Was Betroffene wirklich brauchen!
Der große Demenz-Irrtum

Jede/r vierte Bürger/in über 80 Jahre und fast jede/r zweite über 90 Jahre lebt mit der Diagnose Demenz. Sie betrifft nicht nur die erkrankten Personen, sondern in ganz besonderer Weise auch deren persönliche Umgebung: Familie, Angehörige und Pflegende. Rund 130.000 Österreicherinnen und Österreicher leben derzeit mit demenziellen Beeinträchtigungen. Gesellschaft und Gesundheitssystem müssen sich aber schon jetzt darauf einstellen, dass sich diese Zahlen deutlich erhöhen werden, denn: Der wichtigste Risikofaktor ist die steigende Lebenserwartung. Bis zum Jahr 2030 wird sich die Zahl der Menschen mit Demenz etwa verdoppeln.

„Ein Mensch mit Demenz hört nicht auf Mensch zu sein. Wir brauchen als Gesellschaft einen anderen Umgang mit dem Phänomen
Demenz“, sagt der Demenz-Experte und diplomierte psychiatrische Gesundheits- und Krankenpfleger Raphael Schönborn.

„Das Hilfswerk ist der größte heimische Anbieter von Pflege zu Hause. Wir beobachten seit vielen Jahren die steigende Zahl an Menschen mit Demenz. Damit wir noch besser auf die speziellen Bedürfnisse der Betroffenen und ihrer (pflegenden) Angehörigen reagieren können, haben wir einen Fachschwerpunkt Demenz gesetzt“, sagt Sabine Maunz, Leiterin des Fachbereichs Pflege und Betreuung im Hilfswerk Österreich.

Die Entstigmatisierung von Demenz und die Information rund um Demenz ist dem Hilfswerk ein großes Anliegen. Die Online Service-Portale: hilfswerk.at/mehr-als-vergesslich/ und hilfswerk.at/ich-bin-dann-mal-alt/, die mobile Info-Initiative HILFSWERK ON TOUR, die Hotline 0800 800 820 und spezielle Beratungsangebote in den Bundesländern bieten einen breiten und niederschwelligen Zugang zum Thema an.

Demenz in jeder Familie

Im Umgang mit Demenz macht Othmar Karas, Präsident Hilfswerk Österreich, drei grundlegende Irrtümer aus. Das Phänomen Demenz müsse jedoch in seiner Komplexität, seiner demographischen wie gesundheitspolitischen Bedeutung und in seinen gesellschaftlichen Auswirkungen neu betrachtet werden. Das sei, so Karas, ein wichtiger Beitrag zur inhaltlichen Ausrichtung einer Reform des Pflegesystems. 

Irrtum 1: Demenz ist eine Erkrankung, die bedauerlicherweise Einzelne im Alter trifft.

„90 Prozent aller Menschen mit Demenz sind über 80 Jahre alt. Je älter die Gesellschaft wird, desto weniger wird Demenz zum Einzelfall, sondern zum familiären Regelfall. Wir dürfen Demenz, Betroffene und Angehörige nicht in Sonderzonen verbannen oder verdrängen. Demenz spielt sich mitten in der Gesellschaft ab. Und so müssen wir ihr auch begegnen“, fordert Karas.

Irrtum 2: Je mehr Vorzeigeprojekte wir haben, umso besser.

Vorzeigeprojekte und Modelle sind wunderbar und wichtig. Sie eröffnen neue Möglichkeiten und Lernräume, sie erproben neue Handlungsoptionen und entwickeln neue Qualitäten, sie illustrieren plastisch optimale Strukturen und Prozesse. Aber angesichts von derzeit 130.000 Menschen mit Demenz in Österreich brauchen wir vor allem flächendeckende Angebote, die rasch und bedarfsgerecht die Lage für möglichst viele entschärfen.

Irrtum 3: Erhöhung des Pflegegelds erst ab der Stufe 4

Demenz ist mit 30 Prozent die häufigste Ursache von Pflegebedürftigkeit, wobei sich mehr als 50 Prozent der Betroffenen ab dem 65. Lebensjahr in den Pflegestufen 1, 2, und 3 befinden. „Wenn uns die Pflege zu Hause und die pflegenden Angehörigen ein ernsthaftes Anliegen sind – dann ist mit einer Erhöhung des Pflegegeldes erst ab Stufe 4 nichts erreicht. Viele Menschen mit Demenz würden nichts von der Erhöhung spüren“, meint Karas. Die signifikante Erhöhung des Pflegegeldes in allen Stufen ist eine Mindestanforderung hinsichtlich Weiterentwicklung des Pflegegeldsystems. Ein Akt der Fairness speziell gegenüber jenen, die zu Hause pflegen und mit ihren Ressourcen selbst wirtschaften müssen. 

"Die Politik ist gefordert, den nötigen Rahmen zu gestalten, in dem qualitativ hochwertige Betreuung und Pflege insbesondere auch für Betroffene von Demenz und deren Angehörige möglich ist. Aus Sicht des Hilfswerks spielen der rasche und flächendeckende Ausbau niederschwelliger Unterstützungsangebote und die Weiterentwicklung des Pflegegeldsystems dabei eine Schlüsselrolle. Der Masterplan Pflege bietet die Chance dazu! Aber sie muss auch genutzt werden!", so Othmar Karas abschließend.


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