16.09.2014, 11:55 Uhr

Kinder allein zu Hause

Eltern unterwegs: Ab welchem Alter man Kinder alleine lassen kann und was es dabei zu beachten gibt.

Viele Eltern kommen nach der Arbeit spät nach Hause. Es stellt sich die Frage: Ab welchem Alter kann man Kinder alleine lassen? Das Gesetz sieht keine eindeutige Regelung vor. Fest-steht, dass bis zum 18. Lebensjahr Eltern oder Erziehungsbeauftragten die volle Aufsichtspflicht haben. Man kann Kinder – das ist richtig – nicht einfach sich selbst überlassen. Man muss sie auf Gefahren aufmerksam machen und sicherstellen, dass sie sich an Regeln halten.
Ab welchem Alter kann man Kinder grundsätzlich aus den Augen lassen? Nach der Entwicklungspsychologie keinesfalls unter 3 Jahren – auch nicht für wenige Minuten. Das Kind sollte in Reichweite sein, denn es hat noch keine Vorstellung vom eigenen Ich und möglichen Gefahren. Ab dem fünften Lebensjahr sind erste unbeaufsichtigte Momente möglich: Man kann das Kind in den Hof lassen, etwa wenn man Blickkontakt hat. Mit dem Beginn der Schule und des regelhaften Denkens sind längere Zeiten, etwa ein bis zwei Stunden,möglich. Länger alleine lassen sollte man Kinder nicht vor dem neunten Lebensjahr und das nur nach guter Vorbereitung. Ab dem Beginn von Haupt- oder Mittelschule können Kinder untertags alleine sein, wenn klar ist, wann die Eltern kommen.
Natürlich hängt das von der Reife des Kindes ab: Kann es sich an Regeln halten? Kann es sich selbstständig etwas zu essen richten? Weiß es, wie man Hilfe holt? Kann es gefährliche von ungefährlichen Situationen unterscheiden?
Ab dem 12. Lebensjahr können Kinder auch am Abend alleine bleiben – maximal aber bis eine Stunde vor Mitternacht. Grundsätzlich sollten sie mit dem Alleine-Lassen eher vorsichtig sein.

So klappt das Alleinelassen
1. Versichern Sie sich des Einverständnisses Ihres Kindes! Wenn es nur widerwillig zustimmt, lassen Sie es bitte sein.
2. Seien Sie sicher, dass das Kind die wichtigsten Regeln beherrscht: Es muss wissen, was es darf und was nicht, sodass es Fremden etwa nicht die Türe öffnet.
3. Sperren Sie Ihr Kind nicht ein! Es muss die Türe öffnen können.
4. Machen Sie Tests, ob das Alleinsein klappt. Beobachten Sie etwa, was Ihr Kind macht, wenn es Hunger hat oder sich schlecht fühlt.
5. Beginnen Sie mit kleinen Einheiten: Etwa, indem Sie fünf Minuten in den Keller gehen oder für 15 Minuten einkaufen. Prüfen Sie natürlich, ob alle Gefahrenquellen beseitigt sind: die Fenster geschlossen, der Herd ausgeschalten.
6. Bauen Sie ein Netz aus Verwandten und Nachbarn auf, die erreichbar sind und im Notfall helfen. Statten Sie Ihr Kind mit den wichtigsten Telefonnummern aus.
7. Machen Sie klar, wie lange Sie weg sind, und halten Sie diese Zeiten peinlich genau ein. Ansonsten verunsichern Sie Ihr Kind. Rufen Sie auch zwischendurch mal an – nicht um zu kontrollieren, sondern um Sicherheit zu geben.
8. Kinder für mehrere Tage alleine zu lassen und darauf zu vertrauen, dass alles gutgeht, ist ein absolutes No-go. Mindestanforderungen sind tägliche Kontaktmöglichkeit und ein unterstützendes Netzwerk. So können Kinder ohne Angst ihre Autonomie entwickeln.


DER EXPERTE
Dr. Philip Streit ist Psychologe, Psychotherapeut und Lebens- und Sozialberater.
Seit 20 Jahren leitet er das „Institut für Kind, Jugend und Familie“ in Graz, das größte Familientherapiezentrum der Steiermark.
Jede Woche beantwortet er in der „WOCHE“ eine Frage rund um die Themen Erziehung und Beziehung.
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