Rückkehr in Studentenheime
"Es war wie ausgestorben"

Lokalaugenschein in der Münzgrabenstraße: "Das Leben im Heim spielt sich momentan hauptsächlich in den Zimmern und Wohngemeinschaften ab." , weiß Tina Zeller, die im zweiten Jahr "Management Internationaler Geschäftsprozesse" studiert.
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  • Lokalaugenschein in der Münzgrabenstraße: "Das Leben im Heim spielt sich momentan hauptsächlich in den Zimmern und Wohngemeinschaften ab." , weiß Tina Zeller, die im zweiten Jahr "Management Internationaler Geschäftsprozesse" studiert.
  • Foto: Lisa Ganglbaur
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Viel intensiver als sonst gehört Distance-Learning auch im Herbst zum Alltag Grazer Studierender. Viele überlegten daher, gar nicht extra mit Sack und Pack in die Universitätsstadt zu ziehen, andere wollten im Frühjahr ihre Zimmer mit sofortiger Wirkung kündigen. Das Resultat: rückläufige Anmeldezahlen in Heimen. Monatelang schien es, als könnte Corona für Studentenheime zur Herausforderung werden.

Wegfallende Studentenjobs, E-Learning und weniger internationale Studierende.

„Ich denke, dass ich für alle Heime spreche, wenn ich sage, dass wir Heimträger durch Corona und all seine Begleiterscheinungen schon zu kämpfen haben.“

, verrät Doris Peitler, Geschäftsstellenleiterin des größten Grazer Heimträgers, der WIST, die in Graz sieben Häuser betreibt.

Wie ausgestorben
In vielen Wohnheimen hat sich das Studentenheimleben schon mit dem Lockdown gegen Null entwickelt. „Während dieser Zeit war es hier wie ausgestorben.“, weiß eine Bewohnerin des nicht-WIST-zugehörigen Friedrich-Schiller-Heims, die in ihren letzten sechs Jahren dort schon ereignisreichere Zeiten erlebt hat. „Auch die sonst täglich präsenten und - je nach Sauberkeitszustand unserer Küchen – mehr oder weniger redseligen Reinigungsdamen waren plötzlich wie von der Bildfläche verschwunden." Der Grund: Kurzarbeit. Bedeutete: Mehrarbeit für sauberkeitsliebende Bewohner. Besonders dann, wenn die liebe Mitbewohnerschaft das gemeinsame Reich in einem Zustand hinterlassen hat, in dem die sich die Küche am besten selbst unter Quarantäne hätte stellen sollen.

Stichwort Eigenverantwortung
In den meisten Heimen wird jetzt auf Eigenverantwortung gesetzt. Wie sich diese in den jeweiligen Corona-Richtlinien einschreibt, ist unterschiedlich.

„Es gibt nichts einheitlich Vorgegebenes seitens des Bundesministeriums, wie man als Heimträger mit Corona umzugehen habe. Da muss jeder sein eigenes Süppchen kochen.“

, erklärt Doris Peitler als Sprachrohr der SPÖ-nahen WIST Heime.

„Die Grazer Heime sind mitunter recht unterschiedlich strukturiert; manche in selbstorganisierten, wohnungsähnlichen WGs, andere in Stockwerksverbänden mit einer gemeinsamen Küche und Reinigungspersonal.“

Eine einheitliche Festsetzung zielführender Vorgaben ließe das nur schwer zu und verlange den Heimbetreibern in diesen Zeiten viel ab.

Kündigungsgrund: Online-Unterricht
In der Lockdown-Zeit führten leerstehende Zimmer auch zu sofortigen Kündigungswünschen seitens der Studenten. Diese stoßen bei den Heimbetreibern auf Unverständnis und wurden abgelehnt, wie Doris Peitler begründet:

“Die Ablehnung außerordentlicher Kündigungen aufgrund von teilweisem Online-Unterricht wurde in der Diskussion bisweilen als ungerecht und unsozial bezeichnet, ist sie aber definitiv nicht: Ein Studentenheim ist eine Solidargemeinschaft und die Einhaltung der vertraglichen Verpflichtung die Voraussetzung dafür, dass die Solidargemeinschaft nicht zusammenbricht. Je mehr Leerstände zu verzeichnen sind, desto höher muss der Heimpreis für das nächste Studienjahr kalkuliert werden. Jeder gemeinnützige Heimträger hat also auch gegenüber der nächsten Generationen von Studierenden eine Verpflichtung zu erfüllen.”

Außerordentliche Kündigungen ohne Rechtsgrundlage würden diesem gemeinnützigen Auftrag also widersprechen. Zudem könne Online-Unterricht genauso im Studentenheim absolviert werden. Mit dem Vorteil, dass die Studierenden trotz Abstandsregeln auf Gleichgesinnte treffen und mit Kollegen auch fachlichen Austausch pflegen können.

Partys bleiben aus
Ein Augenschein in zwei Grazer Heimen zeigt die neuen Verhaltensregeln: Am Eingang gibt´ s Desinfektionsmittel, es wurden zweisprachige Verhaltensregeln aufgehängt, die mitunter Party- oder Besuchsverbote aussprechen. Aufenthaltsräume seien inzwischen vielfach wieder offen, aber bislang mäßig genutzt. Hier gelten maximal vorgeschriebene Personenzahlen. Außerdem wird der Mund-Nasen-Schutz zum wichtigsten Accessoire beim Betreten und Verlassen der Gemeinschaftsräume. Die großen Partys bleiben also aus – auf jeden Fall im WIST-Heim in der Münzgrabenstraße.

„Es gibt bei uns im WIST-Heim zwar einen Partyraum, aber der ist mit der Zeit eigentlich mehr zu einer Rumpelkammer verkommen. Den nutzt bei uns aber ohnehin keiner, egal ob Lockdown oder nicht.“

, meint die sonst recht gesellige FH-Studentin Tina Zeller, die das Sommersemester fast nur von ihrer Heimat Oberösterreich aus erledigt hat.

Sommerloch in Heimen
Dass wieder Leben in die Heime einkehrt, war 2020 nicht immer so klar. Diese Unsicherheit spiegelt sich auch in den offiziellen Wohnsitz-Zahlen vom Statistikamt der Stadt Graz wider.

"Im Melderegister wird keine Berufsbezeichnung erhoben, daher kann ich aus den Meldedaten, nicht ablesen, wie viele sich in Graz als >Studierende< an- oder abmelden.“

, erklärt Barbara Rauscher, Leiterin des Statistikabteilung. Aus den uns zur Verfügung gestellten Zahlen lesen wir jedoch heraus: 2020 sind überdurchschnittlich viele Wohnsitzabmeldungen innerhalb vom Juni passiert – das betrifft hauptsächlich die in Studentenheimen häufig gesehenen Nebenwohnsitze. Das könnte ein Resultat all jener gewesen sein, die mit Lockdown im März sofort aus ihren Verträgen wollten, jedoch eine Kündigungsfrist einzuhalten hatten.

Oktober diesmal ohne Melde-Rekord
Erst jetzt mit Uni-Start hat die Zahl der gemeldeten Haupt- und Nebenwohnsitze wieder fast das Vor-Corona-Niveau erreicht. Was heuer allerdings anders ist: Der Oktober als Garant für absolute Spitzenwerte lässt aus. Denn: Innerhalb der letzten 10 Jahre war es jeweils der Oktober, der der Stadt Graz einen neuen Höchstwert an gemeldeten Wohnsitzen (Haupt- und Nebenwohnsitze) bescherte. Auch wenn heuer zu Semesterstart (Stichtag 1.10.2020) die Anzahl der gemeldeten Wohnsitze mit 330.955 fast das Vor-Corona-Niveau erreicht hat, fehlen damit immer noch mindestens 344 für einen neuen Melde-Rekord. Damit bleibt die letzte Höchstmarke von 331.298 in Graz Gemeldeten im Lockdown-Verkündungsmonat März 2020 aufrecht.

Vorlesungen statt Filme streamen?
Absolute Höchstwerte liefert im Pandemiezeitalter dafür die Bildschirm-Zeit. Weil ein Großteil des Hochschul-Betriebs online stattfindet, braucht es mehr Internet-Datenvolumen. Soweit die simple Rechnung. Während des Lockdowns habe es Entgegenkommen bei mehr Datenvolumen-Verbrauch gegeben. Generelle Anpassungen von Seiten der Heimträger stehen allerdings noch aus. Ob die uns berichteten 75 – 100 GB an zur Verfügung stehendem Datenvolumen ausreichen, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen.

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