08.11.2016, 17:11 Uhr

Es gibt bei uns keine Armen?!?!?

Einmal über die Armut zu schreiben angeregt hat mich der Beitrag der Regionautin Elfriede Endlweber aus Graz-Umgebung „Hl. Elisabeth“, in dem sie im Schlusssatz schreibt: „In unserer Zeit ist es sicher nicht falsch, sich dieser Heiligen zu erinnern. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil in Österreich die „versteckte“ Armut immer größer wird.“


Stimmt es?

Es ist fast unmöglich, über Armut zu reden. Das liegt auch daran, dass die Debatten über die Unterschicht von denen geführt werden, die noch nie in ihrem Leben unten waren. Sagen wir es gleich am Anfang frei heraus: Ja, in unserem Land gibt es Armut, und sie breitet sich immer weiter aus.

Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende, Ausländer, Schulversager, kinderreiche Familien – sie alle sind davon betroffen. Genauso wie Menschen aus der bislang für sicher gehaltenen Mitte der Gesellschaft: Leute, die Arbeit haben, aber schlecht bezahlt werden, Akademiker mit Doktortitel, die keine Anstellung finden, Facharbeiter, die nach zwanzig oder dreißig Jahren ihren Job verlieren jetzt in Armut leben müssen.

Das Zusammenleben in unserer Gesellschaft wird härter und unsolidarischer. Die Gesellschaft teilt sich wieder in „die da oben“ und „die da unten“, in Gewinner und Verlierer. Die alten Klassengegensätze sind zurück.
Warum gibt es angesichts dieses gesellschaftlichen Skandals eigentlich keinen lauten Aufschrei? Warum geht niemand auf die Straße und klagt an, wen auch immer?

Geht es uns wirklich zu gut? Sind wir für den hemmungslosen Widerstand nicht gemacht? Oder haben wir nach den Zumutungen der letzten Jahre schon resigniert? Weder das eine noch das andere: die Lage ist komplizierter. Man wird ständig veranlasst zu betonen, dass wir reich sind. Als wäre das Problem der Armut dadurch gelöst. Dabei wird es nur komplizierter. Das Problem wird relativiert, bis es so klein ist, dass man es nicht mehr erkennen kann.

Es gibt erwerbsfähige hilfsbedürftige und nicht erwerbsfähige hilfsbedürftige. Menschen aus bildungsfernen Milieus: z.B. Menschen mit Migrationshintergrund, die alte Unterschicht, die neue Unterschicht. Alles gibt es, aber um Himmels willen keine Armen! Die Begriffe sollen suggerieren, die Gesellschaft habe das Problem im Griff. Wir sehen schon lange nicht mehr genau hin, wenn uns der junge Punker in der Fußgängerzone anbettelt, wir denken, er könnte es mit Arbeit doch wenigstens mal versuchen.

Und dass es in diesem Land zehntausende Kinder gibt, die hungern, die Montag für Montag mit Magen-knurren in die Kindergärten und Schulen kommen, weil sie zu Hause nicht ausreichend zu essen haben oder niemand sich um sie kümmert, daran glauben wir einfach nicht. Es gibt ja keine Armen bei uns und Hunger leiden muss hierzulande schon gar niemand. Gestern sagte im Fernsehen ein österreichischer Banker wörtlich: „ich bin in der Lage, mir exklusives Essen zu leisten, ohne dass es mein Einkommen wesentlich belastet.“ Ich habe mich bei diesem Outing für ihn geschämt.

Der eklatante Mangel an sozialer Empathie ist übrigens nicht neu, und er hat einen Grund. „Wir sind arm an Wissen über Armut“.

Das liegt wiederum daran, dass die Debatten über die Unterschicht von denen geführt werden, die noch nie in ihrem Leben unten waren. Journalisten, die in Talkshows behaupten, das wahre Elend am Rande unserer Gesellschaft sei gar keine Armut im Portemonnaie, sondern eine Armut im Geiste, erhalten allein als Honorar für 45 Minuten Fernsehdebatte 600 Euro – mehr Geld, als die Menschen, über die sie reden, für den ganzen Monat zur Verfügung haben.
Aus der Perspektive von oben verschwimmen ganz schnell die feinen Unterschiede, die für viele Menschen im Alltag existenziell sind. In dieser Reichenwelt sind 10 Euro Rezeptgebühr kein Problem, mit Verschärfung von Armut haben sie schon gar nichts zu tun. Dahinter verbirgt sich nicht nur eine Wahrnehmungsschwäche, sondern ein Grundproblem.

Andere Lebenswelten als die eigenen werden nicht mehr richtig wahrgenommen. „Die große Mehrheit der Reichen hat ausschließlich Freunde, die auch reich sind“.

Was die Betroffenen am allerwenigsten benötigen, ist unser Mitleid. Wir können uns von der Armut unter uns weder durch Mitgefühl noch mit Geld frei-kaufen. Aber genaues Hinsehen könnte helfen, das Problem in seiner Schärfe erst einmal wahrzunehmen. Dies ist noch kein Beitrag zur Beantwortung der Frage, wie den Armen geholfen werden kann – aber eine wichtige Voraussetzung dafür. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass den Armen die Anerkennung ihrer Bedürftigkeit versagt bleibt, nur weil es am anderen Ende der Welt Menschen gibt, die noch viel weniger haben.

Stellen wir uns einfach vor, wir sehen unsere Gesellschaft mit den Augen der Betroffenen. Schon diese Perspektive enthält einen Maßstab für Gerechtigkeit: Das Ansehen eines Gemeinwesens bemisst sich am Wohl der Schwachen. Ihnen muss die gleiche Würde zuerkannt werden wie den Starken.

Im Gedenken an die Hl. Elisabeth: ihr Einsatz wurde jedoch in Adelskreisen damals sehr kritisiert. Elisabeth wurde als arme Irre angesehen. Lassen wir uns nicht irre-machen.

Es grüßt Otto.
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helmut kanduth aus Murtal | 08.11.2016 | 17:27   Melden
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Roland Höfer aus Innsbruck | 08.11.2016 | 18:12   Melden
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renate krska aus Neubau | 08.11.2016 | 19:29   Melden
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Erika Bauer aus Bruck an der Mur | 08.11.2016 | 19:59   Melden
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Alois Knopper aus Klagenfurt | 08.11.2016 | 20:43   Melden
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Friedrich Klementschitz aus Leibnitz | 10.11.2016 | 16:55   Melden
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Alois Knopper aus Klagenfurt | 10.11.2016 | 20:48   Melden
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