15.10.2016, 20:25 Uhr

Ein Umweg der Erinnerung wegen…..

Schliersee (Deutschland): Schliersee |

8. Teil: Die Reise in meine Vergangenheit.


Von Aschau gäbe es einen kurzen Weg nach Kufstein. Nur plante ich einen Umweg über Schliersee, Bayrischzell, Thiersee nach Kufstein. Erstens, weil ich 1972, im Jahr der Mondlandung und der tragischen Olympiade München, in Schliersee wohnte. Zweitens, weil von Schliersee nach Kufstein eine der schönsten Alpenstraßen ist.

Wir machten noch kurz einen Besuch im Supermarkt, um Reiseproviant zu besorgen. Dabei konnten wir prüfen, ob das Leben in Deutschland wirklich billiger ist. Tatsächlich waren die gebräuchlichsten Lebensmittel, die uns bekannten Marken, um 15 bis 20% billiger. Wie kann das in unserer Wirtschaftsgemeinschaft sein? Bestimmt nicht deshalb, weil das gesamte Personal des Marktes aus älteren Menschen bestand. Wir staunten über das andere Geschäftskonzept.

Die Reise ging über die Autobahn Richtung München bis zum Irschenberg. Eine Strecke, die im Winter durch Verkehrsbehinderungen bekannt ist. Weiter über Miesbach, Hausham nach Schliersee. Hier versuchte ich meine Erinnerungen aufzufrischen. Die meisten Straßen sind noch immer schmal. Wohl gibt es neue Ortsumfahrungen, die meine Orientierung hinters Licht führten. Dann standen links und rechts der Straße neue Betriebsgebäude. Der früher so friedliche Landstrich wurde scheinbar durch die Wirtschaft entdeckt. Verschiedene Häuser fehlten, andere sahen neu aufgebaut, ganz anders aus. Zwischen drinnen wieder Bekanntes, z.B. die damalige Wohnadresse. Es ging bei der Durchfahrt durch den Ort allemal viel zu schnell.

Was kann ich mich weiter noch erinnern? Die Geschichte der Ortschaft Schliersee reicht weit zurück. Im Jahr 779 zogen fünf Brüder in die Wildnis der Berge und gründeten am sogenannten „Kirchbichl“ ein Kloster. Ihr Kloster nannten sie „Slyrse“. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die bayerische Sprache weiter und so entstand der heutige Name „Schliersee“. Die heutige Gegend um den Schliersee wurde dazumal als wüst und unbesiedelt beschrieben. Bei Ausgrabungen wurden Überreste einer menschlichen Siedlung gefunden, die bis in das 6. Jahrtausend vor Christus zurückdatiert werden konnten. Schliersee ist auch ein Kurort, ich erinnere mich noch an eine heilende Moorpackung.

Da war auch noch das Schlierseer Bauerntheater. Kultur pur beim Besuch seiner Theaterstücke in bayerischer Mundart. Das Gebäude direkt am Xaver-Terofal-Platz, habe ich im Vorbeifahren noch gesehen. Das Schlierseer Bauerntheater ist das älteste seiner Art in Deutschland. Der Besitz der kunstvollen Bühnenbilder begeisterte mich schon früher. Jeder Theaterbesucher war sofort mitten in das Geschehen hineinversetzt.

Es gab/gibt „Die Wörth“, auch Insel Wörth genannt, ist die einzige Insel im Schliersee. Die gut zwei Hektar große und dicht bewaldete Insel ist an der nächsten Stelle knapp 200 Meter vom westlichen Seeufer entfernt. Heute ein Hochzeitsparadies. Wer träumt nicht vom Hochzeitstag auf der eigenen Insel?

Schliersee selbst ist wie früher ein verkehrsreicher Ort mit wenigen Parkmöglichkeiten. Noch dazu war gerade richtige Zeit zur Kaffeepause, am besten auf einer Seeterrasse. Die Frechheit siegte. Beim größten Hotel sind wir auf den Privatparkplatz gefahren. Nach unserer Frage nach einer Parkmöglichkeit wurde uns vom Oberkellner persönlich eine befristete Parkerlaubnis ausgestellt. Bei der Abrechnung haben ihm dies mit einem dicken Trinkgeld abgegolten. Der Aufenthalt auf der Terrasse bei Kaffee und Kuchen war das wohl wert.

Wir wollten weiter zum schönsten Teil der Reise, die Fahrt Richtung Bayrischzell, dem Bergdorf unter dem Wendelstein. Die Ruhe in Bayrischzell, ein heilklimatische Kurort, regt zum Entspannen, die reine Luft belebt Körper und Geist und die herrliche ¬Natur regt zur Bewegung an. Bayrischzell liegt 800 m über dem Meer, umringt von herrlicher Bergkulisse in einem ruhigen und sonnigen Talkessel. Durch die Abgeschiedenheit ist die Natur dort noch pur erhalten. Bauernanwesen mit dem schönen Blumenschmuck erfreuten unser Auge. Die Ruhe der Umgebung und wenig Verkehr machten das Durchreisen schon zum Vergnügen.

Bei Ursprung ging es dann über die Staatsgrenze nach Landl und weiter nach Thiersee. Der Thiersee ist ein herrlich gelegener See und hat sehr sauberes Wasser. Aber leider auch nicht mehr gratis. Eine Aufsichtsperson fährt steht’s um den See, um das Badegeld zu kassieren. Abgesehen vom Parkgeld war das Sitzen am Ufer nicht kostenpflichtig.

Ich kenne Thiersee aus meiner Kindheit her, noch durch die Passionsspiele. Seit 1799 gibt es das traditionelle Passionsspiel. Seit über 200 Jahren steht die kleine Tiroler Gemeinde Thiersee alle sechs Jahre im Zeichen der Passionsspiele. Auch heuer war es wieder soweit und über 250 Laiendarsteller und Musiker stellten sich ganz in den Dienst des Glaubens, um Besuchern aus aller Welt das Leben und Leiden Jesu Christi hautnah zu vermitteln.

Um das Tal vor den Schrecken des Krieges zu bewahren, gelobten die Thierseer das Leiden und Sterben Jesu Christi in Form eines Mysterienspiels darzustellen. Seit damals haben die Passionsspiele nichts von ihrem ursprünglichen Zauber und ihrer Faszination verloren. Sowohl für die Mitwirkenden als auch für die vielen Zuschauer ist die Passion mehr als die bloße Aufrechterhaltung eines alten Brauchtums. Über eineinhalb Jahre intensive Probenarbeit nehmen die Mitwirkenden auf sich, um als Gemeinschaft ein unvergessliches Mysterienspiel zu ermöglichen. Über 250 Thierseerinnen und Thierseer aller Altersklasse brachten - für Außenstehende kaum fassbar - als Laiendarsteller, -musiker und -techniker ein Schauspiel auf die Bühne, das tief unter die Haut ging und nachhaltig beeindruckte.

Für mich selbst muß ich gestehen, war das Stück nicht Grund genug, unsere Reise zu unterbrechen. Unser Ziel war Kufstein.

Fortsetzung Kufstein folgt.
2
2
2
2
2
2
2
2
2
2 3
15
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Weitere Beiträge zu den Themen
Lesen Sie auch die Bildkommentare zum Beitrag
4 Kommentareausblenden
75.517
Erika Bauer aus Bruck an der Mur | 15.10.2016 | 20:29   Melden
16.982
Petra Maldet aus Neunkirchen | 15.10.2016 | 21:45   Melden
18.232
Gerhard Woger aus Deutschlandsberg | 16.10.2016 | 10:40   Melden
1.091
Daniela Hofer aus Wieden | 16.10.2016 | 16:44   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.