Gschichtln vom Rotkäppchen und anderen Problemen

Wie ich schon erzählt habe, waren nicht viele Kinder in
meiner ersten Klasse.
Deshalb erinnere ich mich noch genau an Einiges,
was mir da so alles unterkam. Man muss sich vorerst
einmal vorstellen, dass ich als „Stadtmensch“ in eine
Landschule kam und auch vom ländlichen Leben auf
den Bauernhöfen keine Ahnung hatte. Ein Großteil
der Kinder kam aber aus diesem Milieu. Und da
bin ich des Öfteren ins „Fettnäpfchen“ getreten!

So war da zum Beispiel die Michaela. Man merkt sich seltsamerweise
manche Namen, weil sie mit besonderen Vorfällen verbunden sind.
Michaela war ein großes, sehr dünnes und sehr farbloses Mädchen,
gänzlich unauffällig im Unterricht. Sie wohnte in einem Bauernhof gleich
hinter dem Schulhaus. Sie fiel mir deswegen auf, weil ihr ständig die
Nase lief und die anderen Kinder sie deswegen auslachten. So sagte
ich einmal, sie solle doch schnell nach Hause laufen und ein Taschentuch
holen. Sie kam kurz darauf zurück und sagte mit leiser Stimme;
“die Mama hat gesagt, wir haben keines.“
Man kann sich nicht vorstellen, wie sehr ich mich geschämt habe, dass
ich sie in diese Situation gebracht hatte. Später erfuhr ich erst die
familiäre Situation auf diesem Bauernhof: die Mutter war durch einen
Unfall gelähmt und saß im Rollstuhl und der Vater war mit Haus und Hof
restlos überfordert. Natürlich konnte ich das nicht wissen, aber für die
Zukunft hatte ich aber immer ein Taschentuch für Michaela dabei!

Eine Geschichte erzählt vom Zeichenunterricht. Ich hatte damals die
Erlaubnis des Direktors, dass sein jüngster Sohn in der Zeichenstunde in die
Klasse durfte. Für ihn war es eine Abwechslung, denn einen Kindergarten gab
es in der Nähe nicht. Und so saß Jürgen bei den anderen Kindern und lauschte
begeistert dem Märchen vom Rotkäppchen, welches ich den Kindern vorlas.
Anschließend sollten sie darüber etwas zeichnen.
Als ich so herumging, um zu sehen, was die Kinder so zeichneten, kam ich zu
Jürgen. Er bemalte das ganze Zeichenblatt grün. Auf meine Frage, warum er
denn nur den Wald und nicht das Rotkäppchen, den Wolf oder Großmutters
Haus zeichne, kam folgende Antwort: „Mei, Frau Lehrerin, bist du aber blöd!
Die kann ich ja nicht zeichnen, denn die sind ja im Wald drinnen und die sieht
man nicht.“ Was sollte ich darauf sagen? Ich musste herzlich über seine
kindliche Logik lachen.

So wechselte Ernstes und Heiteres im Alltag ab und es gäbe noch sehr viel
mehr zu berichten. Ich wünsche euch ein angenehmes Wochenende und
grüße euch recht herzlich.

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