Im Einsatz, um Frauen zu stärken

Sie hat Geschlechterrollen im Fokus: Sigrid Fischer leitet das Frauenservice.
  • Sie hat Geschlechterrollen im Fokus: Sigrid Fischer leitet das Frauenservice.
  • Foto: geopho.com
  • hochgeladen von Elisabeth Pötler

WOCHE: Warum braucht Graz im Jahr 2016 noch eine eigene Anlaufstelle für Frauen?
Sigrid Fischer: Die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen ist erreicht, aber in der Praxis kommen Frauen aufgrund ihrer Frauenrolle oft in sehr schwierige Situationen.

Welche sind das?

Sie bekommen Kinder, unterbrechen ihre berufliche Laufbahn und werden vom Partner finanziell abhängig. Als Alleinerzieherinnen schlittern sie in die Armutsfalle, haben schlechte Pensionen. So entsteht eine Kette von Nachteilen. Viele Frauen haben Probleme mit ihrer Existenzsicherung, etwa nach der Trennung von ihrem Partner.

Wie können Sie helfen?
Wir bieten Orientierungshilfe, etwa juristische, psychologische und interkulturelle Sozialberatung. Wir informieren Frauen über ihre Möglichkeiten und bestärken sie dabei, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Viele machen sich den Vorwurf, beruflich oder als Partnerin versagt zu haben. Ihnen wollen wir aufzeigen, dass ihre Situation gesellschaftliche Gründe hat.

Sie setzen sich auch speziell für Randgruppen ein, oder?
Wir sprechen auch Frauen an, die mehrfache Diskriminierung erleben. Etwa 40 Prozent unserer Kundinnen haben eine Migrationsbiografie. Unser Info-Café Palaver ist auf Frauen ausgerichtet, die neu in Österreich sind: Sie sollen einen offenen Platz finden, um sich informieren und vernetzen zu können.

Was ist Ihrer Erfahrung nach nötig, damit Integration gelingt?
Integration beginnt, wenn wir die Frauen vorurteilsfrei willkommen heißen und ihnen die Möglichkeit geben, in der Gesellschaft zu landen und Unterstützung zu bekommen.

Sie bieten auch Beratung für Sexarbeiterinnen.
Ja, wir sind in Graz die einzige Beratungsstelle, die sich um die Anliegen von Sexarbeiterinnen kümmert, sie werden besonders stigmatisiert und ausgegrenzt. Sie brauchen Beratung wie andere Frauen auch.

Was hat Sie für Frauenanliegen sensibilisiert?
Die Situation meiner Mutter: Sie hat vier Kinder bekommen und konnte mit 45 nicht mehr in die Arbeitswelt zurückkehren. Da habe ich gedacht: Das soll mir nicht passieren. Ich habe dann Pädagogik und Geschichte studiert und an der Uni Simone de Beauvoir gelesen, viel diskutiert und die Gründe für die Situation von Frauen gefunden.

Wie war Ihr Weg zum Frauenservice?
Ich habe schon in der Uni-Frauengruppe und im ÖH-Frauenreferat mitgearbeitet. Wir habe uns etwa für die Anerkennung der weiblichen Form der Titel eingesetzt. Ich war schon früh frauenpolitisch aktiv.

Haben Sie selbst als Frau je Benachteiligung erlebt?
An der Uni gab es eine spezielle Gruppendynamik: Männliche Studenten haben in Seminaren mehr Redezeit gehabt und die Vortragenden haben mehr Bezug auf sie genommen. Bei Frauen gab es starke Zurückhaltung und die Frage: Dürfen wir überhaupt da sein?

Sie sind auch Initiatorin der „GenderWerkstätte“: Was ist das Ziel dahinter?

Mit dem Verein für Männer- und Geschlechterthemen wollen wir Wissen aus der Geschlechterforschung vermitteln und befassen uns damit, wie ein Diskurs gelingen kann ohne Frauen und Männer gegeneinander auszuspielen.

Was soll sich in zehn Jahren geändert haben?
Es braucht Zusammenhalt in der Gesellschaft. Durch Bildungsarbeit müssen wir zeigen, was uns Demokratie und Menschenrechte bringen und welche Probleme durch Ausgrenzung entstehen. Ausgrenzende Gesellschaften neigen immer dazu, Frauen zu diskriminieren.

WOCHE-WORDRAP
Das Beste daran, eine Frau zu sein ...
dass ich mich ohne Scheu zum Weichsein bekennen kann.
Ein Glücksmoment … im Toskanaurlaub den Blick über die Weinberge schweifen zu lassen.
Als TV-Charakter wäre ich …Emma Peel aus Schirm, Charme und Melone.

STECKBRIEF
- geboren am 5.9. 1961
- studierte Pädagogik und Geschichte, Trainerin und Beraterin für Gen-der & Diversity Management,
seit 2011 Geschäftsführerin des Vereins Frauenservice Graz, Koordinatorin der GenderWerkstätte

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