Sind pflegende Angehörige eine Selbstverständlichkeit?

Pflegende Angehörige. Der Pflegealltag bringt körperliche und seelische Belastungen. Pflegestammtische und Selbsthilfegruppen können diesen Belastungen entgegenwirken und dabei helfen, Krisen zu überwinden.

Frau B. ist 63 Jahre alt, sie lebt mit ihrem Mann auf einem Bauernhof, die Viehwirtschaft existiert nicht mehr, der Mann ist nach vielen Jahren schwerer körperlicher Arbeit in Pension – die Ehe ist kinderlos geblieben. Sie war immer nur zu Hause, hatte ein schweres Leben neben der Schwiegermutter, die nun in einem Pflegeheim untergebracht ist, weil sie es nicht geschafft hat neben ihren beiden pflegebedürftigen Eltern, welche nur unweit in ihrem Heimathaus leben, auch noch die Schwiegermutter mit ihrer zunehmenden Gebrechlichkeit und vermehrten Stürzen zu betreuen. Sie schämt sich dafür, eigentlich – so ist sie überzeugt, hätte sie das alles schaffen müssen – die Wirtschaft, den Haushalt, die Partnerschaft, die Pflege von drei Angehörigen, zwei davon bettlägerig und alle drei teilweise geistig verwirrt und mit völlig unterschiedlichen Schlaf-Wach-Rhythmen.

Selbstzweifel, Ängste, Überforderung


So fährt Frau B. täglich mehrmals für mehrere Stunden in ihr Elternhaus um sich zumindest dort einzubringen. Sie hat Angst um ihre Eltern, denn beide müssen immer wieder krisenhaft ins nahegelegene Krankenhaus, weil Entzündungen, Harnverhalten und unstillbare Schmerzen auch die mittlerweile zur Unterstützung geholte 24 Stunden-Pflege an die Grenzen bringen. Weshalb die Eltern noch nicht in einem Pflegeheim sind? Weil Frau B. bei der Übergabe des Elternhauses mitunterschrieben hat, dass die Mutter zu Hause bis zu ihrem Ableben betreut werden muss. Ob sie es bereut? – Nein – der Wille der Mutter steht über allem. Und die Mutter kann nicht ohne Vater sein. So stehen die beiden Pflegebetten eng nebeneinander in einem kleinen überwärmten Raum. Am liebsten würde sie alles, so wie früher, selber machen und sie versteht nicht, weshalb sie jetzt hier sitzt und ihr die Tränen über die Wangen fließen und sie diese nicht mehr stoppen kann. Sie zweifelt an sich und fragt sich was denn aus der starken Frau geworden ist, die früher alles stillschweigend geschafft hat. Jetzt kann sie nicht mehr. Sie hat ständig Schmerzen im Rücken, ihre Hände zittern, sie hat keinen Appetit mehr, schläft nur wenige Stunden um dann wieder hellwach in die Küche zu gehen und irgendetwas hin und her zu räumen und zu putzen. Das Handy liegt immer eingeschaltet in ihrer Nähe, sie könnte ja im Elternhaus gebraucht werden. Auf ihren Mann reagiert sie gereizt und an der 24 Stunden-Pflege nörgelt sie herum und stellt ständig dieselben Fragen. Ihre noch berufstätige Schwester kontaktiert sie nur selten, sie will sie nicht mit ihren Sorgen belasten.

Ein Einzelschicksal?

Nein - Frau B. ist nur eine von vielen pflegenden Angehörigen, die von der jahrelangen belastenden Situation überfordert sind und trotz aller Bemühungen unter dem chronischen Stress und der chronischen Belastung selbst sowohl körperliche als auch seelische Krankheitssymptome entwickelt haben. 

Eine Selbstverständlichkeit?

Nein! Die Pflege eines Angehörigen (Partners, Elternteil, Schwiegerelternteil, Großelternteil, Onkel, Tante, Schwager, Schwägerin, Kind) zählt wohl zu den größten Herausforderungen die jemand in seinem Leben zu bewältigen haben kann. Sozial ist sie wenig angesehen, oft wird sie als Selbstverständlichkeit betrachtet. Dabei ist die Familie der größte Pflegedienst im Staat. Ohne den Einsatz pflegender Angehöriger würde das System zusammenbrechen, wäre unfinanzierbar. Die größte Gruppe pflegender Angehöriger sind erwachsene (Schwieger-)Kinder (oft selbst bereits über 60 Jahre alt), die sich um ihre Eltern kümmern, gefolgt von Eheleuten die für ihren Partner sorgen, gefolgt von Eltern die ihre Kinder betreuen. Körperliche Belastungen durch Heben, Lagern etc. oft ohne Hilfsmittel haben Erkrankungen des Bewegungs-und Stützapparats zur Folge. Erforderliche Arzt- und Behandlungstermine werden meist verschoben, weil die zu Pflegenden nicht alleine gelassen werden können. Ganz zu schweigen von der hohen psychischen Belastung durch das Erleben von Hilflosigkeit und Ohnmacht in Situationen in denen man nahestehende Menschen leiden sieht. Sprachlosigkeit, da man den zu Pflegenden nicht sagen kann und möchte, dass sie zur Belastung geworden sind. Auch umgekehrt wird dieses Thema von den Betroffenen meist gemieden. Soziale Isolation in Folge der „Unabkömmlichkeit“ wirkt sich zusätzlich erschwerend aus. Noch schwieriger wird es, wenn es sich um die Pflege und Betreuung eines an Demenz erkrankten Angehörigen geht, denn dann erlebt man täglich den schrittweisen Verlust eines geliebten Menschen ohne darüber trauern zu können. Auch Aggressionen, die aus Hilflosigkeit und Überforderung entstehen, werden als beschämend erlebt und erschweren die psychische Situation.

Aber was tun um aus dieser Spirale herauszukommen?

Entscheidend ist, dass Sie sich als pflegende Angehörige bewusst machen welche zentrale Rolle sie im Helfernetz für ihre zu betreuenden Angehörigen einnehmen! Es ist auch wichtig, dass Sie ihre eigenen Gedanken, Gefühle und Grenzen wahrnehmen und den geeigneten Menschen mitteilen.

Unterstützung suchen

Pflegestammtische, Selbsthilfegruppen für Angehörige von Demenzkranken und andere Angebote wurden ins Leben gerufen um diesen Belastungen entgegen zu wirken. Sie werden Großteils sehr gut angenommen.
Zusammenarbeit mit den regionalen professionellen Pflegediensten und den gerontopsychiatrischen Fachdiensten können sehr entlasten.
Im Sinne einer guten Selbstfürsorge kann es auch notwendig sein die Schwelle zu überschreiten psychologische, psychotherapeutische und/oder ärztlich/psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Diese kann helfen Krisen zu überwinden und Lösungen zu finden, die der herausfordernden Situation gerecht werden.

Autorin: Dr. Eva Tröbinger, Stellv. ärztl. Leitung – Psychosoziale Dienste Hilfswerk Steiermark, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie

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