Missbrauch der Kurzarbeit
"Es gibt nur einzelne schwarze Schafe unter den Unternehmern"

Verteidigen Unternehmer, kritisieren Hilfsmaßnahmen des Bundes: Karl-Heinz Dernoscheg (l.) und Josef Herk von der steirischen Wirtschaftskammer.
  • Verteidigen Unternehmer, kritisieren Hilfsmaßnahmen des Bundes: Karl-Heinz Dernoscheg (l.) und Josef Herk von der steirischen Wirtschaftskammer.
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Über 1 Million Österreicher sind in Kurzarbeit, die Wirtschaft stöhnt unter den Belastungen des Corona-Lockdowns. Und auch die in der ersten Phase der Krise spürbare Solidaritätswelle bekommt erste Risse. Schleppend ausbezahlte Förderungen, vermeintliche schwarze Schafe unter den Unternehmern, die viel zitierte Corona-Poolparty, die Stimmung droht zu kippen. Wie sehen das eigentlich die obersten Wirtschaftsfunktionäre der Steiermark. Die WOCHE hat sich darüber mit Präsident Josef Herk und Direktor Karl-Heinz Dernoscheg von der steirischen Wirtschaftskammer (WK) unterhalten – wie schätzen sie die Situation ein?

"Hilfe muss unkomplizierter werden"

„Faktum ist, dass viele Unternehmer mit dem Rücken zur Wand stehen. Sie haben in den letzten Wochen Enormes geleistet. In Verantwortung für die Mitarbeiter haben viele das Kurzarbeitsmodell angenommen, obwohl es in vielen Fällen die Kosten nur zum Teil deckt und die Last der Vorfinanzierung zu tragen ist", bricht Herk eine Lanze für das Gros der steirischen Firmen. Für die auch die Förderungen von Bund und Land nur in Teilen die derzeitige Last kompensieren können, wie Dernoscheg unterstreicht: "Die Unterstützungsprogramme sind eine willkommene Hilfe, sie decken aber natürlich nicht alle Verluste ab. Die Regierung hat mit 38 Milliarden Euro einen Schutzschirm in einer Kombination aus kurzfristig Liquidität schaffenden Garantien und Stundungen, sowie direkten Hilfszahlungen im sogenannten Härtefallfonds gespannt." Er spart allerdings auch nicht mit Kritik an der Regierung:  "Einige Instrumente müssen angepasst und geschärft werden. Die Kreditzuteilungen, die mühsamer als kommuniziert und erwartet laufen, müssen vereinfacht werden.“
Viele Hoffnungen setze man, so Herk weiters, auf den COVID-19-Hilfsfonds, wo Anfang Mai weitere Details präsentiert werden. "Bei einer großen Anzahl von Unternehmen ist es zu enormen Schäden gekommen, diese müssen besser und vor allem schneller abgedeckt werden.“  Dernoscheg ergänzt: Der laufende Härtefallfonds hat in der Steiermark in der Phase 1 für rund 20.000 Selbständige eine erste Hilfe gebracht. Jetzt müssen sich in der Phase 2 Möglichkeiten auch für solche ergeben, die in der Phase 1 nichts bekommen haben.

Kurzarbeit: "Einzelne schwarze Schafe"

Vermehrt wurden in den letzten Tagen Vorwürfe laut, dass es Unternehmer gebe, die das Kurzarbeitsmodell missbräuchlich verwenden, auch die Arbeiterkammer hat sich hier mit Beispielen zu Wort gemeldet. Für Herk eine verzichtbare Aktion: „Das weisen wir aufs Entschiedenste zurück. Leider gibt es wie überall im Leben einzelne schwarze Schafe, die wir weder Weise decken noch heißen wir eine solche Vorgehensweise gut. Aber diese Einzelfälle stehen nicht für die steirische Unternehmerschaft, die zurzeit um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpft und sogar Kredite aufnimmt, um die Gehälter vorstrecken zu können", ist der Präsident ob der Vorwürfe empört. Bei teilweisen 100-prozentigen Auftrags- und Umsatzausfällen sei dies eine Herkulesaufgabe, die ihm zutiefst Respekt abringe.  
Wichtiger als dieses "Anpatzen" sei es aus seiner Sicht, dass man die Wirtschaft wieder zügig hochfahre. Denn keine Hilfe könne auf Dauer einen kompletten Geschäftsentgang auffangen. "Es braucht klare Perspektiven, damit die Unternehmer wissen, woran sie sind und welchen Liquiditätsbedarf es braucht." Und einige der Hilfsmittel würden sich zudem noch als ziemlich holprig erweisen, erklärt Dernoscheg: „Hier müssen den Ankündigungen rasche Taten folgen, denn in der Praxis erweisen sich einige der Unterstützungen bis dato nur bedingt tauglich. Die strengen Regularien für Kreditvergaben und Garantien sind zum Teil echte Hemmschuhe. Natürlich haben diese in normalen Zeiten ihre Berechtigung, jetzt aber geht es um erste Hilfe, den finanziellen Notarzt sozusagen.“

Gedämpfte Erwartungen für den Mai

Das Licht am Ende des Tunnels ist der 2. Mai, wo zumindest ein Großteil der Geschäfte wieder aufsperrt: „Das ist ein wichtiger und richtiger Schritt, die Erwartungen würde ich aber fürs erste etwas gedämpft sehen", ist Herk skeptisch. Die Menschen seien noch verunsichert, gerade jetzt wäre es aber wichtig, in der Region zu kaufen und Aufträge zu vergeben. "Mit seiner persönlichen Kaufentscheidung – ausländische Plattformen, die bei uns kaum Steuern zahlen oder Arbeitsplätze schaffen sollten jetzt nicht im Vordergrund stehen – hat man nämlich wesentlich mehr in der Hand als nur die Wahl eines Produkts. Hier geht’s vielmehr um die Sicherung von Arbeitsplätzen im jeweiligen Umfeld." Herk fordert abschließend die Steirer auf, zu "Einkaufspatrioten" zu werden, nur so könne ein erfolgreicher Aufbau gelingen.

Autor:

Roland Reischl aus Graz

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