AK-Wahlkampf
Josef Pesserl: "Wir müssen wieder miteinander um Kompromisse ringen"

Solidarität im Fokus: AK-Präsident Josef Pesserl im Gespräch mit der WOCHE.
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  • Foto: Konstantinov
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Es war ein steiniger Weg, der Josef Pesserl an die Spitze der steirischen Arbeiterkammer (AK) geführt hat, der Präsidentenjob war ihm nicht wirklich in die Wiege gelegt worden. "Ich bin in einer kleinen Landwirtschaft aufgewachsen, wir haben dort schon als Kinder alles gemacht, vom Stall ausmisten übers Heu arbeiten bis zum Kühe melken", erzählt der gebürtige Unterpremstättener (Graz-Umgebung). Obwohl die Familie nicht viel hatte, sei es eine schöne Kindheit gewesen. Die ihn geprägt und die ihn auch Richtung Sozialdemokratie geführt hat: "Meine Eltern waren ein echtes Vorbild. Wenn andere in Not waren, haben sie das Letzte hergegeben. Andere Familien, die viel mehr hatten, haben nicht einmal einen Groschen spendiert."

Der "Schaffner Pesserl"

Diese solidarische Idee und sein Gerechtigkeitssinn haben den FSG-Spitzenkandidaten der kommenden AK-Wahl durch sein ganzes Leben begleitet, sagt er. Seinen "Traumberuf Kfz-Mechaniker" habe er lernen können, hat dann als LKW-Fahrer, Schichtarbeiter und gar als Straßenbahn-Schaffner "gehackelt". "Ich hatte immer schon ein Problem, wenn Menschen ungerecht behandelt wurden, habe mich immer berufen gefühlt, mich einzumischen." Damit war der Weg zum Betriebsrat und in die Gewerkschaft nicht mehr weit. Mit 32 Jahren wechselte er "hauptberuflich" dorthin, elf Jahre lang war er dann Obmann der steirischen Gebietskrankenkasse: "Ich habe sie mit 240 Millionen Euro Schulden übernommen und mit 50 Millionen Euro am Konto übergeben", bilanziert er stolz die Zeit eines 1.600-Mitarbeiter-Unternehmens. Im Beitragswesen sei ihm das Solidarische wichtig gewesen, ein Begriff, den er immer wieder betont – dem ideologischen Background geschuldet? "Nein, reine Ideologien führen zu keinem guten Miteinander.

"Wir wollen keine französischen Zustände"

Das ist eine Grundeinstellung, es geht um Wertschätzung gegenüber den Menschen, egal welche Tätigkeit jemand ausübt." Jeder einzelne sei von elementarer Bedeutung für die Gesellschaft, ,am dürfe niemanden herabwürdigen. Nur so könne es funktionieren: "Man kann in einer Gesellschaft friedlich miteinander leben und trotzdem erfolgreich sein, Österreich beweist das seit über sieben Jahrzehnten." Möglich sei das nur im Miteinander, ist Pesserl überzeugt. "Dazu gehört auch das Miteinander streiten. Es braucht den Kompromiss am grünen Tisch, selbst wenn es unterschiedliche Interessen gibt", bricht er eine Lanze für die Sozialpartnerschaft. Der derzeitige Umgang mit diesen Dingen erfülle ihn mit Sorge, denn: "Die Alternative zu Dialog und Kompromiss ist das Diktat. Wohin das führen kann, sehen wir in Frankreich – das können wir nicht wollen. Für einen attraktiven Wirtschaftsstandort braucht es verlässliche Mitarbeiter, Rechtssicherheit und sozialen Frieden." Ein Stil, wie ihn etwas Sozialministerin Hartinger-Klein pflege, sei eine unglaubliche Geringschätzung der Arbeitnehmer.
Dieser Stil sei, gewollt oder ungewollt, allgemein spürbar: "Die Arbeitnehmer werden darin, ihre Interessen wahrzunehmen und mitzuwirken, eingeschränkt. Das ist in der Wirkung brandgefährlich, es herrscht Unmut, davor warne ich. Wir müssen am grünen Tisch raufen, nicht auf der Straße."

Einkommen entlasten, Pflegethema angehen

Deshalb werde man in der AK weiterhin aufzeigen, wenn etwas gegen die Interessen der Arbeitnehmer sei. "Wer, wenn nicht wir sollte das tun", postuliert Pesserl. Dazu hat er für die nächste Periode einiges auf der Agenda: "Wesentlich ist es, Einkommen aus Arbeit steuerlich zu entlasten und die kalte Progression zu beseitigen." Einen zweiten Schwerpunkt legt er auf das Pflegethema: "Der Zustand für die Pflegekräfte ist kaum mehr erträglich, Leistungsdruck und psychische Belastung steigen ständig, viele brennen aus." Er wehre sich gegen die scheinheilige Diskussion der Politik: "Alle sagen, wir brauchen hochwertige Pflege, aber niemand will die Ressourcen dafür bereitstellen." Pesserl fordert einen Rechtsanspruch für alle bezüglich der Qualitätsstandards, die Finanzierung sei aus seiner Sicht eine offene Diskussion. "Definieren wir einmal die Ziele, dann stellen wir uns die Frage der Finanzierung." Ebenfalls ganz oben auf der To-do-Liste des sozialdemokratischen Gewerkschafters: Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen, Chancengleichheit für Frauen und die Senkung der Wohnkosten. Schlusssatz: "Um all das zu erreichen, müssen wir zurück zum Dialog, zurück an den Verhandlungstisch und um Kompromisse ringen."

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