WOCHE-Familienflüsterer
Cool bleiben und warten – Über die Kunst der Gelassenheit

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Ruhig und überlegend bleiben: Familienflüsterer Philip Streit hat Tipps, wie es gerade in diesen Zeiten gut klappen kann.

Gerade jetzt sind Menschen gefordert: Man sollte ruhig, überlegend und gelassen sein und sich verzichtend zurückhalten. Das ist derzeit, und grundsätzlich auch in anderen Zeiten, höchst vernünftig, doch es fällt nicht so leicht. Wenn die Verbindung zwischen unserem Gefühlssystem, dem Belohnungszentrum, dem Angstzentrum und dem Großhirn außer Balance gerät, geht uns das Fass über. Üblicherweise passiert das sowohl bei Freude als auch bei Angst.

Positive Selbststeuerung

Angst ist grundsätzlich auch sehr wertvoll für Menschen, den sie tritt bei uneindeutigen Gefahrensituationen auf und mobilisiert die Energie zum Handeln. Unser Großhirn bewertet und bearbeitet dann die aus dem Gefühlssystem aufsteigenden Angstimpulse. Das tut es mithilfe eines Systems, das wir das „Obere-Selbst“, früher auch oft „Über-Ich“, nennen. Seine Leitsätze bestimmen dann unser Denken, Handeln und auch Fühlen. Je nachdem wie stark positiv ausgeprägt dieses Selbst ist, wird aus unseren von unten kommenden Angstimpulsen Wut, Ärger, Zorn, Angriff, Erstarren oder Gelassenes, wohlwollendes, wachsames Handeln, das gerade jetzt gefordert ist. Unsere Reaktion hängt also von der Struktur unseres Selbst ab. Haben wir große wohlwollende Sätze parat, steigt unsere Selbststeuerung und auch unser Wille, Wut und Co zurückzuhalten, wird gestärkt.

Zum Glück ist es so, dass die Stärke unserer Selbststeuerung und unseres Willens ist, keine genetisch vorgegebene Tatsache ist. Selbststeuerung erlernen wir und können sie auch weiterentwickeln. Die Neurowissenschaft ist sich einig darüber, dass eine positive Selbststeuerung vor allem durch möglichst viele gute und positive Interaktionen mit Anderen gestärkt wird. Ein starkes positives Selbst hat großen Einfluss auf unsere Handlungsimpulse, erscheinen diese auch oft unbewusst. Wir selbst haben es in der Hand, wie wir auf herausfordernde Situationen reagieren.

Tipps

Hier nun einige Tipps, wie Sie, selbst in sehr herausfordernden Situationen, ruhig und gelassen bleiben können:
1. Arbeiten Sie daran die Gefühle, die in Ihnen aufsteigen zuzulassen und einmal so zu nehmen wie sie sind.
2. Das gelingt am besten, indem Sie achtsam mit sich selbst und auch mit anderen umgehen und sich und die anderen wertschätzen.
3. Versuchen Sie dann die Gedanken, die hinter diesen Gefühlen stecken, sie möglicherweise ausgelöst haben, zu erkennen. Diese sind oft unbewusst.
4. Versuchen Sie in Folge diese Gedanken positiv umzuformulieren. Nicht „Das ist jetzt das Ende“, sondern „Das ist ein erster Schritt in die weitere positive Zukunft“.
5. Pflegen Sie Ihre positiven Kontakte. Suchen Sie sich positiven Umgang mit anderen. Das hilft bei der Selbstkontrolle.
6. In der akuten Situation lernen Sie so Schritt für Schritt kennen, welche Ihrer Gedanken und inneren Bewertungen unkontrollierte Emotionsausbrüche fördern.
7. Sie können dann inne halten und die Reaktion verzögern, also das Eisen erst schmieden wenn es kalt ist. Das geht am besten durch Ein- und Ausatmen, sozusagen innerlich einen Schritt zurückzugehen.
8. Speichern Sie Ihre positiven Erfahrungen immer wieder ab.
9. Nehmen Sie sich nicht zu viele herausfordernde Aufgaben auf einmal vor. Irgendwann ist die Batterie der Selbstkontrolle leer und dann geht es mit Ihnen durch.
10. Arbeiten Sie Stück für Stück daran und vergessen Sie nie darauf dem Ganzen einen Sinn zu geben.

So wird es mit der Zeit gelingen die Gedanken die Emotionen auslösen zu erkennen und allmählich bewusst zu einem eigenverantwortlichen Handeln zu kommen, damit das gelingt, was wir am dringendsten brauchen. Wir haben es in der Hand, mit herausfordernden Situationen umzugehen, sie zu verändern und zu gestalten. Natürlich immer mit Rücksicht auf äußere Begebenheiten.

Dr. Streit beantwortet jede Woche brisante Familienfragen.
  • Dr. Streit beantwortet jede Woche brisante Familienfragen.
  • Foto: Jorj Konstantinov
  • hochgeladen von Anna-Maria Riemer

Der Experte

Philip Streit ist klinischer Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut, Lebens- und Sozialberater.
Seit 1994 leitet er das „Institut für Kind, Jugend und Familie“ in Graz, das unter anderem psychologische Lernbetreuung anbietet.
Telefon: 0316/77 43 44
Web:www.ikjf.at
Leser-Fragen bitte an: redaktion.graz@woche.at oder per Post an „WOCHE Graz“, Gadollaplatz 1/6. Stock, 8010 Graz

Dr. Streit beantwortet jede Woche brisante Familienfragen.
Autor:

Anna-Maria Riemer aus Graz

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