Wenn "erwachsene Kinder" sich rarmachen: So können Eltern die Beziehung pflegen

Kennen Sie das Problem: Ihr Sohn/Ihre Tochter ist ausgezogen und meldet sich kaum. Für Ihr Gefühl sehen Sie sich viel zu selten. Wie können Sie einen guten Kontakt pflegen?
Es ist zum Aus-der-Haut-fahren: Unsere Kinder, oft das Wichtigste was wir auf Erden haben, sind darauf programmiert uns zu verlassen. Das beginnt bereits, wenn sie gehen lernen. Kaum beweglich schreiten sie hinaus in die Welt. Sie gehen in den Kindergarten, zur Schule … Besonders schlimm wird es in der Pubertät, wenn sie über Nacht woanders schlafen und sich nicht zu Hause melden. Der Höhepunkt ist mit 18 bis 25 Jahren erreicht, wenn sie ausziehen. Das ist der Gang der Entwicklung. Ob Kinder aber zuversichtliche, eigenständige, selbstbewusste Menschen werden, hängt wesentlich von Ihnen als Eltern ab. Besonders davon, ob es Ihnen gelingt, Ihren Kindern sicheren Rückhalt zu geben bzw. ein Anker für sie zu sein, von dem aus sie Autonomie entwickeln können. Das bestimmt auch, wie erwachsene Kinder Sie später behandeln.

Was gute Eltern ausmacht

Wichtig ist, dass Sie präsent sind, wenn Fehlentwicklungen drohen und Ihr Kind zugleich autonom Entscheidungen treffen lassen. Dann sind Sie Zeit Ihres Lebens ein Fixpunkt, bei dem sich Ihr Kind Stär

kung holen kann. Im Alter dreht sich das manchmal um, dann geben Kinder den Eltern zurück was sie bekommen haben.
Nicht förderlich ist es, wenn Eltern Zweierlei tun: Überbehüten oder zu wenig wachsam sein. Letzteres kann Kinder sehr enttäuschen, das zeigt sich oft erst später: Die Kinder wollen dann nach außen hin wenig mit ihren Eltern zu tun haben, sehnen sich aber innerlich nach ihnen. Überbehütete Kinder gehen oft später auf Distanz, weil sie ihre Autonomie oft nicht anders durchsetzen können.
In beiden Fällen werden Eltern oft von erwachsenen Kindern gemieden. Dann setzen wir Eltern mitunter moralischen Druck ein, fordern Verpflichtungen ein, da sie ja so viel gegeben haben. Die Beziehung ist dann von Sorgen, Schuld und implizitem Druck dominiert.

So können Sie die Beziehung pflegen

1. Gehen Sie auf Ihr erwachsenes Kind angemessen zu. Begegnen Sie ihm anstatt ein Übermaß an Beziehung einzufordern.
2. Damit das gelingt, achten Sie darauf, dass es für Sie ein Leben neben oder nach den Kindern gibt. Schaffen Sie sich ein Lebensprojekt, das Sie erfüllt.
3. Halten Sie inne, wenn Sie merken, dass Ihnen der fehlende Kontakt zu Ihrem Kind Sorge bereitet. Besprechen Sie sich mit Vertrauten. Zwingen Sie Ihr Kind nicht zum Kontakt, das ist kontraproduktiv.
4. Beachten Sie: Oft haben Sie eine Art „Standbildfoto“ von Ihrem Kind, obwohl es sich verändert hat.
5. Wenn Sie Ihr Kind sehen, sagen Sie durchaus, was Sie denken. Sie haben sich Respekt verdient und sind nicht nur eine liebenswerte Putzhilfe. Pflegen Sie die Beziehung aber auch.
6. Machen Sie Ihr Zuhause zu einem Ort des Rückhaltes für Ihr Kind, nicht zum Ort des Streites.
7. Suchen Sie nach guten Momenten, wenn Ihre Kinder da sind. Lassen Sie sie auf sich zukommen, anstatt hektisch Programme zu machen.
8. Die wichtigsten Zutaten für eine gute Beziehung sind: liebevolle Präsenz und wachsame Sorge anstatt Zwang und Härte.


DER EXPERTE
Dr. Philip Streit
ist Psychologe, Psychotherapeut und Lebens- und Sozialberater.
Seit 20 Jahren leitet er das „Institut für Kind, Jugend und Familie“ in Graz. www.ikjf.at
Jede Woche beantwortet er eine Frage rund um Erziehung und Beziehung.
Ihre Anregungen können Sie an die Redaktion schicken: elisabeth.poetler@woche.at

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