Für Frauen in Not: Marina Sorgo leitet das Gewaltschutzzentrum

Einige Opfer mussten eine neue Identität annehmen: Marina Sorgo hilft bei Gewalt in Beziehungen.
  • Einige Opfer mussten eine neue Identität annehmen: Marina Sorgo hilft bei Gewalt in Beziehungen.
  • Foto: geopho
  • hochgeladen von Elisabeth Pötler

WOCHE: Sie haben mit Tausenden Gewaltfällen in der Steiermark zu tun. Welche Menschen üben Gewalt aus?
Marina Sorgo: Gewalt ist meist ein erlerntes „Konfliktlösungsmodell“. Die Täter sind oft Menschen, die selbst Gewalt und Bindungsstörungen erlebt haben, dazu gibt es neurobiologische Erkenntnisse. In der Steiermark hatten wir 2014 rund 2600 Fälle, 1300 davon in Graz. 94 Prozent der Täter sind Männer.

Sie arbeiten mit den Opfern: Der Großteil sind Frauen?
Ja, 88 Prozent der Opfer sind Frauen. Die meisten erleben Gewalt durch ihren Partner – es ist immer psychische und vielfach körperliche und sexuelle Gewalt. Viele hören Sätze wie: „Ich bringe dich um“.

Haben überdurchschnittlich viele Täter Migrationshintergrund?
Nein, das werde ich öfters gefragt, aber das ist ein Klischee. Der Anteil ist nicht hoch: 75 Prozent der Täter sind Österreicher.

Was hat sich in den letzten 20 Jahren verändert?
Wir haben heute mehr Opferrechte und auch mehr Bewusstsein dafür. Gewalt in Beziehungen galt früher als Privatsache.

Wie hilft das Gewaltschutzzentrum den Opfern?

Viele Frauen werden uns von der Polizei vermittelt. Wir bieten psychosoziale und rechtliche Beratung an. Wir versuchen, mit den Frauen Lösungen zu finden. Sie selbst entscheiden, was sie tun. Wir können sie etwa vor Gericht begleiten oder Anträge für sie schreiben ...

Können Sie einen Fall schildern?
Eine 35-Jährige ist mit ihrem Partner zusammen seit sie 17 ist, sie wurde bald schwanger. Er hat sie stets geschlagen, ihr den Selbstwert genommen. Sie konnte sich bisher nicht von ihm lösen, hat es jetzt aber erstmals geschafft, die Polizei zu rufen. Diese hat ihm ein Betretungsverbot für die Wohnung erteilt. Oft dauert es lange bis traumatisierte Frauen wieder handlungsfähig werden.

Was sagt man so einer Frau?
Frauen schämen sich oft, weil sie ihre Männer lieben. Ich sage ihnen: „Sie dürfen ihn lieben, aber Sie dürfen auch etwas tun, wenn er Sie verletzt, Sie können die Polizei rufen.“ Es ist wichtig, den Frauen so zu begegnen, dass sie Hilfe annehmen können.

Haben Sie auch mit schweren Bedrohungsszenarien zu tun?
Ja, wir erstellen mit Frauen auch Sicherheitspläne: Wie kann man die Haustüre absichern? Gibt es in der Wohnung überall Handyempfang – auch am WC? … In ein bis zwei Prozent der Fälle gibt es die Gefahr einer Tötung. Einzelfälle mussten sogar eine neue Identität annehmen.

Wie schaffen Sie es privat, sich von diesen Fällen zu distanzieren?
Es hilft sehr zu wissen, warum solche Dinge passieren und dass das nichts mit mir zu tun hat. Privat schaue ich mir aber keine Gewaltfilme an.

Was ist am herausforderndsten an Ihrem Job?
Eine gute Kooperation mit Polizei und Gericht ist wichtig. Wir bilden uns auch immer fort, um wissenschaftlich am neuesten Stand der Dinge zu sein.

Was hat Sie zur Arbeit mit Gewaltopfern gebracht?

Ich komme aus einer Familie, in der Gewalt auch ein Konfliktlösungsmodell war und habe dann als junge Frau als Beraterin im Frauenhaus begonnen.

Glücksmomente in Ihrer Arbeit?

Wenn wir Frauen helfen können! Einige Frauen schicken uns oft Jahre später ein Dankschreiben.


WOCHE-WORDRAP

Mein erster Gedanke in der Früh: Was steht heute an?
Das Verrückteste, was ich aus Liebe getan habe: Per Autostopp nach Berlin zu fahren
Ein Lied, bei dem ich laut mitsinge: „Losing My Religion“

STECKBRIEF
geb. 19.5. 1962
Studium: Sozialmanagement,
war 12 Jahre im Frauenhaus Graz tätig
seit 1996 Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums Steiermark

Autor:

Elisabeth Pötler aus Graz

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