"Klima-Trendwende braucht die Überzeugung des Einzelnen"

Verkehrs-Tiefschlaf am Opernring: Wenn Graz allerdings wieder erwacht, ist für eine klimafreundliche Zukunft jeder Einzelne gefragt.
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  • Verkehrs-Tiefschlaf am Opernring: Wenn Graz allerdings wieder erwacht, ist für eine klimafreundliche Zukunft jeder Einzelne gefragt.
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Videokonferenzen statt Dienstreisen, Homeoffice statt Pendeln, regionale Produktion statt verzweigter Lieferketten – Eine volkswirtschaftliche Analyse über die möglichen Auswirkungen der Coronakrise auf eine klimafreundlichere Zukunft.

Österreichs Feinstaubhauptstadt atmet auf, zumindest was die Luftgüte betrifft. Unter anderem das Ausbleiben eines Großteils des Verkehrs sorgt dafür, dass die Schadstoffbelastung im Vergleich zu den Vorjahren in Summe deutlich gesunken ist, auch wenn die Messwerte an einzelnen Tagen aufgrund der Wetterlage variieren können. Spannend wird nun vor allem die Frage, ob und wie die Zukunft nach der Krise klimafreundlicher gestaltet werden kann. Interessante Einblicke liefert hier die Volkswirtschaftslehre, so erklärt Uni-Graz-Professor und Klimaökonom Karl Steininger: "Die Corona-Krise zwingt uns, neue Wege auszuprobieren. Wenn wir damit gute Erfahrungen machen, könnten wir sie auch weiterhin verstärkt nutzen und damit einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Transformation unserer Gesellschaft leisten."

Verletzlichkeit verringern 

Um eine langfristige Trendwende zu schaffen, brauche es laut dem Experten vor allem eine wichtige Erkenntnis: "Wir haben nun noch einmal mehr gesehen, dass unser Wirtschaftssystem insgesamt sehr verletzbar ist. Wenn wir es schaffen, diese Verletzlichkeit zu verringern und es auch gegen andere Störungen zu stärken, dann wird sich etwas ändern, andernfalls werden wir auf dem gleichen Emissionsniveau bleiben." Als Beispiel nennt Steininger die Finanzkrise, bei der es ebenfalls sowohl einen Rückgang des Wirtschaftsleistung als auch der Emissionen gab, "allerdings war das Emissionsniveau im Jahr 2010 wieder auf dem gleichen beziehungsweise in einzelnen Sektoren auf einem höheren Niveau."

Überzeugung des Einzelnen

Für den Forscher hat die Krise auch den Nebeneffekt des Ausprobierens: "Wir haben in der Krise Einiges versucht und ein Teil davon – auch wenn er erzwungen war – ist vielleicht doch so, dass er beibehalten wird, wenn es für alle passt." Als Beispiel nennt Steininger Videokonferenzen statt Dienstreisen. "Aber dazu braucht es die Überzeugung des Einzelnen", so der Professor. Um aus dieser Krise wirtschaftlich gestärkt herauszugehen, spielt auch die regionale Produktion eine große Rolle, erklärt Steininger: "Internationale Lieferketten und verzweigte Produktionsprozesse können zu Versorgungsproblemen führen."

Regionaler 3D-Druck

Wenn Länder in Asien keine Medikamente, elektronische Bauteile oder Ersatzteile für die Automobilindustrie mehr liefern können, kann das dramatische Auswirkungen für die Bevölkerung und die Wirtschaft in Europa haben, beschreibt der Experte und ergänzt: "Diese Erkenntnisse sprechen dafür, regional konzentrierte Produktionsstrukturen aufzubauen, um autonomer zu sein, mit dem Nebeneffekt, dadurch den ökologischen Fußabdruck deutlich zu verringern." Als Beispiel nennt Steininger den 3D-Druck: "Anstatt das Ersatzteil im Ausland zu bestellen, könnte in Zukunft nur mehr der Bauplan geschickt werden und das Teil vor Ort produziert werden. Damit holt man auch die regionale Wertschöpfung zurück."
Ein weiteres Beispiel ist die Flow-Chemie, die es erlaubt, pharmazeutische Wirkstoffe in kleineren Einheiten herzustellen, und damit der Abhängigkeit von internationalen Lieferketten entgegenwirkt. Ein Pionier in diesem Forschungsgebiet ist der Chemiker Oliver C. Kappe von der Universität Graz. 

Konsumenten sind gefragt

Wie so oft wenn es um umwelttechnische Fragen geht, betont Steininger auch hier: "Die Konsumenten haben den Hebel in der Hand. Die Produktion wird nur etwas verändern, wenn der Konsument es fordert. Es ist wichtig, dass wir aus diesem Sturmtief mit neuen Erkenntnissen herausgehen und nicht gleich den nächsten Orkan zu befeuern." Der Klimaökonom bezieht sich dabei auf die Gefährdung durch den Klimawandel. Neben dem Verhalten des Einzelnen sieht der Klimaökonom vor allem die Reaktionen der Politiker als wichtigen Ansatzpunkt: "Dazu gehört, wie mit der Budgetsanierung umgegangen wird, aber beispielsweise auch die Umweltpolitik, die ja schon vor der Krise verfolgt wurde und deren Bedeutung immer größer geworden ist."

Eine Chance für unsere Umwelt birgt die aktuelle Situation jedenfalls: „Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Krise können grundlegende Veränderungen im Sinne einer nachhaltigen Transformation vorantreiben.“ Die aktuelle Krise könnte uns die Entscheidung, althergebrachte Wege zu verlassen, leichter machen, hofft Steininger. Nachdenklich stimmt ihn allerdings, dass angesichts der unmittelbaren Bedrohung durch das Corona-Virus plötzlich Maßnahmen und Verhaltensänderungen akzeptiert werden, die der Klimawandel mit seiner langfristigen, größeren Gefährdung zumindest bisher nicht rechtfertigen konnte.

Aktuelle Informationen zu Umwelt und Corona-Krise, beispielsweise eine Analyse zum Konjunkturpaket nach Corona und seiner Klimawirksamkeit, finden Interessierte unter wegcenter.uni-graz.at.

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