Die Welt mit gespitztem Bleistift sehen

Der Gratkorner Künstler Gottfried Thum ist ein Meister mit Öl, Buntstiften und Bleistift und kreierte eine eigene Stilrichtung.
7Bilder
  • Der Gratkorner Künstler Gottfried Thum ist ein Meister mit Öl, Buntstiften und Bleistift und kreierte eine eigene Stilrichtung.
  • hochgeladen von Edith Ertl

Mit der digitalen Welt kamen neue Berufe, andere starben aus. Die Zunft des Chemiegraphen gibt es heute nicht mehr, das Berufsbild wurde vor 20 Jahren in die Ausbildung für Mediengestalter integriert. Gottfried Thum hat diesen Beruf noch erlernt und bis zu seiner Pensionierung ausgeübt. Präzision und ein Gefühl für Formen und Farben waren dafür Voraussetzung. Diese Fähigkeit findet sich auch in seinen Bildern. Der Gratkorner ist ein Künstler, dessen geometrisch durchkomponierte Bleistiftzeichnungen und Collagen sich kaum einer Kunstrichtung zuordnen lassen.

Ähnlich dem Pointilismus, wo Farbtupfer ein Ganzes ergeben, setzt Thum feine Striche. Ein herkömmlich Ganzes lässt der 84jährige aber nicht zu. Kopflose Menschen, verschlungene Figuren mit menschlichen Zügen, kuriose Gliedmaßen oder geometrisch wunderlich angeordnete Landschaften entstehen unter seiner Hand, exakt  mit Buntstiften gezeichnet bis zum Faltenwurf. Seine zeitkritischen Betrachtungen sind gespickt mit Satire. „Ich bin ein satirisches Mensch“, lacht Thum. „Jeder Mensch hat zwei Augen, der Künstler aber hat drei. Das dritte Auge ist das geistige Auge im Gehirn, mit dem er weit, tief und breit sehen und Botschaften vermitteln kann“.

Thum wurde 1936 in Graz geboren und erlebte als Kind die Schreckenszeit des Zweiten Weltkrieges. „Wir sind am Schulweg von Tieffliegern beschossen worden“, erinnert er sich an seine schwere Kindheit. „Bomben fielen auf den Jakominiplatz, durch die Detonation flogen Kassazetteln aus einem Geschäft bis  nach Kroisbach“. 1950 trat er seine Lehre zum Chemiegraphen an. „Wir haben die Bilder Alter Meister mit einer Holzkamera fotografiert und sie für den Druck in Büchern aufbereitet. Heute machen das Computer. Man kann sich das nicht mehr vorstellen. Aber damals trugen wir unschätzbare Bilder von Klimt, Schiele oder Waldmüller vom Joanneum einfach über die Straße zur Bearbeitung bei uns“. Hier wurden die Klischees hergestellt, die für den Buchdruck aufbereitet wurden. „Cyanblau, Magenta und Yellow sind die Grundlagen für den Farbdruck, auch heute noch“, erklärt Thum. Auf der Rückseite einer Zeichnung von Klimt stand noch der Preis, den ein Käufer dafür zahlte: 7.000 Schilling (heute 509 Euro). „Ein gebrauchtes kleines Auto konnte man sich damals schon dafür kaufen, aber heute würde man dafür mehrere Luxuslimousinen bekommen“, lacht Thum.

Thums Lieblingsmaler ist der 1992 verstorbene Francis Bacon, dessen Bilder u.a. in der National Portrait Gallery London zu sehen sind. Bacon, dessen Werke deformierte menschliche Körper darstellen, zählt zu den bedeutendsten Malern des 20. Jahrhunderts. „Seine Verzerrungen faszinieren mich, sie neigen zur Satire“, sagt Thum. Hier schließt sich der Kreis, denn Kunst darf auch zeitkritische Betrachtungen mit schwarzem Humor sehen. Kopflos läuft im übertragenen Sinn wohl jeder einmal herum, bei Thum aber wird dieser Zustand mit Bleistiftstrichen zur exzellenten Kunst. Kontakt: 0650-7407055.

Autor:

Edith Ertl aus Graz-Umgebung

following

Du möchtest diesem Profil folgen?

Verpasse nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melde Dich an, um neuen Inhalten von Profilen und Bezirken in Deinem persönlichen Feed zu folgen.

11 folgen diesem Profil

Regionaut werden!

Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?
Werde Regionaut!

Regionaut werden!



Kommentare

online discussion

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Wirtschaft

Corona-Krise gemeinsam meistern
Hilfe vor Ort mit dem österreichweiten Netzwerk #schautaufeinander

In Ausnahmesituationen wie diesen stehen die Menschen zusammen und helfen sich gegenseitig. Die Regionalmedien unterstützen dies in allen Bundesländern und Bezirken Österreichs mit dem Netzwerk #schautaufeinander. Hier könnt Ihr Dienste suchen oder anbieten, die uns gemeinsam durch diese Krisenzeiten helfen. Du suchst jemanden, der/die notwendige Lebensmittel nach Hause liefert? Du willst dich in deiner Nachbarschaft nützlich machen, oder gibst online Nachhilfe? Dann poste doch deinen...

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Du möchtest selbst beitragen?

Melde Dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen