den einzelnen Vierteln in Niederösterreich bei Feldhase und Fasan auszugehen. Zu geringe Besatzzunahmen nach erfolgten Zählungen und Sondierungsjagden zwingen in den meisten Revieren zu zurückhaltender Bejagung um die Stammbesätze nicht weiter zu schwächen.
Lediglich die in der Minderheit befindlichen Reviere mit vergleichsweise besseren Lebensraumbedingungen durch einen hohen Flächenanteil an Biodiversitätsflächen, sonstigen Biotopinseln und kleinflächiger, vielfältiger Fruchtfolge können teilweise auf bessere Strecken hoffen, wie z.B. der Bezirk Bruck/Leitha. Doch auch nur dort, wo diese vorteilhafte Struktur durch intensive Raubwild-, Raubzeug- und Rabenvogelbejagung wirkungsvoll unterstützt wurde.

Das Jahr 2017 bestätigt damit eindrucksvoll die signifikante Korrelation zw. Lebensraum/Beutegreifer und Niederwildbesatz. Dies umso sicherer, als in diesem Jahr eine eher günstige Witterung während der Aufzuchtphase vorherrschte und zumindest die Witterungsextreme keinen wesentlichen Einfluss ausüben konnten. In wie weit die geringere Insektendichte aufgrund der Trockenheit Einfluss nahm gilt es zu untersuchen, kann jedoch nicht derartige Dimensionen auslösen.

Als kurzfristige Maßnahme liegen die Jagden sicherlich mit einer verhaltenen dem Besatz angepassten Bejagung richtig. Als rasche Lebensraummaßnahme wäre die Einflussnahme auf die Anzahl, Lage und Verteilung der Biodiversitätsflächen sowie deren schonende Bewirtschaftung zu nennen. Mittelfristig fordern wir eine zusätzliche Prädatoren Kontrolle durch eine sinnvolle und wissensbasierte Greifvogelbejagung, um dieses aus dem Ruder gelaufene Gleichgewicht zwischen Beutegreifer und Beutetiere wieder herzustellen. Einzelne Greifvögel Arten haben in ihrer Rolle als Kulturfolger zu einer Verarmung der Brutvogelarten geführt und sind im Begriff, der Vielfalt und dem Artenschutz kontraproduktiv entgegen zu wirken.

Langfristig werden nur signifikante Lebensraumveränderungen unter Bedachtnahme auf die land- und forstwirtschaftlichen Bewirtschaftungserfordernisse, d.h. einer angemessenen Abgeltung im Falle von Bewirtschaftungserschwernissen und Ertragseinbußen, zu einer Trendwende führen.

BJM-Stv. DI Dr. Johann Blaimauer
Vorsitzender Fachausschuss Niederwild

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