Neuer Rektor überzeugt
"Ich glaube nicht, dass Vorlesungen aussterben werden"

Positioniert die Uni Graz als geistiges und digitales Zentrum: der designierte Rektor Martin Polaschek.
2Bilder
  • Positioniert die Uni Graz als geistiges und digitales Zentrum: der designierte Rektor Martin Polaschek.
  • Foto: Uni Graz/Kanizaj
  • hochgeladen von Roland Reischl

Er ist 53 Jahre alt, stammt aus Bruck an der Mur, hat Jus studiert und wird ab 1. Oktober die zentrale Bildungseinrichtung der Steiermark, die Grazer Karl-Franzens-Uni, leiten: Die WOCHE bat den designierten Rektor Martin Polaschek zum Interview.

Ihre Wahl ist knapp 14 Tage her – wie geht's Ihnen heute?
Es geht mir gut, ich freue mich auf die Aufgabe. Ich habe viele Ideen, diese sind offensichtlich auch bei meinen Präsentationen gut angekommen.

Schonfrist werden Sie als Langzeit-Vize wohl keine bekommen, oder?
Die berühmten 100 Tage gibt es wohl nur in der Politik. Ich weiß, was auf mich zukommt, welche Aufgaben ein Rektor hat. Ich habe mir Ziele gesetzt, aber entscheidender ist immer, wie man die Umsetzung beginnt. Ich habe das Glück, dass die Wahl sehr früh stattgefunden hat und ich so Zeit habe, mein Team zusammenzustellen.

Was steht auf Ihrer Agenda ganz oben?
Sicherlich die profilbildenden Bereiche, sprich: die fünf Forschungsbereiche. In den nächsten Jahren sind  40 Professuren neu zu besetzen, also 40 Menschen, die mit guten neuen Ideen nach Graz kommen, ihre Einbettung in die Forschung und Lehre ist eine große Herausforderung.

Stichwort Digitalisierung ...?
Wir haben da ein gutes Know-how, ich denke, dass wir hier einiges beitragen können. Digitalisierung bedeutet ja nicht, dass möglichst alle Menschen ein Smartphone haben. Es stellt sich vielmehr die Frage: Was macht das mit unserer Gesellschaft? Wenn zum Beispiel Menschen, die gemeinsam Abendessen lieber aufs Handy schauen, als miteinander zu reden. Oder auch die Frage, wie wir mit jenen Menschen umgehen, die nicht alles über ihr Handy abwickeln können. Die Digitalisierung birgt wie jede große Veränderung auch die Gefahr, dass es Verlierer gibt. Als Allgemein-Uni sind wir gut geeignet, solche gesellschaftlichen Prozesse zu begleiten und Lösungen anzubieten.

Die Geisteswissenschaften haben also eine Zukunft?
Ich würde es breiter formulieren: Alle geistes-, sozial- und kultur-, rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Studien werden künftig wieder stärker gefragt sein. Den sogenannten Bücherwissenschaften wird meiner Meinung nach eine wichtige Rolle zukommen. Laut einer Studie werden bereits 2025 die Hälfte aller Nachrichten "fake news" sein. Die jungen Menschen werden dann aber auch nicht weniger intelligent sein als heute, sie werden seriös informiert sein wollen. Die Unis sind hier ein Garant für exaktes Wissen und Glaubwürdigkeit – und können dieses Wissen auch vermitteln. Die Welt der Zukunft wird hoffentlich nicht eine sein, wo nur Influencer das Sagen haben.

Was wäre Ihre Sorge dabei?
Wenn echtes Wissen nicht mehr interessant ist, wird es nur mehr Influencer und Pseudo-Informationen geben, das von Interessensgruppen bezahlt werden. Das können wir nicht wollen.

Sondern?
Ich glaube, dass dieser Hype vorübergehen wird, die Menschen werden wieder sehen, dass viele Dinge einen Wert haben, jeder hätte gerne Infos, auf die er vertrauen kann. Das gilt auch für uns: Auch wenn elektronisch schon vieles möglich ist – ich glaube nicht, dass Vorlesungen aussterben werden. Es macht etwas aus, ob da vorne ein kompetenter Mensch aus Fleisch und Blut steht oder ob ich meine Antworten von einem Chatbot bekomme.

Themenwechsel: Wird es Kooperationen mit den anderen Unis geben?
Absolut. Ich war ja schon in der Entwicklung von NAWI Graz (Kooperation von Uni Graz und Technischer Uni, Anm. der Red.) eingebunden. Auch im Bereich des Lehramtes haben wir gemeinsam mit Kärnten und Burgenland eine Pionierrolle eingenommen, mit einem Jahr Verspätung haben das auch die anderen Bundesländer übernommen. Es ist mir ein Anliegen, neue Kooperationen aufzubauen, Angebote zu vernetzen, damit wir als Uni-Standort Steiermark stark auftreten können. Ich werde definitiv aktiv auf meine steirischen Co-Rektoren zugehen.

Gibt es bereits ein geplantes Projekt?
Ja, wir sind da mit Wissenschaftsministerium und der Technischen Uni (TU) in intensivem Kontakt was die Errichtung des Grazer "Centre of Physics" angeht. Dieses wird auf dem Gelände der derzeitigen Vorklinik entstehen und alle Physik-Institute der TU und der Uni Graz unter einem Dach vereinen. Damit sind wir auch in diesem Bereich auf Augenhöhe mit allen wesentlichen mitteleuropäischen Forschungseinrichtungen.

Der Zeithorizont?
Jetzt braucht es intensive Planungen, damit wir das Zentrum richtig hinstellen können, damit wir dann sinnvoll und effizient arbeiten können.

Der Spatenstich also gegen Ende Ihrer aktuellen Periode als Rektor?
Das ist das Ziel.

Letzte Frage: Was würden Sie einem jungen Menschen sagen, warum er gerade an der Uni Graz studieren sollte?
Weil wir ausgezeichnete Lehrende und eine hervorragende forschungsgeleitete Lehre haben. Weil wir Wissenschaft und Praxis vermitteln und eine große Bandbreite an Angeboten haben. Weil man auf einem Campus studiert, wo es möglich ist, dass sich ein Theologe mit einem Naturwissenschaftler austauschen kann.

Positioniert die Uni Graz als geistiges und digitales Zentrum: der designierte Rektor Martin Polaschek.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen