24.01.2012, 00:00 Uhr

„Wir fahren unsere Zivilisation an die Wand“

Tschechien hält an Kernenergie fest. Österreichische Experten befürchten das Schlimmste

RAABS (pez). Massiver Reaktor-Ausbau in Tschechien, die Diskussion um ein Importverbot von (auch tschechischem) Atomstrom in Österreich und ein geplantes Atommüll-Endlager nur 30 Kilometer von der Grenze zum Waldviertel: Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern haben in der Kernenergie-Debatte jüngst wieder stark gelitten. Um den Streit wieder sachlicher zur führen, holte die Europabrücke Raabs vergangene Woche Experten beider Länder an einen Tisch. Eines vorweg: „Wir werden die Atomenergie weiter betreiben und weiter entwickeln“, stellt Tomáš Žák, Direktor des Kernkraftwerks Dukovany, gleich zu Beginn klar.

Tschechien rückt nicht von Atom-Plänen ab
Der Kreishauptmann (entspricht einem Landeshauptmann in Österreich) der Vyso
ina JiYí Bhounek hält Österreichs Ambitionen nach Energieunabhängigkeit für unrealistisch: „Hat Österreich eine klare Strategie, wo es die Energie herbekommt?“ Und: „Ich weiß nicht, ob die Atomenergie die beste ist. Aber wenn wir die Emission von Treibhausgasen nicht stoppen, wird es keine Angst vor Atom-energie mehr geben, denn dann wird uns die UV-Strahlung verschlingen“.
Risikoforscher Wolfgang Kromp von der Universität für Bodenkultur warnt hingegen vor den Folgen der Kernenergie: „60 Kilometer von Fukushima entfernt waren die Kühe Sondermüll. Kontaminierte Hunde mussten getötet werden. Die Menschen dort leben in einer post nuclear Warzone (einem Kriegsgebiet nach dem Einsatz von Kernwaffen, Anm.). Diese Menschen müssten sofort evakuiert werden.“ Sollten wir unseren Energiehunger nicht besänftigen, sieht der Experte schwarz für die Zukunft der Menschheit: „Wir fahren unsere Zivilisation an die Wand!“

Das sagen Experten beider Länder:

Tomáš Žák, Direktor des Kernkraftwerks Dukovany:
„Wir sind so weit gekommen, dass die Atomenergie die billigste und sauberste ist, wenn sie so durchgeführt wird, wie es sein soll. Stellen Sie sich vor, es kommt eines Tages kein Strom mehr aus der Steckdose. Das halten wir vielleicht einen Tag aus. Den größten Wert würden später dann Waffen haben.“

Dana Drábová, Vorsitzende der staatlichen Atomsicherheitsbehörde in Tschechien: „Das Risiko wird nie null sein. Fukushima wird uns eine große Lehre und ein Instrument sein - auch wenn es zynisch klingt - dass andere Länder ihre Technologie verbessern können. Aber wir werden erst in Monaten wissen, was in den Reaktoren tatsächlich abgelaufen ist.“

Emmerich Seidelberger, Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften, Boku: „Energetik ist keine rein technische Angelegenheit. Sie ist ein hoch soziales Thema, und sie muss sozial und ökologisch vertretbar sein. Wenn wir verantwortungsvoll handeln wollen, müssen wir den Müll, den wir produzieren, auch wieder wegräumen.“

Endlager nur in der Mitte des Landes

„Atomenergie sollten nur jene Länder betreiben, die ihre Endlagerstätte in der geographischen Mitte des Landes platzieren“, fordert Othmar Schlager, der Geschäftsführer der Energieagentur der Regionen aus Waidhofen und protestiert damit gegen die Pläne Tschechiens, ein Atommüll-Endlager an der Grenze zum Waldviertel zu errichten. Ähnliche Stimmen kommen vom Energiestammtisch: Gottfried Brandner rät dazu, bei der Wahl des Stromanbieters auf die Zusammensetzung zu achten: „Beispielsweise ist der Verbund der größte Importeur von Atomstrom in Österreich. Jeder von uns hat aber die Möglichkeit, mit einem Anbieterwechsel in seinem persönlichen Bereich etwas zu tun, und diese Chance sollten wir nutzen“, so Brandner. Der nächste Energiestammtisch findet am 2. Februar, um 19.30 Uhr in der Pizzeria Venezia statt. Das Thema: Solarstrom vom eigenen Dach.
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