Ein Litschauer Aussteiger, der den Wiener Heurigen erst so richtig gemütlich gemacht hat

Es steht wieder einmal vor der Tür: das "Schrammel.Klang.Festival" an den Ufern des Litschauer Herrensees. Traditionelle und innovative Darbietungen mit sehr unterschiedlichen Künstlern zollen einer Musikerdynastie Tribut, die als die klassischen Wiener Heurigenmusiker gelten: den "Schrammeln".

Warum aber findet diese Veranstaltung nicht in einem Wiener Heurigenort wie Grinzing, Nussdorf oder, wenn es denn unbedingt sein muss, Stammersdorf statt? Warum in der nördlichsten Stadt Österreichs, die ja aufgrund ihres Klimas nicht gerade für ihren Weinbau (auch wenn es beim Kulturbahnhof einen einsamen, aber umso kultigeren Weinstock gibt), sondern eher für Fischteiche oder Golfplätze bekannt ist? Die Erklärung ist naheliegend: Erstens stammt Kaspar Schrammel, der Vater der bekannten Schrammelbrüder Johann und Josef aus Litschau - sein Geburtshaus steht bis heute etwas außerhalb der Stadt und kann über einen Spazierweg vom westlichen Herrenseeufer aus erreicht werden - und zweitens hat der äußerst rührige Zeno Stanek, seines Zeichens Regisseur und ehemaliger künstlerischer Leiter des Theater Brauhaus im benachbarten Hörmanns, mit dramatischen Veranstaltungen verschiedenster Art unermüdlich an der Belebung der Region gearbeitet, so auch durch die Erfindung des oben genannten Events.

Doch zurück zu den Ursprüngen der „Schrammelmania“. Es soll ja nicht vergessen werden, dass Kaspar Schrammel (wenn auch indirekt) den Grundstein für die Wiener Heurigenmusik in ihrer heutigen Form gelegt hat, was folgendermaßen kam:
Schrammel war neben seiner Landwirtschaft auch Weber, wie bereits sein Vater vor ihm. Dies war ein damals im Waldviertel durchaus häufiger Beruf, bildete dieser Landstrich doch ein Zentrum der Textilherstellung aus Flachs und Hanf (die teilweise bis heute erhaltenen "Hoarstuben" geben ja davon Zeugnis). Seit Gerhart Hauptmanns Drama "Die Weber" haftet diesem Berufsstand jedoch der Beigeschmack von Ausbeutung und sozialem Elend an, was wohl keine künstlerische Erfindung des Dramatikers war, sondern die Realität zur Zeit der industriellen Revolution. Kaspar Schrammels Leidenschaft bildete allerdings nicht sein Brotberuf, sondern sein - wie man es heute bezeichnen würde - Hobby (oder vielleicht auch Nebenerwerb): Er trat seit seiner Kindheit mit der Klarinette bei Dorffesten auf und stellte Ersatzteile für dieses Instrument her. Sein musikalisches Können verschaffte ihm in der Gegend bereits eine gewisse Berühmtheit. Mit 22 Jahren heiratete er und wurde Vater eines Sohnes, Konrad. Als dieser erst vier Jahre alt war, starb die Mutter, Josefa, an der so genannten „Weberkrankheit“, der Tuberkulose.

Mit 35 Jahren (also nach durchaus langem Zögern) fasste Kaspar Schrammel den Entschluss, alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen, er wurde nach moderner Diktion zum Aussteiger. Er verließ Litschau und zog mit seinem damals 13-jährigen Sohn nach Wien, wo er als Profimusiker Fuß fassen wollte. Heute hätte er unter Umständen die Chance gehabt, sein „Supertalent“ in Castingshows der Öffentlichkeit zu präsentieren, damals musste er den steinigen Weg des ernsthaften, aufstrebenden Unterhaltungskünstlers gehen. Mit einem kleinen Orchester spielte er (teilweise unter dem Pseudonym „Ländler-Kaspar“) in Lokalen, sorgte auch dort mit seiner Virtuosität für Aufsehen und hielt sich damit zumindest so weit über Wasser, dass er 1853 erneut heiraten konnte - und zwar die um zwanzig Jahre jüngere Sängerin Aloisia Ernst, die ihm - noch unehelich - bereits zwei Söhne geboren hatte: Johann und Josef. Die rückwirkende Legalisierung der beiden unehelichen Kinder war ein weiterer Schritt des Kaspar Schrammel, in der Reichshauptstadt als allseits respektierter Musiker Fuß zu fassen. Nachdem sein mittlerweile erwachsener, als Geiger ebenfalls nicht untalentierter Sohn Konrad seine Soldatenkarriere nach einer Schussverletzung am Arm an den Nagel gehängt und eine eigene Familie gegründet hatte, konzentrierte sich der Vater vollends auf die beiden höchst talentierten jüngeren Kinder. Bereits mit neun und elf Jahren traten diese erstmals mit ihrem Vater bei einem Benefizkonzert auf – der erste Schritt in eine Karriere, die sie ihr Leben lang verfolgen sollten. In weiterer Folge tat der äußerst professionell vorgehende Kaspar Schrammel etwas Unkonventionelles, für das ihn einige seiner Freunde für verrückt erklärten: Er sparte eisern und investierte alles, was ihm möglich war, in die fundierte musikalische Ausbildung seiner Söhne am damals schon arrivierten Konservatorium der Musikfreunde. Sie wurden so zu professionellen Violinisten und Sängern ausgebildet, ein Vorgehensweise, die in der Szene der Vorstadt-Wirtshaus-Orchester doch eher unüblich war.

Und doch fand die Ausbildung nach einigen Jahren ein Ende, als am Konservatorium bekannt wurde, dass die beiden jugendlichen Studenten gemeinsam mit dem Vater und anderen Verwandten sich ihren Lebensunterhalt und die Studiengebühren in Vorstadt-Wirtshäusern vor Fiakern erspielen mussten, ein Umstand, der zum Ruf der noblen Lehranstalt nicht so recht passen wollte.
Der Mut, Neues auszuprobieren und eingefahrene Geleise zu verlassen, schien Johann und Josef aber in die Wiege gelegt worden zu sein, und so erfanden sie die Instrumentenzusammensetzung des klassischen "Schrammelquartetts", mit der sie große Berühmtheit erlangten. Dieses Quartett besteht in seiner klassischen Form bis heute aus zwei Geigen, einer Kontragitarre, einer Klarinette - in G gestimmt und schon zu Kaspar Schrammels Zeiten im Waldviertel „picksüßes Hölzl“ genannt - sowie später (als Ersatz für die Klarinette) einer Ziehharmonika.

Kaspar Schrammel überlebte seine berühmten Söhne, ist aber heute mehr als Wegbereiter denn als Urheber der typischen Wiener Heurigenmusik bekannt - doch wer weiß, welche Musik ohne seinen Mut, sein vorgezeichnetes Leben zu verlassen, in traditionsbewussten Heurigenlokalen gespielt würde? Gäbe es gemäß dem Butterfly-Effekt den Heurigen in seiner gegenwärtigen Form denn überhaupt, wenn Kaspar Schrammel ein braver, aber bedeutungsloser Weber geblieben wäre? Wer weiß…

Wo: Herrensee, Litschau auf Karte anzeigen
Autor:

Christian Vajk aus Gmünd

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