Keine Hochkultur ohne Agrarkultur

Mit eigenen Schulprodukten gut versorgt wurden WOCHE-Redakteurin Verena Schaupp und Erich Kerngast von Jelica Radat.
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  • Foto: Jorj Konstantinov
  • hochgeladen von Verena Schaupp

Seit zwölf Jahren leitet Erich Kerngast die Fachschule Grottenhof. Im WOCHE-Interview spricht er über Essen als Hochkultur, Eigenprodukte und Ernährungstrends.
WOCHE: Der Grottenhof hat heuer 150-Jahr-Jubiläum. Am 13. Mai gab es dazu eine Feier in der Oper. Wieso dort?
Erich Kerngast: Agrarkultur ist die Basis für Hochkultur, daher die Oper. In unserem Unterricht ist mir wichtig, dass die Schüler viel Allgemeinbildung mitbekommen, um von dem Klischee eines ungebildeten Bauern wegzukommen. Man muss den Schülern erklären, dass sie viel mehr können, als sie glauben. Neben praxisbezogenen, landwirtschaftlichen Fähigkeiten möchte ich, dass sie freies Reden vor Publikum lernen.
Das ist in weiterer Folge auch wichtig für die Vermarktung der Produkte, oder?
Genau, wenn ich über Käse oder Rohschinken berichte, dann muss ich eine Geschichte dazu und zwar bildhaft erzählen können. Man verkauft immer den Mythos mit. McDonald’s verkauft zum Beispiel den American Lifestyle.
Worauf ist die Fachschule Grottenhof spezialisiert?
Wir sind seit fast 30 Jahren ein Bio-Betrieb mit 70 Hektar Fläche. Wir haben einen Landwirtschaftsbetrieb dabei, mit fast 30 Hektar Ackerland, mit Grünland, mit Tieren, etwa 70 Rindern und auch Schweinen, Legehennen und Schafen. Wir wollen jungen Menschen direkt zeigen, wie man mit Tieren umgeht, sie züchtet, haltet und füttert bis hin zum Schlachten. Wir haben eine Molkerei, eine Bäckerei, einen Hofladen und überall werden eigene Produkte von unseren Schülern produziert. "Mangolds" bezieht etwa Produkte von uns.
Wie lange dauert die Ausbildung?
Nach drei Jahren schließt man als landwirtschaftlicher Facharbeiter ab. Auch immer mehr Erwachsene wollen den Betrieb zu Hause übernehmen oder heiraten ein, auf einmal ist dann ein Stück Land zu bewirtschaften. So kann man als Quereinsteiger die zweite und dritte Klasse in einem Jahr bei uns machen. Angedacht ist ab Herbst auch eine Abendschule.
Ist es heute schwer, junge Leute für eine landwirtschaftliche Schulausbildung zu begeistern?
Etwa 70 Prozent unserer Schüler kommen von einem heimischen landwirtschaftlichen Betrieb. Etwa 50 Prozent machen nach der Ausbildung noch eine Lehre. Andritz, Magna oder AVL nehmen Schüler von uns gerne auf, weil sie eine gute Arbeitshaltung haben. Der andere Teil kehrt nach der Ausbildung nach Hause zurück, um den elterlichen Hof weiterzuführen oder macht bei uns die Berufsreifeprüfung.
Wenn 70 Prozent der Schüler bereits von landwirtschaftlichen Betrieben kommen, ist deren Ernährungsbewusstsein schon ein anderes?
Nicht unbedingt. Daran müssen wir allgemein in der Gesellschaft arbeiten. Ich denke, es geht in Richtung weniger, aber qualitativ hochwertiger Fleischkonsum, mehr Gemüse, mehr exotische Produkte, aber auch der Außer-Haus-Verzehr wird zunehmen. Wir sind alle in der Arbeitswelt und wollen schnelles "Convenience"-Essen.
Gemeinsames Essen wird also zurückgehen?
Ja, aber Leute brauchen einen Ort, um zusammenzukommen. Früher wurden in Osteuropa Gasthäuser zugesperrt, damit kein politischer Diskurs entsteht. Heute gibt es bei jeder heiklen Angelegenheit ein Arbeitsessen oder Staatsbankett, man sagt ja auch "jemanden einkochen" oder "Liebe geht durch den Magen". Essen ist Kultur.

Das ist die Fachschle Grottenhof

Gründungsjahr: Die Fachschule für Land- und Forstwirtschaft Grottenhof wurde im Jahr 1867 gegründet.
Standort: Krottendorferstraße 110, 8052 Graz
Zusammenlegung: Die Fachschule Alt-Grottenhof und Grottenhof-Hardt werden demnächst zusammengelegt.
Almauftrieb: In drei Tagesetappen wurden letzte Woche neun Kühe und sieben Kälber von den Schülern aufgetrieben.
Fläche: Rund 70 Hektar mit Ackerland und Grünfläche.
Die Fachschule hat unter anderem einen Schlachtbetrieb, eine Molkerei, eine Bäckerei, einen eigenen Hofladen, einen Reifekeller und einen Gemüsegarten.
Produkte: Von Getreide, über Brot bis zu Fleisch- und Michprodukten wird in der Fachschule alles selbst produziert.
Öffnungszeiten Hofladen: Dienstag und Donnerstag von 14.30 bis 17 Uhr (ausgenommen schulfreie Tage).
Das Essen: WOCHE-Redakteurin Verena Schaupp wurde beim Besuch eine Auswahl der Eigenprodukte präsentiert. Als Vorspeisenteller gab’s einen Mix aus selbst hergestellten Schinken-, Wurst- und Käsespezialitäten, gefolgt von einer Weinschaumsuppe. Als Hauptgericht wurden Faschierte Laibchen mit Kartoffelpüree und Gemüsestrudel serviert. Den krönenden Abschluss machten ein Tiramisu und ein Haselnuss-Eis.
Die WOCHE meint: Die Produkte sind schmackhaft und laden zu einem Besuch im Hofladen ein.

Das ist Erich Kerngast

Ist Direktor der Fachschule Grottenhof in Graz.
Geboren 1957 in Straß.
Besuchte die Schule in Leibnitz.
Hat auf der Universität für Bodenkultur in Wien studiert.
War Lehrer auf der Fachschule Silberberg.
Essen gehört seines Erachtens zur Kultur dazu und ist wichtiger gesellschaftlicher Bestandteil. "Man setzt sich ja auch nicht mit jedem an einen Tisch."
150 Schüler hat die Fachschule Grottenhof derzeit.
Ruhe, Stolz und Einklang mit der Natur möchte Kerngast seinen Schülern weitervermitteln.
Liebt es, zu reisen. Dabei steigt er gern in sein Auto und fährt einfach drauf los. "Ich habe schon ein Ziel im Kopf, aber unterwegs lege ich gerne spontane Stopps ein. So bin ich oft schon unverhofft bei einheimischen Familien eingeladen worden und habe hautnah die Kultur eines Landes mitbekommen."
Wünscht sich, dass in der Landwirtschaft fair gehandelt wird, sodass Lebensmittel nicht einfach so weltweit austauschbar sind.
Glaubt, dass es mehr Professionalisierung in der Direktvermarktung brauchen wird.
Internet-Selling von Lebensmitteln, nicht nur von Wein, sondern hin bis zu Fisch und Fleisch, wird laut Kerngast zunehmen.

Autor:

Verena Schaupp aus Graz

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